(Düsseldorfer Schriften zur Literatur- und Kulturwissenschaft 6), Essen 2010, Klartext, 312 Seiten
Rezensiert von Stefan Jordan (München) PDF-Datei
Das Regionale hat im Rahmen der Europäisierung, vor allem seit dem Wegfall der politischen Blockbildung und der Aufsplitterung ehemals sozialistischer Staaten eine neue Bedeutung gewonnen. Das von der Europäischen Union geförderte Konzept eines "Europa der Regionen" versucht gezielt, die identitätsbildende Funktion des Regionalen im Sinne einer transnationalen beziehungsweise nicht-nationalen Vernetzung mit Blick auf die europäische Einheit zu fördern. Dabei stehen besonders jene Regionen im Zentrum des Interesses, die aufgrund ihrer Geschichte (kultur-)national nicht homogen sind (zum Beispiel Südtirol), in denen die nationale mit der regionalen Identität konkurriert (zum Beispiel Baskenland) oder in denen sich entlang von Grenzverläufen unterschiedliche nationale Kulturen berühren (zum Beispiel Dreiländereck). Bei den Bemühungen um ein "Europa der Regionen" wird in der Regel kaum beachtet, dass regionale Identitäten - häufig mit politischer Absicht - "gemacht" wurden und dass sie keineswegs monolithisch sind, sondern veränderbar und politisch wie kulturell deutungsoffen. Vor dem Hintergrund dieses Defizits sind Bände wie der vorliegende sehr zu begrüßen, die im kulturhistorischen Zugriff die Entstehung regionaler Identitäten in Europa untersuchen.
Die Düsseldorfer Germanistin Gertrude Cepl-Kaufmann und der für den Landschaftsverband Rheinland tätige Historiker Georg Mölich haben in ihrem Band die Forschungsergebnisse zweier Tagungen aus den Jahren 2001 und 2006 zusammengestellt. Ein erstes Kapitel enthält sechs "theoretische Beiträge". Hier finden sich Untersuchungen, die die Konstruktion von Räumen als Strategie erkennbar machen (Karl Ditt), die "Region" als mittlere Ebene zwischen der unmittelbar erlebbaren Ebene des Lokalen und der abstrakt erfahrenen Ebene des Nationalen verorten (Walter Schmitz) oder eine "Rhetorik der Region" (Gertrude Cepl-Kaufmann) aufzuzeigen suchen. Zudem greift Andreas Schumann das Spannungsverhältnis von Heimat und Moderne auf, indem er sich der Frage widmet, "Wie Stereotype Neues verhindern"; Stephen Pielhoff zeigt an den Beispielen Alfred Lichtwarks, Fritz Schumachers, Karl Ernst Osthaus' und Friedrich Denekens avantgardistische Codierungen von Heimat im wilhelminischen Deutschland; und Wulf Wülfing präsentiert 14 knappe Thesen, mit denen er literarische Gruppen als Träger regionalen Selbstverständnisses auszuweisen sucht.
Das zweite Kapitel enthält fünf "Fallbeispiele" des Regionalen aus Deutschland. Justus H. Ulbricht demonstriert mit seinem Aufsatz über das "Wartburg-Weimar-Lebensgefühl" sehr anschaulich, wie eine Region ideologisch überhöht zu einem "imaginären" Identifikationsangebot werden kann. In eine ähnliche Richtung geht der Beitrag von Ulrich Gaier, der Mythen, Denkmäler und Wahrzeichen als Folge der Konstruktion von "imagined communities" betrachtet. Monika Gibas thematisiert mit besonderem Blick auf die DDR und das "Rote Mansfeld" regionale Identitätsangebote im Zeichen des Industriezeitalters. Antje Johannings Studie analysiert die Zeitschrift "Der Oberschlesier", um auf dieser Grundlage konkurrierende Konzepte einer oberschlesischen Identität in den Jahren von 1925 bis 1945 darzustellen. Für die bayerische Landesgeschichte von besonderem Interesse ist der kurze Beitrag von Bettina Keß, der den Weg des vor allem in der NS-Zeit geprägten Regionalbegriffs "Mainfranken" zum zentralen Terminus heutigen Tourismusmarketings nachzeichnet. Jenseits einer nichtexistenten verwaltungspolitischen Einheit werde so ein "Integrativbegriff" etabliert, der topographisch wie kulturell vage bleibe.
Das dritte Kapitel bietet sechs "Fallbeispiele" zu europäischen Regionen. Im Anschluss an zwei sehr spezialistische Beiträge über Macerata, die Hauptstadt der italienischen Region Marken (Antonella Gargano und Maria Paola Scialdone), widmen sich Hans-Georg Grüning der Geschichte Südtirols und Jürgen Thaler der Literaturgeschichte Vorarlbergs. Den Abschluss des Bandes bilden die Studien Germaine Goetzingers und Hans Heckers. Goetzinger diskutiert am Beispiel der luxemburgischen Industriellengattin Aline Mayrisch-de Saint Hubert und des von ihr in die Dienste des Dichters André Gide vermittelten Küchenmädchens Sissi Frank weibliche Konstruktionsprozesse regionaler Identität. Heckers eher theoretischer Beitrag betrachtet die Grenzziehungen im östlichen Europa, um wichtige Fragen zum Verhältnis zwischen nationaler und kultureller Identität und politischen Grenzen einerseits und zwischen Raum und regionalen Gesellschaften andererseits aufzuwerfen.
Sicherlich kann man Cepl-Kaufmanns und Mölichs Band vorwerfen, dass er mit seinem Spektrum Europa nur unzureichend abdecke. Doch relativiert sich diese Kritik deutlich, wenn man berücksichtigt, dass nahezu alle Beiträge die in ihnen behandelten Regionen als Fallbeispiele darstellen. Insgesamt geht es um die Theorie und Praxis der Mechanismen und Strategien einer Regionalisierung - um das "Making of ..." des Regionalen also. Damit steht der Band voll auf der Höhe der heutigen kulturalistisch ausgerichteten Erforschung der Kategorie "Raum".
Erschienen am 26.06.2012
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