Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Hans Krawarik

Exul Austriacus. Konfessionelle Migrationen aus Österreich in der Frühen Neuzeit

(Austria: Forschung und Wissenschaft - Geschichte, Bd. 4), Münster 2010, LIT, 323 Seiten, 50 Abbildungen, 10 Karten

Rezensiert von Werner Wilhelm Schnabel (Erlangen)      PDF-Datei


Anders als viele andere Publikationen zur Geschichte der konfessionell motivierten Auswanderung aus Österreich unternimmt es die Arbeit von Hans Krawarik, die sehr unterschiedlichen Migrationswellen zwischen den 1570er und den 1830er Jahren im Zusammenhang zu behandeln. Mit der Beschränkung auf Wanderungsbewegungen, die unmittelbar als Folge der Glaubensauseinandersetzungen identifiziert werden können, entgeht er der in der neueren Migrationsforschung virulenten Gefahr, das einzelne historische Phänomen zu entkontextualisieren und nur noch unter gleichsam strukturfunktionalistischer Perspektive zu behandeln.
Auf breiter Literaturbasis bietet der Verfasser, der vor allem mit zahlreichen Arbeiten zur Siedlungsgeschichte Österreichs hervorgetreten ist, eine Synthese der Forschungen, die seit vielen Jahrzehnten zum Thema publiziert worden sind. Gerade die Vielzahl der Untersuchungen, oft auch an entlegenem Ort erschienen, machen eine Zusammenschau der Ergebnisse sinnvoll und notwendig, um den Überblick über die längerdauernden Prozesse nicht zu verlieren. Das gelingt der Arbeit in hohem Maße. Den Bezug zum - immerhin nicht unbedingt erfreulichen - Gegenstand verliert sie auf der anderen Seite vor allem deshalb nicht, weil sie das politische Geschehen und die 'großen Linien' immer wieder auf die Schicksale einzelner Personen 'herunterbricht'. Individuen und repräsentative Gruppen erscheinen als Opfer der herrscherlichen Bestrebungen zur Vereinheitlichung des Untertanenverbandes, die auch das Glaubensbekenntnis mit umfaßt. Ein solcher Zugang ist heute möglich, weil eine florierende Exulantenforschung vor allem in den fränkischen und schwäbischen Zielgebieten seit Jahrzehnten sehr detaillierte Informationen zu den Schicksalen der Aus- bzw. Zuwanderer erarbeitet hat. In erheblichem Ausmaß kann Krawarik deshalb die Dokumentationsarbeiten heranziehen, die insbesondere die Gesellschaft für Familienforschung in Franken erstellt hat. Den Lebensweg der dort in zahlreichen Publikationen listenmäßig erfaßten Personen und Familien bindet er oft sehr anschaulich in größere Zusammenhänge ein und konturiert die individuellen Schicksale damit als repräsentativ.
In gelungener Weise verknüpft der Verfasser die Forschungsergebnisse der Herkunfts- und Zielgebiete, die neben dem süddeutschen Raum auch Ungarn oder mittel- und ostdeutsche Gebiete umfassen. Nach einem Exkurs über das obrigkeitliche Vorgehen gegen die Täufer seit den 1520er Jahren werden in einem ausführlichen Kapitel zunächst die Lebensbedingungen der Evangelischen in Österreich behandelt, die sich zwischen Konfessionalisierung und Toleranzedikt in unterschiedlichen politischen und rechtlichen Verhältnissen zu behaupten hatten. Die Behandlung der verschiedenen Exulantenwellen beginnt mit den 1570er Jahren. Sie nimmt die Ausweisung des protestantischen Bürgertums aus den Städten, den Abzug des evangelischen Adels aus seinen Landsitzen und die 'schleichende' Massenemigration der Landbevölkerung in den 1650er Jahren in den Fokus. Zu dieser Zeit galten Maßnahmen zur Vereinheitlichung der Konfessionsstruktur als durchaus tolerierte Maßnahmen obrigkeitlichen Wirkens, da sie innerstaatliche Konfliktpotentiale ausschalteten. Den zunehmend aufgeklärteren Zeiten, die nun auch das individuelle Bekenntnis zu achten begannen, waren die Vertreibungswellen im Hochstift Salzburg (das damals eigentlich nicht zu Österreich gehörte) allerdings nicht mehr angemessen; ihnen fielen in den 1680er Jahren die Deferegger Protestanten, in den 1730ern dann die 'Unkatholischen' im gesamten Hochstift zum Opfer. Die Folge waren spektakuläre Gruppenwanderungen nach Norden, die vielerorts auch literarischen Niederschlag gefunden haben. Behandelt werden weiter die noch unter Kaiser Karl VI. und Maria Theresia erfolgten menschenverachtenden 'Transmigrationen' nach Ungarn und Siebenbürgen, die für die Zwangsverschafften oft das Todesurteil bedeuteten. Und noch weit nach dem 'Toleranzpatent' wurden die Protestanten im Zillertal in den 1830er Jahren nicht nur in ihrer Glaubensausübung behindert, sondern auch als vermeintliche "Inklinanten" zur Auswanderung nach Preußen gezwungen.
Neben diesem historischen Abriß verschiedener Auswanderungsbewegungen widmet sich der Verfasser auch der Frage, ob den Migranten der Exulantenstatus zuzusprechen sei. Er ist in der älteren und neueren Terminologie im Sinne von 'Glaubenszeugenschaft' ja immer auch religiös-moralisch konnotiert. Angesichts der Quellenlage ist die Antwort ziemlich eindeutig: Wenngleich gerade in Franken und Schwaben vereinzelt auch altgläubige Österreicher in evangelische Gebiete zugewandert sind, bei denen man religiöse Motive nicht unterstellen kann, handelte es sich bei der Masse der Migranten eindeutig um Vertriebene aus konfessionellen Gründen. Anhand zahlreicher Beispiele geht das Buch schließlich auch auf die Lebensverhältnisse in den neuen Heimatgebieten und auf die Nachwirkungen der Immigrationen ein.
Die Untersuchung Krawariks über die Geschichte der Religionsverfolgungen und den Leidensweg der österreichischen Protestanten in rund 300 Jahren stellt eine beachtliche synthetisierende Leistung dar, die den gegenwärtigen Stand des Faktenwissens gut lesbar zusammenfaßt und akzentuiert. Die Ereignisse verfolgt der Verfasser zum Teil abgewogen und sachlich, zum Teil allerdings auch mit Emphase, durchaus harschen Worten und aktualisierendem Gestus. Gelegentliche Flüchtigkeitsfehler bleiben bei der Fülle der Details nicht aus; die Zitierweise entspricht nicht immer den üblichen Gepflogenheiten. Erfreulicherweise erschließt ein Ortsregister das reichhaltige Material. Gewünscht hätte man sich allerdings auch einen zugegebenermaßen aufwendigen, aber um so nützlicheren Personenindex, der die zahlreich enthaltenen prosopographischen Detailinformationen leichter zugänglich gemacht hätte.

Erschienen am 08.03.2012

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