Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Claudia Schretter / Peter Zerlauth (Hg.)

In libris. Beiträge zur Buch- und Bibliotheksgeschichte Tirols von Walter Neuhauser

(Schlern-Schriften 351), Innsbruck 2010, Universitätsverlag Wagner, 576 Seiten

Rezensiert von Wolfgang Müller (München)      PDF-Datei


Der Sammelband vereinigt 26 Aufsätze, die Walter Neuhauser von 1975 bis 2010 in verschiedenen Zeitschriften, Kongress- und Festschriften sowie Ausstellungskatalogen publiziert hat. Die chronologische Anordnung der Beiträge nach den ursprünglichen Erscheinungsjahren erschwert allerdings eine inhaltliche Orientierung.
Eingangs hervorgehoben sei der Artikel "Musikgeschichtliche Quellen in Klöstern, Bibliotheken und Archiven" (S. 425-494), da er von grundlegendem und viel allgemeinerem Interesse ist, als es der Titel zunächst vermuten läßt. Er liefert nämlich eine wenn auch knappe Übersicht der bestehenden wie untergegangenen weltlichen und geistlichen Bibliotheken und Archive Tirols (mit Karte), ihrer alten Inventare sowie modernen Kataloge, dazu noch eine siebenseitige Auswahlbibliographie.
Die buchgeschichtliche Stellung Tirols und seine Beziehungen zu den Nachbarn in Mittelalter und früher Neuzeit werden in drei Beiträgen umrissen: "Regionale Buchkultur im ausgehenden Mittelalter" (S. 283-297), "Buchgeschichtliche Beziehungen zwischen Schwaben und Tirol" (S. 235-247) sowie "Buchgeschichtliche Beziehungen zwischen dem Wiener Raum und Tirol im Mittelalter" (S. 405-424). Ganz allgemein waren im Mittelalter Tirols Verbindungen sowohl zum Norden (Schwaben und Bayern) wie Süden (Oberitalien) viel stärker ausgeprägt als die Ost-West-Beziehungen. Besonders enge Verbindungen bezüglich Handschriftenentstehung, Buchmalerei, Drucken und Einbänden lassen sich zwischen Schwaben und Tirol nachweisen. Dabei war ersteres vor allem der gebende, letzteres der nehmende Teil, sowohl durch entsprechende Aufträge bei schwäbischen Meistern für Tiroler Bibliotheken wie auch durch in Tirol eingewanderte schwäbische Meister; erste Druckereien gab es im deutschsprachigen Tirol erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts. Dagegen waren buchgeschichtliche Beziehungen zum Wiener Raum auf wenige Bereiche beschränkt und lediglich punktuell vorhanden, am ehesten vermittelt durch Tiroler Studenten an der 1365 gegründeten Wiener Universität, daneben durch einige Kontakte zwischen Klöstern beider Regionen.
Der Autor ist langjährig Leiter der Sondersammlungen und später Direktor der heutigen Universitäts- und Landesbibliothek Innsbruck gewesen. Kenntnisreich befasst er sich daher in mehreren Beiträgen mit der Geschichte dieser Bibliothek (S. 75-95, 249-262 und 371-385): von ihrer Gründung 1746 (also erst rund 75 Jahre nach Errichtung der Universität) aus Beständen der Ambraser Sammlung, der Innsbrucker Hofbibliothek und einer Schenkung Maria Theresias über die Bestandzuwächse bei Auflösung des Jesuitenordens und den Klosteraufhebungen Josephs II. sowie in den Säkularisierungen während der bayerischen Besetzung 1806-1814, gefolgt von teilweisen Restitutionen bei späterer Wiedererrichtung von fünf Klöstern, bis zur organisatorischen Entwicklung und der Erschließung der Bestände bis heute. Des Weiteren werden einige Einzelstücke der Bibliothek vorgestellt, darunter als wohl berühmtester der Innsbrucker Codices die Liederhandschrift B des Oswald von Wolkenstein (S. 283-297), sodann unter anderem die sogenannte Neustift-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391 (S. 41-74), Erfurter Blinddruckeinbände (S. 15-40) sowie die Überlieferungen der Schriften des Mediziners und Barockschriftstellers Hippolyt Guarinoni (S. 515-543).
Ein weiterer Schwerpunkt der Forschungen des Autors gilt den Tiroler Klöstern, deren Buchbestände teilweise in die Universitätsbibliothek Innsbruck eingegangen sind: voran dem Augustinerchorherrenstift Neustift bei Brixen mit seiner seit dem Spätmittelalter und heute wieder größten Klosterbibliothek Tirols, der allein die Hälfte des Innsbrucker Inkunabelbestandes entstammt (S. 97-128); sodann den Zisterziensern in Stams und ihren engen Beziehungen zum Mutterkloster Kaisheim (S. 151-179, 387-403), der überraschend ungebrochenen bibliothekarischen Kontinuität in Wilten trotz der zweimaligen Aufhebung des Prämonstratenserstiftes (S. 181-211), nicht zuletzt der Kartause Schnals (S. 263-281) und der Benediktinerabtei Marienberg im Vinschgau (S. 343-361).
Schließlich werden zwei bisher wenig gewürdigte private Büchersammlungen vorgestellt, die um 1500 von ihren geistlichen Besitzern in Stiftungen umgewandelt worden waren und so im wesentlichen bis heute vor Ort erhalten geblieben sind: die Bibliothek des Pfarrers Sigismund Ris in Flaurling im Oberinntal (S. 9-14) sowie diejenige des Wilhelm Taz, zunächst Freisinger Kanoniker und Sekretär Kaiser Friedrichs III., danach langjähriger Pfarrer in Brixen im Thale (S. 213-234).
Des öfteren betont Walter Neuhauser, die Buch- und Bibliotheksgeschichte Tirols sei bisher nur teilweise und mangelhaft erforscht. Die einzige, ohnehin knappe Gesamtdarstellung der Innsbrucker Bibliothek liegt in der Tat bereits über hundert Jahre zurück (Anton HITTMAIR, Geschichte der k.k. Universitätsbibliothek in Innsbruck, in: Zeitschrift des Ferdinandeums 54, 1910, 1-164). Umso verdienstvoller sind die in diesem Sammelband vereinigten wissenschaftlichen Ergebnisse, die ohnehin nur einen Bruchteil der Publikationen des Autors darstellen, wie das den Band beschließende Verzeichnis seiner Schriften (S. 567-576) eindrucksvoll beweist.

Erschienen am 01.08.2011

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