Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Rudolf Neumaier

Pfründner. Die Klientel des Regensburger St. Katharinenspitals und ihr Alltag (1649-1809)

(Studien zur Geschichte des Spital-, Wohlfahrts- und Gesundheitswesens 10), Regensburg 2011, Pustet, 772 Seiten

Rezensiert von Edwin Hamberger (Mühldorf a. Inn)      PDF-Datei


Das Spitalwesen ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Geschichtswissenschaft gerückt, da wichtige Themen aus der Stadtgeschichte, Verwaltungsgeschichte, Sozialgeschichte und Kulturgeschichte zusammengeführt werden. Sammelbände thematisierten "Norm und Praxis der Armenfürsorge in Spätmittelalter und früher Neuzeit", die Sozialgeschichte mittelalterlicher Spitäler und deren Funktions- und Strukturwandel, sie beschäftigten sich mit Armut und mit den Armen oder mit der vergleichenden Spitalgeschichte von Hospitälern in Frankreich, Deutschland und Italien.
Die Arbeit von Rudolf Neumaier, die 2010 als Dissertation bei Peter Schmid an der Universität Regensburg eingereicht wurde, hat einen anderen Schwerpunkt. Hier wird weniger die Geschichte des Regensburger St. Katharinenspitals behandelt, einer der bedeutendsten Wohlfahrtseinrichtungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, sondern vielmehr stehen die Spitalinsassen, die Pfründner im Mittelpunkt der Untersuchung. Ihre "Lebenswirklichkeit", ihre "individuellen Lebensumstände" (S. 19f.) und ihre Lebensbedingungen umfassend, detailliert und quellenorientiert darzustellen, ist das Ziel der Arbeit. Als Untersuchungszeitraum wurde die Zeitspanne von 1649-1809 gewählt, da seit dem Westfälischen Frieden von 1648 die Katharinenspitalstiftung paritätisch verwaltet war, das heißt der Spitalrat, die beiden Spitalmeister, die Geistlichen, die Ehalten und die Pfründner gehörten beiden Konfessionen an. 1809 wurde es von österreichischen Truppen weitgehend zerstört.
Die umfangreichen und vielfältigen Bestände des Regensburger St. Katharinenspitals, das als eines der ältesten und größten Spitalarchive Bayerns gilt, bilden die Basis für das Thema. Herangezogen werden Pfründnerlisten und Suppliken, die Auskunft über den Namen, das Eintrittsdatum und die Konfession eines Pfründners, das Alter, den Familienstand, die bürgerrechtliche Stellung, Beruf und Arbeitgeber, Herkunft und Abstammung, Zeitpunkt und Grund des Austritts sowie die Höhe der Einkaufssumme geben. Als zweite Gruppe werden Haus- und Ratsprotokolle des Spitalamts detailliert ausgewertet. Damit ist es möglich, den Alltag, menschliche Schicksale, das "pralle Leben im Regensburger St. Katharinenspital" (S. 19) aus der Sicht der Pfründner anschaulich nachzuzeichnen. Daneben liefern auch Spitalrechnungen, die Einnahmen und Ausgaben der Institution beinhalten, interessante Ergebnisse für die Darstellung des Lebens im Spital. Aber auch spitalfremde Quellen, wie die Bürgeraufnahmebücher der Stadt Regensburg, Kirchenbücher und Pfarrmatrikel wurden für die Biogramme der Pfründner herangezogen. Diese bemerkenswerte, ungewöhnlich breite und in die Tiefe gehende Quellenarbeit verdient Anerkennung und ist ein großes Verdienst von Neumaiers Arbeit.
Nach einem Einleitungsteil mit ausführlichen Erläuterungen zur Fragestellung und zur Methodik der Untersuchung sowie einem Quellen- und Forschungsüberblick geht der Autor im ersten Hauptkapitel knapp auf die Geschichte und die Verwaltung des Spitals ein, erläutert das Auswahlverfahren zum Erlangen einer Pfründe und erklärt die zwei Arten von Pfründen, die es gab, die sogenannte trockene und die wirkliche. Sie unterschieden sich dadurch, dass die trockenen Pfründner außerhalb des Spitals lebten, regelmäßig mit Lebensmitteln unterstützt wurden und als Almosenempfänger galten, während die wirklichen Pfründner im Spital dauerhaft Aufnahme fanden, dafür einen Geldbetrag zu entrichten hatten und die eigentlichen Spitalinsassen waren. Das Verwaltungspersonal setzte sich aus Spitalmeister, Kastner und Hausschreiber zusammen. Interessant ist dabei die Stellung der Pfründnermütter. Sie fungierten als Bindeglied zwischen Spitalmeister und Pfründner, stammten aus der Bewohnerschaft und waren unter anderem für die Einhaltung der Hausordnung, für den Hausfrieden, für die Nachlasssicherung und für die religiösen Dienste zuständig. In anderen Spitälern übernahmen diese Aufgaben allein die Spitalmeister.
Das zweite Hauptkapitel beschäftigt sich mit den Fragen: Wie hoch war die Gesamtzahl der Pfründner, wie war das Geschlechterverhältnis, wie viel Eingabgeld musste man für eine Pfründe aufbringen, aus welchen Berufen kamen die Pfründner und welcher Schicht gehörten sie an, welches Alter und welchen Familienstand hatten sie bei der Aufnahme im Spital, wie lange lebten sie im Spital und konnte die vorgegebene Parität bei der Vergabe der Pfründen eingehalten werden? Für die Auswertung der unterschiedlichen Quellen wählte der Autor die quantifizierende Methode. Der Leser wird dabei aber keineswegs mit statistischem Zahlenmaterial und Tabellen überhäuft, vielmehr ist die Darstellung überzeugend und klar, zumal die präsentierten Ergebnisse nicht nur auf dem ausgewerteten Material beruhen, sondern durch weitere zusätzlich herangezogene und qualitativ aussagekräftige Quellenbelege abgesichert werden.
Für die Themenbereiche Leben und Sterben im Spital, Konflikte, Delikte und Liebesbeziehungen im dritten und vierten Hauptkapitel wendet der Verfasser als Forschungsansatz die Historische Anthropologie an. Die "Rekonstruktion der Lebenswelten" (S. 436) und der "Lebenskultur" (S. 19) der Spitalbewohner stehen dabei im Vordergrund. Die von der Spitalforschung oftmals vertretene Meinung, dass Spitäler kasernierte Räume waren, in denen die Bewohner getrennt von der Außenwelt ohne Rechte lebten, kann Neumaier überzeugend widerlegen. So konnten zum Beispiel die Regensburger Pfründner das Spital verlassen, um Kontakte zu Bekannten oder Verwandten zu pflegen, auch der Wirtshausbesuch war gestattet. Die Spitalbewohner mussten sich zwar der Hausordnung des Spitals unterordnen, im Todesfall ihr gesamtes Vermögen dem Spital übertragen, waren aber nicht rechtlos und konnten ihre Interessen gegenüber den Spitalmeistern im Konfliktfall erfolgreich durchsetzen. So wurde ihnen zum Beispiel 1771 für ihre geleistete Arbeit eine Gehaltserhöhung gewährt, da sie bei der Verwaltung angaben, dass die Lebenshaltungskosten gestiegen seien und sich etwa die Preise für ein paar Schuhe verdoppelt hätten (S. 286).
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Anhang mit 333 Seiten. Dort werden pfründnerspezifische Quellen, wie Bittbriefe, Pfründnerordnung und Pfründbrief, abgedruckt. Daneben sind Listen mit den Protektoren der Pfründner, Auswertungen zu den einzelnen Pfründnerberufen und zu den Herkunftsorten zu finden, ebenso ein Quellen- und Literaturverzeichnis. Den größten Umfang nehmen aber die Pfründnerlisten ein. Alle 1705 erfassten Pfründner des St. Katharinenspital sind alphabetisch aufgelistet. Die tabellarischen Biogramme dienen als Register. Damit ist echte Kärrnerarbeit geleistet worden, und nicht nur für die Regensburger Stadtgeschichte werden diese prosopograhischen Auswertungen nützlich sein, sondern auch die Landesgeschichte wird davon profitieren. Das in der Einleitung formulierte Ziel des Autors, mit vorliegender Studie "die erste große Pfründnergeschichte zumindest im deutschsprachigen Raum" zu schreiben und "die Spitalinsassen der Anonymität zu entreißen" (S. 20f.), ist in vollem Umfang erreicht worden.

Erschienen am 08.12.2011

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