(Residenzenforschung 24), Ostfildern 2010, Thorbecke, 552 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Fritz Koller (Salzburg) PDF-Datei
Mehrere Jahre hindurch beschäftigte sich eine interdisziplinäre Forschergruppe im Rahmen eines vom österreichischen Forschungsförderungsfonds geförderten Projektes mit der Residenz der Salzburger Fürsterzbischöfe (das Ergebnis wurde mittlerweile publiziert: G. Ammerer/I. Hannesschläger, Strategien der Macht, 2011). Das Vorhaben verstand sich von Anfang an als Beitrag zur europäischen Residenzenforschung, wie sie von der betreffenden Kommission bei der Akademie der Wissenschaften in Göttingen (Arbeitsstelle Kiel) betrieben wird. Dabei verstärkte das Salzburger Projekt die Forschung zu den Residenzen der geistlichen Staaten des Alten Reiches. Fast notwendigerweise ergab sich das Bestreben, die literarische und virtuelle Verbindung in Form einer Begegnung zu intensivieren. Diese Absicht wurde vom 19. bis 22. Februar 2009 in den Räumen der Landkartengalerie Erzbischof Wolf Dietrichs in der Salzburger Residenz mit einer Tagung realisiert, die trotz des schneereichen Wochenendes bemerkenswert zahlreich besucht und in den Medien Beachtung fand. Ihre Vorträge werden im vorliegenden Band präsentiert.
Der ambitionierten Zielsetzung der Tagung, verschiedenste Aspekte der geistlichen Residenzen zu beleuchten und am Beispiel Salzburgs als dem bedeutendsten geistlichen Fürstentum im süddeutschen Raum zu vertiefen, entspricht die beachtliche Zahl von 25 Beiträgen, gegliedert in drei Sektionen (Strukturen - Regionen - Salzburg), die von 32 Autoren aus sechs Ländern, mit einem Schwerpunkt in Deutschland und Österreich, gestaltet werden. Um die Vielfalt zu bündeln, legt der Mitherausgeber Wolfgang Wüst einen Raster von zehn Fragen vor: Sie betreffen die (mögliche) Zweigeteiltheit (Dichotomie) des sakralen und profanen Raumes, mögliche Konsequenzen für eine geistliche Residenzstadt aus Konfessionalisierung und Herrschaftsverdichtung, reichskirchliche Netzwerke und fürstbischöfliche Hofhaltung, das Verhältnis von Hof, Residenz und dem Land, die Identifizierung mit dem Regierungs- und Verfassungssystem geistlicher Staaten, das Problem stiftsstaatlicher Vielherrigkeit und die Chancen des Wahlsystems, die Ausprägung von Kommunikation, Zeremoniell und Rangordnungen, die Rezeption geistlichen Regierens im 19. und 20. Jahrhundert, Überlieferung und Quellenprobleme sowie schließlich die Frage, ob Salzburg als Prototyp für die Reichskirche gelten kann. Da sich mehrere Beiträge auch der Sektion "Strukturen" mit Salzburg beschäftigen, wäre man fast geneigt, die letzte Frage positiv zu beantworten, doch ist diese Aufmerksamkeit wohl in erster Linie dem Tagungsort geschuldet. Wolfgang E. J. Weber wendet sich in seinem Eröffnungsvortrag den Staatstheorien zu, die den Salzburger Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau (1587-1611), der selbst einen ungedruckten Traktat "De principe" verfasste, beeinflussten. Sein Anspruch auf absolute Herrschaft und uneingeschränkte Verfügbarkeit aller Ressourcen sollte zunächst seiner Ambition als führender Fürst der Gegenreformation im süddeutschen Raum dienen. Als er sich darin von den Bayernherzögen Wilhelm V. und Maximilian I. übertroffen sah, war sein Scheitern schon vorprogrammiert. Wolfgang Wüst stellt seinem Beitrag "Macht, Ökonomie und das Phänomen stiftischer 'Vielregiererei'" eine Reihe von negativen Beschreibungen geistlicher Residenzen im (heutigen) Bayern voran, der er die Feststellung anschließt, dass "diese hastigen Befunde zur letzten Stunde (...) einer quellenkritischen Prüfung nicht stand" halten. Seiner Analyse der Agrarstaatlichkeit geistlicher Fürstentümer und ihrer positiven Bewertung wäre aus Salzburger Sicht hinzuzufügen, dass hier die erzielten Überschüsse in einem volkswirtschaftlich durchaus modernen Ansatz zur Subventionierung der defizitären Bergwerke dienten, was Arbeitsplätze und Rohmaterial für die Münze garantierte. Eckhard Leuschner geht den römischen Impulsen der Bautätigkeit Wolf Dietrichs nach, der den gegenreformatorischen Auftrag einer "Reparatur der Kirche" auch in seiner wörtlichen Bedeutung aufnahm. Allerdings sah er sich auch hier - Leuschner weist darauf hin - von den Bayernherzögen durch den Bau von St. Michael in München überspielt. Seine Antwort darauf, sein überdimensioniertes Domprojekt, blieb unrealisiert. Die Sektion "Regionen" misst mit sechs Beiträgen das Alte Reich von der Ostsee bis in das Trentino und vom Elsass bis nach Sachsen aus, wobei anhand einzelner Beispiele regionale Besonderheiten dargestellt werden. In der abschließenden Sektion "Salzburg" befasst sich Patrick Schicht unter dem Titel "Profane Residenzen" mit dem Burgenbau der Salzburger Erzbischöfe, zeigt die Vergleichbarkeit dieser Anlage mit anderen Hochadelsburgen, macht aber auch auf die Besonderheit einer "Übernahme von Elementen aus der Sakralbauausstattung" aufmerksam. Ab 1200 änderten die Erzbischöfe im Zuge der "Landwerdung" ihrer Herrschaft ihre Burgenpolitik, wobei die Neuanlagen nicht "die Nähe zu stadtähnlichen Siedlungen" suchten, sondern die befestigten Städte selbst mit ihren Burgen die Grenzen des neuen Landes markierten. Dabei wäre vor anderen Tittmoning zu erwähnen gewesen, dessen Befestigung die Trennung von Bayern besonders demonstriert. Der Blick nach Bayern ? Altbayern und Rupertiwinkel (Burg/Residenz Laufen!) - kommt generell etwas zu kurz. Die Organisation der unumschränkten Herrschaft und Verfügbarkeit über den Reichtum des Erzstifts durch Wolf Dietrich beschreiben Gerhard Ammerer und Katharina Karin Mühlbacher in ihrem Beitrag "Auf dem Weg zum Steuer- und Verwaltungsstaat". Trotz drastischer Einkommenssteigerungen ergaben die exorbitanten Ausgaben für Bautätigkeit und Familie eine negative Bilanz. Die Auswertung der Besoldungslisten zeigt zudem, dass ganze Macht und volle Kontrolle nur um den Preis einer Erhöhung der "Dienstposten" zu haben waren. Das Programm der Landkartengalerie entschlüsselt Lisa Roemer, wobei sie die Darstellung antiker Großreiche als Vorbilder für den Totalitätsanspruch der nachtridentinischen Kirche interpretiert. Dem 18. Jahrhundert und dem "Appartement des Fürsterzbischofs Franz Anton Graf Harrach" wendet sich Ulrike Seeger zu. Anstelle der universalen Orientierung nach Rom unter Wolf Dietrich gab man sich hundert Jahre später in Salzburg mit einer Ausrichtung an der Hofburg in Wien bescheidener. Interessant ist der Hinweis, dass die Wahl eines Familienmitgliedes zum Reichsfürsten nicht nur für die Familie, sondern auch für ihre Klientel an Künstlern und Handwerkern von großer (finanzieller) Bedeutung war. Eng an den Quellen beschreibt Walter Schlegel mit dem "Alltag in der Residenz" den technischen Betrieb des umfangreichen Baukörpers. Manches, zum Beispiel das Einlegen von Salzsteinen in die Dachrinnen, um ihre Vereisung zu verhindern, illustriert Vergangenes, manches, zum Beispiel das Verbot von Zechgelagen der Bauamtsleiter mit ihren Lieferanten, klingt durchaus modern ("Anfüttern"). Der Verlust seiner Kunstwerke aus der Residenz während der Napoleonischen Zeit ist in Salzburg immer ein Thema. Der daraus resultierenden "Provenienzrecherche zur Gemäldesammlung des Erzstiftes Salzburg" widmen sich Roswitha Juffinger im Überblick sowie Imma Walderdorff und Norbert M. Grillitsch im Detail. Anhand von Beispielen zeigen sie die zusätzlichen Schwierigkeiten für die Forschung, die aus einer Unterschlagung der geraubten Kunstwerke beziehungsweise aus den sehr subjektiven Kriterien, mit denen sich die Expropriateure bedienten, resultieren. Christoph Brandhuber beschäftigt sich mit der Macht, die noch der Leichnam des Fürsten im Rahmen des barocken Begräbniszerimoniells auf seinen Hof und die Untertanen ausübte. Über das Ende des geistlichen Staates hinaus ins 19. Jahrhundert weist der Beitrag von Ingonda Hannesschläger zur "Hauskapelle von Erzbischof Friedrich Fürst Schwarzenberg". Ihre neugotische Ausstattung wirft Fragen nach der Rezeption dieses Stils in Salzburg auf, wobei jedoch der dominante Einfluss aus Bayern außer Diskussion steht. Ein Personen-, ein Ortsregister und ein Autorenverzeichnis beschließen den Band, mit dem den Herausgebern und den Autoren ein großer Schritt in der Forschung zu den Residenzen der geistlichen Staaten gelungen ist. Über dieses prioritäre Ziel hinaus bieten die Ergebnisse und Anregungen einen Ertrag für die Landesgeschichte mehrerer Regionen, den man dankbar zur Kenntnis nimmt und der für sich allein den Aufwand, den jedes derartige Symposion und die Drucklegung seiner Vorträge bedingen, in vielfacher Weise rechtfertigt.
Erschienen am 04.10.2011
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