Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Peter Rückert (Bearb.)

Von Mantua nach Württemberg: Barbara Gonzaga und ihr Hof. Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Stuttgart 2011, Landesarchiv Baden-Württemberg, 364 Seiten, zahlr. Abbildungen, 1 CD-ROM

Rezensiert von Christof Paulus (München)      PDF-Datei


Andrea Mantegna verewigte Barbara Gonzaga (1455-1503) zusammen mit ihrem Vater Markgraf Ludovico II. (III.) und ihrer Mutter Barbara von Brandenburg sowie weiteren Mitgliedern der Familie und des "Hofstaats" auf dem berühmten Wandbild der "Camera degli Sposi" im Palazzo Ducale zu Mantua. Lange Zeit mit Margarethe von Wittelsbach, Gemahlin von Barbaras Bruder Federico I., identifiziert, kann aufgrund archivalischer Quellen die Figur mit dem seitlich abgewandten Blick und den zurückgekämmten blonden Haaren mit der zur Entstehungszeit des Gemäldes rund 15jährigen Gonzagatochter gleichgesetzt werden. Ihr Portrait zeigt noch nichts von der späteren Leibesfülle, die ihr künftiger Gemahl Graf Eberhard im Bart (1445-1496) am 1. April 1474 neben ihrer Schönheit erfreut zur Kenntnis nahm. Am 10. Juni des Jahres wird Barbara mit einem stattlichen seguito von rund 230 Personen - darunter zwei Köchen, einem Maler, zwölf Hofmusikern - und rund 250 Pferden Mantua verlassen, um über Trient, Brixen, Innsbruck, Kempten, Memmingen, Ulm bis zum dritten des Folgemonats in Urach einzutreffen.
Auch, doch keineswegs ausschließlich der dortigen Prunkhochzeit ist eine Wanderausstellung gewidmet, die beginnend in Stuttgart und Kirchheim (beide 2011), in Böblingen, Urach (beide 2012) und zuletzt in Mantua (2012/2013) gezeigt wird. Im Mittelpunkt stehen die umfassende Einbettung und erstmalige vollständige Auswertung der rund 70 erhaltenen Briefe, welche Barbara an ihre Familie nach Mantua schrieb und welche erlauben, ein Persönlichkeitsprofil der ersten Herzogin von Württemberg zu zeichnen. Im Ausstellungskatalog sind einige dieser "Leitquellen" vor allem aus dem Archivio di Stato di Mantova, jeweils mit Abbildungen versehen, ediert (S. 318-349). In acht Abteilungen wird weitgehend chronologisch das Leben Barbaras von ihrer Kindheit und gründlichen Ausbildung zu Mantua über die Uracher Hochzeit 1474, das Hofleben dort und zu Stuttgart bis zu ihrem "Witwenhof" in Böblingen und ihrer Begräbnisstätte im Kirchheimer Dominikanerinnenkloster vorgestellt. Den Abschluß bildet eine Abteilung zur memoria der Gonzagatochter, um die sich verklärende Züge legten.
Sechs der 21 Beiträge beschäftigen sich nun mit diesen württembergischen Erinnerungsorten und dem Nachleben Barbaras in Historienspielen, Bilddarstellungen des 19. Jahrhunderts und in der Novelle "Die Humanisten" (1890) von Isolde Kurz, die Barbara mit dem emanzipatorischen Frauenideal kontrastierte. Umfassend werden in Kurzaufsätzen die Höfe und jeweiligen Hofkulturen vor- bzw. gegenübergestellt, wobei Christina Antenhofer die Klagen der nördlich der Alpen verheirateten Gonzagatöchter - die italienische Familie begriff die "deutschen Ehen" als Aufstiegsmöglichkeit - mit deren dort deutlich geringeren Handlungsspielräumen erklärt. Die Speisefolge bei der Uracher Hochzeit findet ebenso Berücksichtigung wie Überlegungen zu den Bildprogrammen in Mantua und im Schloß zu Urach oder Anthologisches zur spätmittelalterlichen italienischen Musikpraxis. Im übrigen ist dem Katalog eine CD mit einer Briefauswahl Barbaras und mit Renaissancemusik beigegeben - darunter etwa Werke vom Lautenisten Marchetto Cara oder Auszüge aus Josquins "Missa Hercules dux Ferrariae" (Credo) sowie sein "Stabat Mater".
Als nach dem Tod Barbaras zähe Erbschaftsstreitigkeiten entbrannten, beteiligte sich auch der mit dem Haus Gonzaga wie dem Hause Württemberg verwandtschaftlich verbundene zunächst Münchener, später gesamtbayerische Herzog Albrecht IV. als Vermittler. Eberhards und Barbaras einziges Kind, eine Tochter, war lange vor ihren Eltern verstorben (1475), und so trugen von 1503 bis 1507 beide Familien auf juristisch hohem Niveau ihre Ansprüche vor. Dem Wittelsbacher gelang ein geschickter Vergleich, in dem alle Parteien profitierten. Jene Streitigkeiten setzen gleichsam den tristen posthumen Schlußakkord auf ein Fürstinnenleben, das Ausstellung und Beiträge nach allem Hochzeitsprunk des Jahres 1474 in zunehmender Eintrübung zeigen. Dies liegt nicht zuletzt an den lamentierenden Briefen der Barbara ducissa Wirtembergensis et Teck, marchionissa Mantue, die auch eine eingehendere Betrachtung vor dem Hintergrund spätmittelalterlicher/frühneuzeitlicher Briefkultur und -praxis verdient hätten.
Insgesamt beleuchtet das reich illustrierte, mit Zeit-, Herrschertafeln, Kartenmaterial und Stammbäumen schön aufbereitete Begleitbuch vorzüglich das Kommunikationsgefüge der Höfe in Württemberg und Mantua um das Jahr 1500. Zahlreiche Beiträge werten bisher weitgehend unbekannte archivalische Quellen (Mantua, Mailand, Innsbruck, Bern, München, Stuttgart) aus. Kleinere Ungenauigkeiten - "in der Torre dell'Aquila" (statt "im", S. 35), "Leonhard von Görz" (statt "von Götz", S. 55) oder bei den Transkriptionen "illustre madona mia madona madre" (statt "illustre madona mia madre", S. 320), "re di Franza" (nicht "di Franxa", S. 330f.), "sua occurrentia" (nicht "occurentia", S. 346f.) - können den gelungenen Gesamteindruck nicht schmälern. Künftigen Forschungen zum ohnedies reich bestellten Feld der dynastischen Heiraten des Spätmittelalters bieten sich mit der hochinteressanten Ausstellung inhaltliche wie methodische Anknüpfungspunkte, gerade was Fragestellungen zu kommunikativen und kulturellen Transfers betrifft.

Erschienen am 06.09.2011

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