Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Alf Mintzel

Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie: Die Buchdruckerei Mintzel und ihr Zeitungsverlag. Ein Familienunternehmen in fünf Jahrhunderten

Berlin 2011, Duncker & Humblot, 2 Bde., XXII, 693, XXV, 895 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Werner Wilhelm Schnabel (Erlangen)      PDF-Datei


Alf Mintzel, in erster Linie als politikwissenschaftlicher Parteienforscher bekannt, ist seit über 30 Jahren immer wieder auch als Kulturhistoriker hervorgetreten, der einige bemerkenswerte presse- und mediengeschichtliche Untersuchungen zur Stadt seiner Vorfahren, dem oberfränkischen Hof, verfaßt hat. In seiner neuen, schon äußerlich gewichtigen Arbeit widmet er sich der Geschichte der Druckerdynastie Mintzel, die heute als das älteste Familienunternehmen auf diesem Gebiet mit durchgehender Tradition gilt.
Der erste Band umfaßt die Geschichte der Familie von der Zeit des Dreißigjährigen Krieges bis um 1800. Dargestellt werden die Anfänge der Familie, die in die evangelische Zeit der Oberpfalz vor dem Beginn des großen Krieges zurückführen. Wohl um der Gegenreformation und dem Krieg in der Heimat aus dem Weg zu gehen, ließ sich der Firmengründer Johann Albrecht Mintzel zunächst in Leipzig nieder, wo seine 1625 gegründete Druckerei vielleicht gerade wegen der Kriegsereignisse und des Informationshungers der Zeitgenossen bald florierte. Eben diese Geschehnisse waren es aber auch, die den Drucker 1642 zum Wechsel ins vermeintlich sicherere markgräfliche Hof veranlaßten. Dort durchlebte die Firma in der Folge sehr wechselvolle Zeiten, feierte Großaufträge der Obrigkeit und erfolgreiche Projekte, hatte wiederholt aber auch Mißerfolge und Rückschläge hinzunehmen, ja mußte zeitweilig sogar aufgegeben werden. Erst im 19. Jahrhundert, mit dem der zweite Band der Darstellung beginnt, gelang der Druckerei ein Neubeginn, nachdem sie 1801 von Johann Heinrich Mintzel, einem Vertreter der fünften Generation, zurückgekauft worden war. Insbesondere die Herstellung von Zeitungen verhalf zu zeitweiligem Erfolg; angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse und der nicht untätigen Konkurrenz mußte der Betrieb freilich 1828 erneut verkauft werden. 1834 zurückerworben, konnte sich die Firma mit dem Eintritt Carl Hörmanns dann nicht nur erneut etablieren, sondern auch langfristig am Markt halten. Als Zeitungsdruckerei publizistisch immer in alle Hochphasen und Katastrophen der politischen Geschichte einbezogen, wurde das Unternehmen erst 2009 ein Opfer der Medienkrise, die die Druckproduzenten im Zeitalter elektronischer Kommunikationsmittel allenthalben in Bedrängnis bringt. Zumindest der Name "Mintzel-Druck" ist seit der Übernahme durch einen neuen Inhaber aber vorerst gesichert.
Die Geschichte einer traditionsreichen oberfränkischen Druckerei aus der Feder eines Angehörigen der langjährigen Eignerfamilie entwirft ein überaus materialreiches Panorama. Sie verwebt in rund 400 Jahren Gewerbegeschichte die Familienhistorie und Biographik, die angelegentlich ausgebreitet wird, in eindrucksvoller Weise mit der Geschichte des Druck- und Verlagswesens, der Kulturhistorie sowie der allgemeinen politischen Geschichte, der Regional- und Lokalgeschichte. Verfolgt werden die Lebensschicksale der Firmeninhaber und ihrer Angehörigen im Kontext von Zeitereignissen, geistigen Strömungen und persönlichen Verwicklungen. Deutlich wird die Abhängigkeit individuellen Erfolgs von den unbeeinflußbaren Rahmenbedingungen ebenso wie von der zunächst unabsehbaren Tragweite einzelner Entscheidungen. So bildet das zusammen gut 1600 Seiten umfassende Mammutwerk eine grundlegende Darstellung nicht nur einer elf Generationen umfassenden Druckerdynastie. Es ist zugleich eine Sozial- und Wirtschaftsgeschichte vor allem des oberfränkischen Raumes, die sich der 'dichten Beschreibung' im Sinne von Cliffort Geertz verpflichtet fühlt.
Allerdings unterscheiden sich die beiden Bände deutlich von einer fachgeschichtlichen Darstellung im landläufigen Sinne. Zwar ist der Materialreichtum kleinteilig gegliedert, sind die beeindruckend vielfältigen und kritisch gesichteten Quellen in Anmerkungen und Literaturverzeichnisen eingehend belegt; zwar wird die Argumentation in breite sozial- und gewerbehistorische Kontexte eingebunden und durch zahlreiche Abbildungen, Tabellen, Diagramme und Aufstellungen gestützt; zwar erlauben ausführliche Personen- und Sachregister den schnellen Zugriff auf gesuchte Informationen. Doch hat der Verfasser nach eigenem Bekunden eher ein 'historisch-literarisches Sachbuch' als eine 'exakte Darstellung' nach den Regeln der Fachhistoriographie intendiert. Statt distanzierter Darstellung versucht er sich in die historischen Akteure hineinzuversetzen, imaginiert Situationen aus ihrem Leben, die er dann in literarisch-erzählerischer Form, als fingierte Gedankengänge oder gar als szenische Dialoge präsentiert. Er unternimmt - vor allem im ersten Band - immer wieder Zeitsprünge, in denen er das Erleben seiner Vorfahren mit seinen eigenen Erfahrungen verknüpft - von den Eindrücken des Kriegskindes über die Auseinandersetzungen des Hochschullehrers bis zur Wahrnehmung der Wiedervereinigung Deutschlands oder der Erscheinung des 'Hale-Bopp' 1997. Auf diese Weise sprengt er die Chronologie der Geschichtserzählung ebenso auf wie er deren Linearität durch zahlreiche Exkurse und Digressionen unterwandert. Ja er bekennt sich sogar ausdrücklich zu subjektiver Erzählweise, die bis zur Parteinahme bei der Schilderung einstiger Konkurrenzverhältnisse geht (S. 420). Historiographische Distanz und kritisches Räsonnement werden so durch Identifikation, Vergegenwärtigung und Anteilnahme ersetzt und überdies immer wieder auf die stets präsente eigene Biographie des Autors bezogen, durch dessen Augen und mit dessen Erfahrungshorizont das Vergangene gesehen wird.
Es kann nicht ausbleiben, daß eine solche zum Teil 'essayistische', zum Teil 'romanhafte' Darstellungweise erhebliche Vorbehalte provoziert, hebt sie doch die üblicherweise genau beachteten Grenzen zwischen sachlich-neutraler Rekonstruktion und literarischer Fiktionalisierung, zwischen (zumindest intendierter) Objektivität und identifikatorischer Imagination auf. Gleichwohl ist nicht zu bestreiten, daß dem Verfasser ein überaus kenntnisreiches, materialgesättigtes Buch über das Leben 'kleiner Leute' gelungen ist, das sich zudem sehr spannend liest und immer wieder zum Nachdenken über eigene Verhaltensmuster und die eigene Historizität anregt. Mit seinem darstellerischen Konzept 'kontrollierter Fiktionen' (S. 5) hat Mintzel jedenfalls einen interessanten Weg beschritten. Es bleibt abzuwarten, ob er geeignet ist, die Faszination von Geschichte und die Ergebnisse seriös betriebener Geschichtsforschung auch Lesern zu vermitteln, die sich von gängigen sozial-, wirtschafts- und familienhistorischen Arbeiten kaum 'einfangen' lassen.

Erschienen am 24.05.2012

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