Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Rainer Babel / Guido Braun / Thomas Nicklas (Hg.)

Bourbon und Wittelsbach. Neuere Forschungen zur Dynastiengeschichte

(Schriftenreihe zur Erforschung der Neueren Geschichte 33), Münster 2010, Aschendorff, 550 Seiten

Rezensiert von Peter Claus Hartmann (Mainz)      PDF-Datei


Der vorliegende Sammelband ist das Ergebnis einer Tagungsreihe zu dem wichtigen dynastiegeschichtlichen Thema "Bourbon und Wittelsbach". Es handelt sich um ein deutsch-französisches Forschungsprojekt, an dem prominente, erfahrene Professoren und Professorinnen, engagiert forschende Dozenten, Doktoranden und Doktorandinnen mit einschlägigen Themen beteiligt waren. Thematisch handelt es sich um einen bunten Strauß von Beiträgen, die sich mit den Dynastien der Frühen Neuzeit beschäftigen, so mit der "societé des princes", der Kooperation und den Konflikten innerhalb der Herrschaftsfamilien, der Pietas der Dynastien, ferner mit Heiratsverbindungen, Legitimation, Diplomatie, Herrscherbild, Residenz und Hof. Gerade die Dynastien der Bourbonen, Wittelsbacher und Habsburger haben die Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit stark geprägt und bestimmt.
Am Anfang des Sammelbandes steht eine kompetente, ins Grundsätzliche gehende Einleitung der Herausgeber (in umgekehrter Reihenfolge mit Nicklas beginnend), in der auch allgemein auf die Beziehungen Frankreichs und Bayerns sowie der Wittelsbacher und Bourbonen, eingegangen wird. Sie enthält eine gute, ausgewogene Auswahl der wichtigsten gedruckten Quellen und Literatur. Hierauf folgt als erster Themenbereich "Die europäische Fürstengesellschaft", der gleich mit einem Beitrag des Pariser Professors Lucien Bély, ausgewiesen für das Thema durch seine grundlegenden, einschlägigen Werke, eingeleitet wird: "Race des Rois, monde des Princes, société des Souverains: Pour une vision globale des Maisons … l'époque moderne." Bély bietet hier einen ausgezeichneten Überblick über die Thematik. Es folgt der bemerkenswerte Aufriss von Wolfgang Weber, der sich mit den internen und externen Dynamiken der frühneuzeitlichen Herrscherdynastie beschäftigt.
Hierauf kommt als zweiter Themenkomplex "La Maison/Das Haus". Er wird eingeleitet durch einen interessanten Beitrag von Gabriele Haug-Moritz, die über den wittelsbachisch-bourbonischen Tellerrand schaut. Sie untersucht nämlich das Beispiel des Hauses Wettin in der Mitte des 16. Jahrhunderts als dynastischen Konflikt in medialer Deutung. Ähnlich interessant und quellengesättigt ist der Beitrag von Thomas Brockmann, der sich mit dem Verhältnis der habsburgischen Teildynastien im Vorfeld und in der ersten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges beschäftigt. Ebenfalls mit einem Habsburger Thema befasst sich Jean Bérenger und schöpft hier aus dem Reichtum seines Forschungsgebietes. Er analysiert die dynastischen Probleme in der Politik Kaiser Leopolds I.
Als dritter Themenbereich sind sodann Beiträge zur Begründung der Dynastien zusammengefasst. Hier kommt zunächst der Untersuchung von Michel Kerautret eine wichtige Rolle zu, der überzeugend auf die Bildung der napoleonischen Dynastie und die Paradoxien der Monarchie Napoleons eingeht. Dem schließt sich als Beispiel des 16. Jahrhunderts der Beitrag von Martina Wagner über die Auseinandersetzungen um die dynastische Legitimität Kardinal Karls von Bourbon an und ein weiterer Artikel von Michel Kerautret, der sich der Tradition und Neuheit der dynastischen Beziehungen Frankreichs und Bayerns in der napoleonischen Epoche zuwendet.
Im vierten Abschnitt mit dem Thema "Fürstenhochzeiten" folgt ein mit umfangreichem Quellenapparat belegter französischsprachiger Beitrag von Guido Braun über die Thematik der dynastischen Hochzeiten und die Verhandlungen beim Westfälischen Friedensvertrag. Ebenfalls französisch ist der instruktive Beitrag von Thomas Nicklas "France - Bavière - Savoie", der sich mit den Motiven einer dynastischen Politik im 17. Jahrhundert beschäftigt.
Ein spannendes, ausgefallenes Thema behandelt, gut dokumentiert, Ludolf Pelizaeus, nämlich die Frage, warum die Verhandlungen des sich im Exil befindenden, Abenteuer liebenden bayerischen Kurfürsten Max Emanuel um ein Mittelmeerkönigreich 1711 bis 1714 gescheitert sind. Der darauf folgende, profunde und interessante Beitrag von Alois Schmid analysiert die Gesandtschaft des Wiener Kaiserhofes in München 1746 bis 1756, bevor dann im sechsten Teilbereich das "Bild vom Fürsten" im Mittelpunkt des Interesses steht.
Als erster Beitrag dieses Teils werden von Stefan W. Römmelt Repräsentationsstrategien des alten Fürsten um 1700 am Beispiel Ludwigs XIV. und Max Emanuels analysiert, bevor Peter A. Heuser untersucht, wie Bayern in der Pariser Gazette zur Zeit des Westfälischen Friedens behandelt wird. Der siebte Teil bündelt sodann Beiträge zum Thema "Residenzen, Höfe und Titel". Hier zeigt Olivier Chaline in seiner vergleichenden, anregenden Studie, dass ähnlich wie als Dank für die Geburt des lang ersehnten Thronfolgers Max Emanuel in München die Theatinerkirche mit Kloster errichtet wurde, so als Dank für die 23 Jahre dringend erhoffte Geburt Ludwigs XIV. die Abtei Val-de-Grƒce in Paris. Beiträge "zu den Grenzen des Kulturtransfers" und des "Modells Frankreich" bei den Wittelsbachern und über die Wettiner in ihrer Dresdner Residenz liefern Eva-Bettina Krems bzw. Philippe Sandraix, einen über die Auseinandersetzungen um den Majestätstitel für Frankreich bei den Westfälischen Friedensverhandlungen Niels F. May.
Im achten Teil folgen schließlich die anregenden Beiträge von Rainer Babel über "das Haus Lothringen in der Politik", von Gerhard Immler über Bayern und Lothringen und die Chancen und Risiken mittelstaatlicher Politik zwischen Habsburg und Frankreich und von Josef Johannes Schmid über Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg und Clemens August von Bayern als Beispiele der "Reichskirchenpolitik" der Wittelsbacher.
Der interessante, anregende Sammelband mit sehr vielseitigen Beiträgen wird durch ein wertvolles Orts- und Personennamenregister und aussagekräftige Abbildungen ergänzt. Er stellt einen beachtlichen Beitrag zur europäischen Dynastiegeschichte der frühen Neuzeit sowie der bayerischen und wittelsbachischen Geschichte dieser Zeit dar.

Erschienen am 05.03.2012

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