Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Andrea Hirner

Die Todesparzenschönheit. Helene Prinzessin Racowitza - Ein Münchner Kind in der Fremde

München 2011, Utz, 331 Seiten

Rezensiert von Brigitte Huber (München)      PDF-Datei


Das Thema "Frauen" hat seit Jahren Konjunktur, in der populären wie in der wissenschaftlichen Literatur. In der Regel geht es dabei vor allem um den Aspekt der Emanzipation - Frauen befreien sich aus ihrer Geschlechterrolle, die ihnen die Gesellschaft, die Familie oder der Ehemann auferlegen, aus religiöser, wirtschaftlicher oder sexueller Unterdrückung, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen; verschaffen sie sich zudem noch Zugang zu höherer Bildung, so reüssieren viele von ihnen schließlich in einem eigentlich von Männern dominierten Beruf. Auch Andrea Hirner hat sich ein Sujet aus diesem Themenkomplex gesucht, doch ihre Protagonistin Marie Josephine Helene von Dönniges (1843-1911) ist keineswegs ein Musterbeispiel der Emanzipation. Sie ist vielmehr ein kapriziöses Weibchen, das zeitlebens von ihrer Schönheit überzeugt ist und mit einer Vielzahl von Amouren sowie drei Ehen und einigen nur mittelmäßig erfolgreichen Anläufen zu eigener Karriere immerhin ein für ihre Zeit sehr ungewöhnliches Leben führte, das sie schließlich mit dem Freitod beendete.
Helene von Dönniges wächst ab 1848 in München auf, wo ihr Vater, der protestantische Historiker Wilhelm von Dönniges, als Diplomat in den Diensten des bayerischen Königs Max II. steht. Die Eltern verkehren mit hochrangigen Personen, mit Wissenschaftlern, Künstlern; im mütterlichen Salon sind unter anderem Heinrich von Sybel, Emmanuel Geibel, Wilhelm Kaulbach, Arnold Rubinstein, Hans Christian Andersen, Paul Heyse, Friedrich Bodenstedt und Graf von Schack zu Gast. Wie in der Zeit üblich ermöglichen die von Dönniges nur ihren Söhnen eine höhere (Aus-)Bildung; für die Töchter werden standesgemäße Ehen angestrebt. Im Fall der durch rötliche Haarpracht und hellen Teint besonders attraktiven Tochter Helene bedeutet dies, dass die ehrgeizige Mutter, Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie, sie schon früh ins gesellschaftliche Leben einführt und sie - die Familie lebt mittlerweile in Turin - bereits als Zwölfjährige mit einem um 30 Jahre älteren Italiener verlobt; erst drei Jahren später hat Helene, verliebt in einen russischen Offizier, schließlich den Mut, das ihr verhasste Verlöbnis zu lösen. Ab 1861 lebt Helene bei der Großmutter in Berlin, wo sie Bekanntschaft mit dem aus der Walachei stammenden Jura-Studenten Yanco Gregro von Racowitza macht und sich mit ihm verlobt. Im Winter 1861/62 begegnet sie in Berlin Ferdinand Lassalle, doch erst bei einem zweiten Zusammentreffen in der Schweiz 1864 gestehen sich beide ihre Liebe. Helene, politisch völlig uninteressiert, verlässt ihr Elternhaus, um mit dem doppelt so alten, für ihre Familie inakzeptablen Mann zu fliehen. Lassalle jedoch besteht darauf, dass sie zurückkehrt; er glaubt durch diese Haltung, ihre Eltern für die Verbindung gewinnen zu können. Tatsächlich führt dies aber nur zur völligen Konfusion der Situation. Helene, bislang zu allem entschlossen, zweifelt an ihrem Geliebten, während zugleich die Eltern mit allen Mitteln versuchen, ihre Tochter zur Absage an Lassalle bewegen. Nachdem Vermittlungsversuche einflussreicher Persönlichkeiten gescheitert sind und sich Helene gegen ihn entschieden hat, sieht sich Lassalle beleidigt und lächerlich gemacht und fordert den Vater Wilhelm von Dönniges zum Duell. Doch nicht er, sondern ihr Verlobter, Fürst Racowitza, tritt an; er verletzt Lassalle tödlich. Bald darauf heiratet Helene den Fürsten. Als dieser nach nur fünfmonatiger Ehe an einem Lungenleiden stirbt, ist sie erst 20-jährig Witwe. Nach dem endgültigen Bruch mit ihrer Familie versucht Helene ihren Jugendtraum, Schauspielerin zu werden, zu verwirklichen. Unterstützung findet sie bei dem Schauspieler Siegwart Friedmann, der schließlich ihr zweiter Ehemann wird. Einige Jahre unternehmen beide Gastspielreisen durch ganz Europa; eine wichtige Station ihres Lebenswegs ist Wien. Nach der Trennung von Friedmann, dem sie ein Leben lang freundschaftlich verbunden bleibt, und zeitweiligen Aufenthalten in Petersburg reist Dönniges mit ihrem nachmaligen dritten, wesentlich jüngeren Gatten Sergej von Schewitsch, einem Verehrer Lassalles, 1877 nach Amerika. Während dieser sich als Journalist und später als sozialistischer Volksredner einen Namen macht, ist sie zunächst weiterhin als Schauspielerin tätig; später beginnt sie zu schreiben und arbeitet unter anderem als Theaterkritikerin für Zeitungen. 1879 publiziert sie Erinnerungen an ihre Beziehung mit Lassalle, die sie offensichtlich zeitlebens beschäftigt. Die Begegnung mit der Theosophin Helena Petrowna Blavatsky verändert Helenes bisherige Weltanschauung völlig; sie entschließt sich, Medizin zu studieren, bricht das Studium jedoch kurz vor der Promotion ab. 1890 kehrt sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Europa zurück. Ab 1897 wohnt das Ehepaar Schewitsch in München, wo Sergej gelegentlich für die Satirezeitschrift Simplicissimus arbeitet und Helene weiterhin schriftstellerisch tätig ist: Anonym erscheinen die okkultistischen Schriften "Wie ich mein Selbst fand" (1901) und "Praktisch-theosophophische Winke von einer Okkultistin" (1904), 1909 folgt die Autobiografie "Von anderen und mir, Erinnerungen aller Art". Rasch findet das ungleiche Paar in München Anschluss in Künstlerkreisen, wo sich die mittlerweile fast 70-jährige, kränkelnde Helene noch immer gerne als Diva geriert. Doch die finanzielle Lage der beiden ist prekär; ob Helene allerdings das ganze Ausmaß der von ihr Mann angehäuften Schulden kennt, bleibt unklar. Wenige Tage nach dessen Tod - es fehlte das Geld für eine notwendige Operation - setzt Helene ihrem Leben ein Ende; sie wird am 3. Oktober 1911 auf dem Münchener Ostfriedhof beerdigt.
Das bewegte Leben der Helene von Dönniges bietet genug Stoff für einen historischen Roman. Ihre Kontakte zu namhaften Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kunst (von König Ludwig II. über Ferdinand Lassalle, Hans Makart bis hin zu Rudolf Steiner) sowie Lebensstationen, die kaum vielfältiger sein könnten (München, Turin, Nizza, Berlin, Craiova, Wien, Petersburg), interessierten nicht nur die zeitgenössische Presse, sondern machten auch ihre 1909 erschienene Autobiografie lesenswert. Es ist das Verdienst von Andrea Hirner, durch intensive Quellenrecherche schon bekannte Details verifiziert und konkretisiert und eine Vielzahl neuer Einzelheiten herausgefunden zu haben. Doch die Autorin bleibt vor allem in den Fakten zu den historisch so interessanten Begleitpersonen allzu sehr an der Oberfläche. So schreibt sie etwa zum Werdegang des Vaters: "Als Dönniges 1838 zu 1839 zu Studienzwecken in Italien weilte, hatte er durch einen glücklichen Zufall bis dahin unbekannte historische Unterlagen gefunden, die er der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorlegte. Damit konnte er sich bei seinem Lehrer [Ranke] habilitieren und war mit nur 29 Jahren außerordentlicher Professor" (S. 16). Dieses Zitat ist symptomatisch für die Publikation, ist es doch der Autorin nicht einmal eine Anmerkung wert, zu erklären, welche Unterlagen so bedeutend waren, dass ihre Publikation umgehend eine Professur rechtfertigten. Ähnliches gilt auch für die Affäre Lassalle, die zwar fast ein Drittel des Buches einnimmt, sich aber vorrangig mit dem irrationalen Liebesrausch des sozialistischen Politikers zur verwöhnten Adeligen befasst. Glaubt man der Autorin, so war Helene eine Frau, "die nur Schönheit und Liebe kannte, die verwöhnt und umworben sein wollte und vor allem anderen die Augen verschloss" (S. 206). Diese von Hirner stereotyp variierte Charakterisierung lässt die Publikation als wissenschaftlich nicht sehr ergiebig erscheinen und ermüdet auf die Dauer den Leser.

Erschienen am 08.03.2012

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