Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Volker Dotterweich / Karl Filser (Hg.)

Landsberg in der Zeitgeschichte - Zeitgeschichte in Landsberg

(Schriften der Philosophischen Fakultäten der Universität Augsburg, Historisch-sozialwissenschaftliche Reihe 79/80), München 2010, Verlag Ernst Vögel, 556 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Heinz Hürten (Eichstätt)      PDF-Datei


Die bayerische Kleinstadt Landsberg am Lech ist als Ort der Festungshaft Hitlers nach dem Novemberputsch, später der Außenlager des KZ Dachau wie des amerikanischen War Criminal Prison, in dem zahlreiche Todesurteile vollstreckt wurden, "Schauplatz der großen Geschichte" geworden, wie die Herausgeber in ihrem Vorwort (S. 9) betonen. Die Zeitgeschichte dieser Stadt, eben jener Epoche zu schreiben, in der sie diesen ihren singulären Platz unter den Städten Deutschlands einnahm, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, der sich insgesamt sechzehn Autoren gestellt haben.
Der Einleitung von Rolf Kießling, "Der Weg Landsbergs in die Moderne" folgen fünfzehn einzelne Arbeiten, die mit dem Ausgang der Kaiserzeit einsetzend das Leben in dieser kleinen Stadt bis zu deren zunächst wenig glücklichen Versuchen einer "Erinnerungspolitik" nach 1945 (Wolfgang E. J. Weber) verfolgen. Das Verfahren, die Zeitgeschichte Landsbergs in der Breite ihrer Phänomene zu erfassen, nimmt der Darstellung zwar den großen Atem historischer Erzählung, erlaubt dafür detaillierte, aktenfundierte Berichterstattung. Jedem Beitrag ist ein außergewöhnlich umfänglicher Anmerkungsapparat beigegeben. So ist ein Bild von Landsberg entstanden, das ebenso facettenreich wie eindringlich wirkt: Der Leser erfährt nicht nur, wie es um1900 um die sanitären Verhältnisse und die Gesundheit der Bevölkerung stand (Lothar Saupe, Die Garnison Landsberg im Spiegel der "hygienisch-statistischen Beschreibungen des Standorts" 1890-1912), sondern auch, welche verschlungenen Wege die Entnazifizierung gehen konnte (Wolfgang Daum). Wünsche bleiben nach Meinung des Rezensenten offen hinsichtlich des Schicksals der Juden. Das Pogrom vom November 1938 blieb in Landsberg mangels geeigneter Objekte (Synagoge und noch nicht arisierte Betriebe) aus, und den "meisten Landsberger Juden" sei die Ausreise in die USA (teilweise mit Unterstützung arischer Landsberger) gelungen (S. 215). Aber was geschah den anderen? Es wird lediglich von einer Frau berichtet, die der Verhaftung entkommen konnte und in Landsberg "in stets gefährdeter Illegalität" (ebd.) überlebt habe. Hier wäre eindringlichere Information erwünscht. Als Defizit darf weiter angemerkt werden, dass die religiösen Verhältnisse weitgehend ausgeblendet werden. Zwar ist in der Abhandlung über die nationalsozialistische Zeit der Konflikt des Regimes mit der katholischen Kirche erwähnt, aber auf Auseinandersetzungen um Verbände und Presse und eine Kontroverse zwischen Stadt und Bischof wegen der Neubesetzung des Stadtpfarramtes beschränkt. Als Element der Landsberger Gesellschaft tritt die Kirche weder in ihrer katholischen noch ihrer evangelischen Form in Erscheinung. Der Leser kann zwar die Namen der Stadtpfarrer beider Konfessionen finden, aber nicht die Zahl ihrer Gläubigen. So fallen auch bei der Darstellung der Aufnahme von Heimatvertriebenen auch keine Beobachtungen an, ob religiöse Übereinstimmung oder Divergenz zur aufnehmenden Gesellschaft von Bedeutung gewesen sind.
Ungeachtet solcher offen bleibender Wünsche ist den Herausgebern zu bestätigen, dass sie ein musterhaftes Werk vorgelegt haben, dessen Wert nicht allein in den zahlreichen sachkundigen Beiträgen besteht, sondern fast im gleichen Maße in einem umfangreichen Bildmaterial und zahlreichen Quellenauszügen, die wie Bilder in den laufenden Text (mit abweichender Type) eingesprengt sind. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet das Bild dieses vorzüglichen Bandes.

Erschienen am 09.06.2011

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