(Die Deutschen Inschriften 69 = Münchener Reihe 12), Wiesbaden 2010, Reichert, CXXXIX, 559 Seiten, 155 Abbildungen
Rezensiert von Roman Deutinger (München) PDF-Datei
Dass eine Edition der 472 Inschriften aus der Bischofsstadt Freising vom 10. Jahrhundert bis zum Jahr 1651 einen höchst interessanten Bestand erschließen würde, war von vornherein zu erwarten. Beeindruckt ist man dennoch von der Fülle an Informationen, die dem Leser von den Bearbeitern - neben dem Hauptautor Ingo Seufert auch Sigmund Benker, Franz-Albrecht Bornschlegel, Ramona Epp und Sabine Ryue - über die bloße Transkription der Texte hinaus in diesem Band bereitgestellt werden. Der eigentlichen Edition voraus geht nämlich eine mehr als hundertseitige Einleitung, die etwa in einem Kapitel mit dem bescheidenen Titel "Beschreibung und Geschichte der wichtigsten Standorte" eine detaillierte, teilweise aus Archivalien ganz neu erarbeitete Baugeschichte der wichtigsten Freisinger Kirchen bietet, oder unter dem Titel "Die nicht-originale Überlieferung der Inschriften" eine Beschreibung von mehr als 70 Handschriften aus verschiedenen Archiven und Bibliotheken. Dieser Teil ist insofern besonders wichtig, als nur die Inschriften im Dombereich überwiegend original erhalten sind, während die zahlreichen aus den Stiften St. Andreas und St. Veit sowie aus dem Kloster Weihenstephan im 19. Jahrhundert fast vollständig zerstört wurden und nur aus Kopien bekannt sind. Das älteste Original (Nr. 9) stammt übrigens erst aus der Zeit nach dem Dombrand von 1159. Wie bei fast allen Bänden der Deutschen Inschriften wird die Hauptmasse der Texte von Epitaphien gestellt, hier ganz überwiegend von Grabplatten der Kanoniker am Dom und an den übrigen Freisinger Kanonikerstiften. Zu den darin genannten Personen bieten die Kommentare der Edition prosopographische Daten, die allerdings überwiegend neuzeitlichen Sammelarbeiten entnommen sind und deshalb im Einzelnen noch der Überprüfung und Ergänzung bedürfen.
Hervorgehoben seien nur wenige Stücke, allen voran die Grabplatte mit dem Porträt des angeblichen Otto Semoser (Nr. 11), der sich in Wirklichkeit als der um 1160 gestorbene Domkanoniker Otto von Moosen entpuppt; das aufgrund dieser Identifikation wesentlich früher als bislang vermutet zu datierende Epitaph wird damit zu einer der ältesten figuralen Grabplatten in Deutschland überhaupt. Hingewiesen sei auch auf das geschnitzte Chorgestühl vom Jahr 1488 (Nr. 134) mit seiner Reihe von Bischofsporträts, auf die Inschriften der erst seit kurzem wieder in Freising versammelten Renaissance-Domglocken vom Jahr 1563 (Nr. 259-267), auf die Glasfenster der Pfarrkirche St. Georg vom Jahr 1578 (Nr. 301-309), auf die Grenzsteine zwischen dem Hochstift Freising und dem Kurfürstentum Bayern aus dem Jahr 1639 (Nr. 445-448 mit Hinweis auf weitere verlorene Exemplare) sowie zuletzt als Beispiel für die Probleme, mit denen man sich als Inschrifteneditor herumplagen muss, auf Nr. 472, wo lediglich aus einer Notiz des 18. Jahrhunderts bekannt ist, dass es in St. Veit einmal ein Gemälde mit den Initialen "C. H." gegeben hat, ohne dass dazu nähere Aussagen möglich sind. Anhänge bieten dann noch einige Texte, die entgegen bisheriger Annahme wohl doch keine Inschriften waren (darunter S. 447ff. Nr. 2 die Verse aus dem 12. Jahrhundert zur Charakterisierung der einzelnen Freisinger Bischöfe, die man bisher als Teil eines Porträtzyklus angesehen hat), ferner in ihrer Existenz belegte, im Wortlaut aber nicht erhaltene Inschriften (darunter S. 455 Nr. 16 der Hinweis auf ein verlorenes Gemälde von Peter Candid), falsch datierte sowie schließlich heute in Freising befindliche, aber nicht von dort stammende Inschriften. 155 kleinformatige, aber qualitativ hochwertige Abbildungen samt einer Planskizze, wo genau die vielen Originalinschriften im Dombereich zu finden sind, und detaillierte Register erschließen den inhaltlichen Reichtum des Bandes, der aufgrund der umfangreichen Kommentare mit ihrer Fülle an Informationen für jeden von großem Nutzen ist, der sich für die ältere Geschichte Freisings, seiner geistlichen Institutionen und deren Personal interessiert. Bedauern kann man höchstens, dass sich das Buch mit seinem stattlichen Gewicht von 2,1 Kilogramm nicht recht dazu eignet, an Ort und Stelle bei der Betrachtung der Originale mitgenommen zu werden.
Erschienen am 08.11.2011
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