Regensburg 2011, Pustet, 208 Seiten, 35 Abbildungen
Rezensiert von Johannes Laschinger (Amberg) PDF-Datei
Wie der Untertitel "Zu einer Neuerscheinung über den Regierungsbezirk Niederbayern" zeigt, gab das Erscheinen der "Kleinen Geschichte Niederbayerns" von Gerald Huber 2007 den Anstoß, dass sich Heinz Huther, von 1979 bis 1994 Regierungsvizepräsident von Niederbayern, im Rahmen eines umfangreicheren Aufsatzes mit der historischen Bedeutung der Bezirke beschäftigte (ZBLG 70, 2007, 911-934). Am Ende seines Beitrags steht Huthers Wunsch: "Auch das Erscheinen der 'Geschichten' anderer bayerischer Bezirke wäre zu begrüßen" (ebd., 934). Dass dieser sukzessive erfüllt werden sollte, unterstreicht die Anmerkung am Ende dieses Satzes, die auf die kurz vor Drucklegung des ZBLG-Heftes erschienene "Kleine Geschichte Oberbayerns" von Michael W. Weithmann verweist.
Bereits 2008 brachte Anna Schiener die "Kleine Geschichte Frankens" heraus, die 2010 schon ihre dritte Auflage erleben sollte, 2009 folgte die "Kleine Geschichte Schwabens" von Rolf Kießling, zwei Jahre später legte Anna Schiener mit der Darstellung über die Oberpfalz ihre zweite "Kleine Bezirksgeschichte" vor.
Ein Zitat von Dr. Georg Christoph Gack (1793-1867), evangelischem Stadtpfarrer zu Sulzbach und Verfasser der 1847 erschienenen "Geschichte des Herzogthums Sulzbach", leicht abwandelnd bemerkt Schiener einleitend: "Schwer ist es, sich der wechselvollen Geschichte der Oberpfalz zu nähern. Fast glaubt man, den Überblick zu verlieren" (S. 9). Trotz dieser durchaus angebrachten Bedenken hat sich Anna Schiener daran gemacht, die Geschichte "dieses Verbindungslandes zwischen Franken und Böhmen" von prähistorischer Zeit bis in das "Hightech"-Land unserer Tage nachzuzeichnen.
Nach einer Einführung in die topographischen Besonderheiten des zu behandelnden Raumes widmet sich Schiener dem heutigen Regierungsbezirk Oberpfalz in prähistorischer Zeit, den frühesten Siedlern wie denen, die sich im 5. Jahrtausend v. Chr. in Harting niederließen, der Eisen- und Bronzezeit sowie den Kelten. Nachdem deren Abzug durch die Einfälle von Germanenstämmen ausgelöst worden war, rückten letztere in das jetzt weitgehend verlassene Gebiet nach.
"Das lange Mittelalter", mit 60 Seiten auch das längste Kapitel des Buches, führt Schiener von der römischen Eroberung des Alpenvorlandes unter Drusus und Germanicus im Jahre 15 n. Chr. bis zur Statthalterschaft des nachmaligen Kurfürsten Friedrich II. in Neumarkt und Amberg.
Erste Stationen auf diesem Weg sind dabei die "Leute aus Böhmen", die Bajuwaren, die Agilolfinger, das frühe Christentum, die Gründung des Bistums Regensburg. Von Bedeutung für das Land war der Umstand, dass es 743 fränkisch wurde. Um die Machtfülle Markgraf Luitpolds zu beschneiden, übergab König Otto I. den Nordgau sowie das luitpoldingische Eigengut in Ammerthal Berthold, dem ersten namentlich nachweisbaren Grafen von Schweinfurt. Damit suchte das Königtum den Nordgau, der zwar Bestandteil des Herzogtums Bayern blieb, durch eine eigene Verwaltung an sich zu binden. Die Schweinfurter Grafen untermauerten ihren Herrschaftsanspruch durch den Bau wichtiger Burgen, verwalteten mit Cham und Nabburg darüber hinaus zwei Reichsburgen. Nachdem Graf Hezilo den bayerischen Herzog Heinrich V. auf seinem Weg zum Königtum unterstützt hatte, forderte er von ihm die bayerische Herzogswürde. Als Heinrich seinen Forderungen nicht nach kam, verbündete sich Hezilo mit dem polnischen Herzog Boleslaw Chrobry; der Aufstand wurde daraufhin vom König blutig niedergeschlagen.
Zukunftsweisend für das Land wurde die Gewinnung der Herrschaft in der nördlichen Oberpfalz durch die Wittelsbacher, die 1180 mit dem Herzogtum Bayern belehnt wurden und seit 1269 die "Konradinische Schenkung" umsetzten. Parallel zu dieser territorialen Entwicklung auf dem Nordgau beschritt Regensburg, "im 9. und beginnenden 10. Jahrhundert Regierungsmetropole des ostfränkischen Reiches mit zwei Königspfalzen" (S. 58), den Weg zur freien Reichsstadt.
Für das Territorium, das später als "herobere Pfalz" bezeichnet werden sollte, wurde der Hausvertrag von Pavia von 1329 mit dem Übergang von Teilen des Nordgaus an die pfälzische Linie der Wittelsbacher von zentraler Bedeutung. Nur dieser Übergang erklärt den Namen des heutigen Regierungsbezirks, "Oberpfalz", den König Ludwig I. - freilich noch mit dem Zusatz "und Regensburg" - durch Verordnung vom 29. November 1837 wieder aufleben ließ.
Parallel zu dieser Entwicklung gelang der Aufstieg Ambergs vom bambergischen Dorf zur Hauptstadt der "heroberen Pfalz". Wichtig, vor allem für Sulzbach, wurde die Ausbildung des neuböhmischen Territoriums durch den Luxemburger Karl IV., prägend für die wirtschaftliche Entwicklung des Raumes der Abschluss der "Großen Hammereinung" von 1387. Den endgültigen Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markiert schließlich der "Landshuter Erbfolgekrieg", an dessen Ende die Errichtung des Fürstentums Pfalz-Neuburg für die jungen Pfalzgrafen Ruprecht und Ottheinrich stand, mit deren Vormundschaft der nachmalige Kurfürst Friedrich II. betraut worden war.
Unter Friedrich II. begann das Ringen um die Konfessionalisierung, oder um die Frage, mit der Schiener das nächste Kapitel überschreibt: "Papst, Luther oder Calvin". Nach der Einführung des Luthertums unter maßgeblicher Beteiligung der Stadt Amberg, der offiziellen Annahme dieses Bekenntnisses durch Kurfürst Ottheinrich, erschütterte die Wendung Kurfürst Friedrichs III. zum Calvinismus "das gerade erst im Augsburger Religionsfrieden von 1555 verankerte Reichssystem der Bikonfessionalität schwer" (S. 94). Die Versuche zur Calvinisierung der Oberpfalz und deren erbitterte Gegenwehr fanden erst nach dem Zusammenbruch der Kurpfalz nach der Schlacht am Weißen Berg mit der erzwungenen Rückkehr zur alten Kirche ihr Ende. Diese wiederum stand im Zusammenhang mit dem Übergang der Oberpfalz an das Herzogtum bzw. Kurfürstentum Bayern, mit dem - abgesehen von einem kurzen Zwischenspiel zu Beginn des 18. Jahrhunderts - die Zeit der pfälzischen Herrschaft in der Oberpfalz endete.
Anders gestaltete sich dagegen die konfessionelle Entwicklung in Sulzbach, wo das Simultaneum unter Pfalzgraf Christian August durchgesetzt werden konnte, dessen Hof "eine Heimstätte des freien Geistes" (S. 120) werden sollte. Über seinen Sohn Theodor Eustach, den "Absolutisten in Sulzbach" (S. 122), zieht die Verfasserin den Bogen zu dessen Enkel, den "Erben der Kurpfalz, Pfalz-Neuburgs und Pfalz-Sulzbachs: Karl Theodor" (S. 126). Unter ihm nahm die Oberpfalz - so die Autorin - ihren "Weg ins neue Bayern", dem sie das nächste Kapitel widmet. Darin behandelt Schiener zunächst die wirtschaftliche Entwicklung, die die "von jeder Krise, von jeder Missernte geschüttelte 'Steinpfalz'" (S. 129) zum "Armenhaus Bayerns" werden ließ, wirft einen Blick auf das bereits erwähnte, kurze pfälzische Intermezzo zu Beginn des 18. Jahrhunderts und schließlich auf die Entwicklung der "Provinz Oberpfalz". Im Zusammenhang mit dem Regierungsantritt Kurfürst Max IV. Joseph, des nachmaligen ersten bayerischen Königs, 1799, verweist Schiener auch auf dessen Mutter, Franziska Dorothea von Pfalz-Sulzbach. Am Anfang des "modernen Bayern" standen aber auch Mediatisierung und Säkularisation. Von Bedeutung für die Oberpfalz waren neben der Säkularisierung seiner Klöster das für Carl von Dalberg geschaffene Fürstentum Regensburg und der "tiefe Sturz" Regensburgs "von der Reichs- zur Provinzhauptstadt" (S. 142), wodurch allerdings "Amberg seine Hauptstadtfunktion endgültig" verlor (S. 138).
"Das schwierige 19. Jahrhundert" thematisiert Schiener fast ausschließlich vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklung. Sie stellt die Auswanderung, die in verschiedenen Wellen erfolgte, an den Beginn ihrer Betrachtung, gefolgt von der Gründung der Maxhütte, der relativ späten Anbindung an die Eisenbahn, dem Aufbau von Glas- und Porzellanindustrie.
Gleichsam als Vorgeschichte zur "Oberpfalz im Nationalsozialismus" zeigt Schiener den erfolglosen Kampf der NSDAP bei den zahlreichen Wahlen in der Weimarer Republik, da sich die Bayerische Volkspartei und der Katholizismus entschieden gegen sie stellten. Trotzdem wurde in der Oberpfalz, in Flossenbürg "nach den Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen im Mai 1938 auf Anforderung Himmlers ein weiteres Lager gebaut" (S. 164). Von Luftangriffen am Ende des Zweiten Weltkriegs waren vor allem die Städte Neumarkt, Schwandorf und Regensburg stark in Mitleidenschaft gezogen.
Das Kapitel "Es geht aufwärts" ist der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart verpflichtet. Es beginnt mit der Ankunft der Flüchtlinge, durch die etwa die Bevölkerungszahl Ambergs von 32 000 auf 44 000 Einwohner anstieg, und verweist auf die Schwierigkeit wirtschaftlichen Aufstiegs der Region durch den "Eisernen Vorhang". Der Randlage, in die die Region damit geraten war, konnte nur mit umfangreichen Fördermitteln begegnet werden.
Große Bedeutung gewann die Gründung der Universität Regensburg, die 1967 den Lehrbetrieb aufnahm und sich "zu einem renommierten, international tätigen Zentrum für Forschung und Lehre" entwickelte (S. 180). In den 1980er Jahren geriet die Oberpfalz in den Fokus bundesweiten Interesses, als "die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen (DWK) im Februar 1982 ein Raumordnungsverfahren für eine WAA beantragte" und "die bayerische Staatsregierung tatsächlich Wackersdorf als Standort" anbot (S. 181). Nachdem Wackersdorf nach der Ansiedlung eines BMW-Werks zuversichtlich in die Zukunft schauen konnte, zeichnete sich das "Aus für die Maxhütte" in Sulzbach-Rosenberg ab. Dabei gelang es erfolgreich, Umstrukturierungsmaßnahmen durchzuführen, durch die 3000 neue Arbeitsplätze entstanden. Seine Randlage verlor die Region durch die Grenzöffnung nach Osten 1990. High-Tech-Unternehmen und interessante touristische Angebote bestimmen heute die Oberpfalz entscheidend mit.
Zum Konzept der Reihe gehört es, immer wieder lexikonartig und im Druck abgehoben "Fenster" auf besondere Erscheinungen, Begriffe und Ereignisse zu öffnen, wovon die Verfasserin gekonnt Gebrauch macht. Das Spektrum reicht dabei von "verhinderten Vulkanen: Rauher Kulm und Parkstein" (S. 12), dem "Heiligen Emmeram" (S. 38) oder "Einer Sulzbacherin in Konstantinopel" (S. 58) bis zum Versandhaus "Witt Weiden" (S. 159f.) und der "Kontinentalen Tiefbohrung in Windischeschenbach" (S. 186). Eine Zeittafel, eine Liste der Bezirkstags- und Regierungspräsidenten, eine Auswahlbibliographie, eine Übersicht wichtiger Internetadressen sowie ein Personen- und Ortsregister runden den Band ab, dem 35 Abbildungen beigegeben wurden.
Leider findet sich im Fotonachweis im Zusammenhang mit einer Urkunde König Ludwigs des Bayern von 1318, die im Stadtarchiv Amberg verwahrt wird, der Hinweis auf eine Signatur, die dem Staatsarchiv Amberg zuzuordnen ist. Darüber hinaus sollte in der Auswahlbibliographie die für die Geschichte der Oberpfalz grundlegende Arbeit von Wilhelm Volkert nicht fehlen, die sich im Teilband 3 des dritten Bandes des Handbuchs für bayerische Geschichte findet. Das schmälert aber das Verdienst von Anna Schiener nicht, mit ihrer "Geschichte der Oberpfalz" einen gut lesbaren und allgemein verständlichen Band vorgelegt zu haben, der nicht nur eine Zusammenschau von deren reicher Geschichte bietet, sondern auch Identität bildend für die Oberpfalz und ihre Bewohner wirken kann. Diese Absicht unterstrich die (Erst-)Präsentation des Buches im Spiegelsaal der Regierung der Oberpfalz im April des Jahres 2011 in eindrucksvoller Weise.
Erschienen am 06.03.2012
| [KBL-Startseite] | [ZBLG-ONLINE] | [Impressum] |