Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Walter Brugger / Heinz Dopsch / Joachim Wild (Hg.)

Herrenchiemsee. Kloster - Chorherrenstift - Königsschloss

Regensburg 2011, Pustet, 571 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Werner Schiedermair (München)      PDF-Datei


Herausgeberteam, Titel, Umfang und Ausstattung lassen den Anspruch ahnen, den dieses gewichtige Werk erhebt. Fern von jeder Mystifizierung, der die Insel als Sitz des Märchenschlosses Neu-Versailles seit Generationen medial ausgesetzt ist, wird ihre ganze Geschichte dargestellt, von der Besiedelung in vor- und frühgeschichtlicher Zeit angefangen über die Historie des Mönchsklosters und des dann folgenden Augustiner-Chorherrenstifts, über den Bau des Königsschlosses hinweg bis hin zur Tagung des Deutschen Verfassungskonvents im Jahr 1948, der mit seinen Überlegungen zukunftsorientiert wesentlich zur Gestaltung des Grundgesetzes, "der wohl besten Verfassung, die es je auf deutschem Boden gegeben hat" (S. 520), beitrug. Der Band geht auch auf die Instandsetzung und Revitalisierung der Stiftsgebäude während der letzten Dekade ein, die neben dem Gesamtkunstwerk Herrenchiemsee mit seiner großen Ausstrahlung, wie König Ludwig II. von Bayern es sich erträumte, in fast völlige Vergessenheit geraten waren.
Im Einzelnen umfasst das Werk folgende Beiträge: Hermann Dannheimer, Zur Besiedlung der Chiemseeinseln in vor- und frühchristlicher Zeit. - Derselbe, Das Kloster im Frühen und Hohen Mittelalter. - Heinz Dopsch, Vom Mönchskloster zum Kollegiatstift. Die frühe Geschichte nach dem Befund der Schriftquellen 7.-9. Jahrhundert. - Derselbe, Der Weg zum Augustiner-Chorherrenstift 891-1216. - Birgit Gilcher, Das Leben im Stift im Spiegel des Traditionsbuches. - Joachim Wild, Herrenchiemsee im Spätmittelalter 1218-1520. - Manfred Heim, Archidiakonat und Seelsorge. Das Verhältnis des Stiftes zum Bistum Chiemsee. - Otto Feldbauer, Das Stift Herrenchiemsee in der Frühen Neuzeit von etwa 1520 bis 1803. - Sigmund Benker, Eine unbekannte Ansicht von Herrenchiemsee und das Porträt des Chiemseebischofs Johann Franz von Preysing aus dem Jahr 1672. - Jolanda Englbrecht, Grundherrschaft und Wirtschaft von Kloster und Stift. - Walter Brugger, Bau- und Kunstgeschichte. - Derselbe, Die inkorporierten Pfarreien und ihre Filialkirchen. - Ferdinand Steffan, Grab- und Bauinschriften aus Herrenchiemsee. - Robert Münster, Herrenchiemsee und die Musik. - Stephan Kellner, Schule, Seminar, Skriptorium und Bibliothek. - Karin Precht-Nussbaum, Äbte, Pröbste und Chorherren der Abtei und des Augustiner-Chorherrenstifts Herrenchiemsee. - Rainer Braun, Die Säkularisation 1803 und die Verwertung der Gebäude. - Joachim Wild, Die Herreninsel und die Maler. - Michael Petzet, Der Traum von Versailles - König Ludwig II. und Herrenchiemsee. - Rainer Braun, Die Herreninsel im 19. und 20. Jahrhundert. - Friedrich Anton von Daumiller, Die "Verfassungsinsel". Der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee.
Der in dem Buch ausgebreitete wissenschaftliche Ertrag entspricht dem hochgesteckten Anspruch, den das Unternehmen unübersehbar vertritt. Er beeindruckt mit der Fülle neu gewonnener Erkenntnisse zur Geschichte der Insel, aber auch durch die Breite der behandelten Themen und die große Anzahl von die Texte illustrierenden Abbildungen (Urkunden, Karten, Ansichten, Gemälde, Kunstgegenstände usw.) sowie die wohl überlegte Art der Präsentation im Ganzen. Der Schwerpunkt des Werks liegt offensichtlich in der Erhellung der Historie von Insel und Kloster von den Anfängen der Besiedelung an bis zum Beginn der frühen Neuzeit.
Zunächst ist für den ganzen bayerisch-süddeutschen Raum der von Hermann Dannheimer mit großer, die Leselust steigernder Akribie in klassischer archäologischer Methodik geführte Nachweis von Bedeutung, dass es auf der Herreninsel schon im frühen 7. Jahrhundert ein Kloster gegeben hat. Heinz Dopsch greift diese Erkenntnis auf und bringt sie mit dem Bericht Aventins in Einklang, der in seinen 1522 vollendeten "Annales ducum Boiariae" über die Gründung zweier Klöster im Chiemsee durch Abt Eustasius von Luxeuil berichtet. Die Abtei Herrenchiemsee wurde also vermutlich schon um 620/625 gegründet. Sie war demnach das älteste bayerische Kloster und ging sogar der Salzburger Benediktiner-Abtei St. Peter im Alter vor, die der hl. Rupert der Tradition nach 696 ins Leben rief. Überzeugend ist auch die Charakterisierung der Abtei Herrenchiemsee als Herzogskloster der Agilolfinger. Sie macht die Schenkung des Klosters an das Bistum Metz im Jahre 788, nach dem Sturz Tassilos, einleuchtend nachvollziehbar. Nachdenklicher stimmt die - allerdings vorsichtig formulierte - Erwägung, die Übertragung an das Bistum Metz "scheint die weitere Entwicklung der Abtei nicht beeinträchtigt zu haben" (S. 64). Allein die Tatsache, dass im Zeitpunkt des Übergangs von Herrenchiemsee auf das Erzbistum Salzburg im Jahr 891 kein Abt der Kommunität vorstand, lässt eine wohl durch spirituelle Erschlaffung bedingte Veränderung in deren Selbstverständnis vermuten. Sie könnte letztendlich mit zur Umwandlung in ein Augustiner-Chorherrenstift um 1125 geführt haben.
Das Verhältnis des Augustiner-Chorherrenstifts Herrenchiemsee zum in den Jahren 1215 bis 1218 als Salzburger Eigenbistum errichteten Bistum Chiemsee fasziniert. Nur zu verständlich ist, dass sich zu diesem ergiebigen Thema drei Autoren äußern. Allein die Tatsache, dass die Stiftskirche zugleich als Kathedrale des Bistums diente, stellte eine Seltenheit dar. Nicht weniger eigentümlich ist das Faktum, dass die Herreninsel zwar den nominellen Sitz des Bistums bildete, der Bischof aber keine Residenz auf der Insel besaß, sondern in Salzburg residierte. Bemerkenswert erscheint auch die Doppelstellung der Stiftsherren; der Konvent von Herrenchiemsee bildete zugleich das Domkapitel des Bistums Chiemsee, der Propst war in Personalunion Dompropst und Stiftspropst. Eine Steigerung erfuhr das besondere Verhältnis der beiden Institutionen Stift und Bistum noch durch das primär der Seelsorge verpflichtete Archidiakonat Chiemsee, das seit der Mitte des 12. Jahrhunderts nachweisbar ist. Der Propst nahm das Amt des Archidiakons wahr; es reichte territorial weit über die Grenzen des Bistums Chiemsee hinaus.
Die komplexe Stellung des Augustiner-Chorherrenstifts setzte sich im profanen Bereich fort. Territorial war das kirchlich zum Erzbistum Salzburg gehörende Herrenchiemsee Teil des Herzogtums/Kurfürstentums Bayern. Seit etwa 1130 nahmen die Grafen von Falkenstein das Amt des Vogts wahr, 1245 beanspruchte dieses Herzog Otto II. von Bayern und bekam es vom Salzburger Erzbischof auch übertragen. Allerdings ist kein bayerischer Herzog jemals als Vogt in Herrenchiemsee erschienen. Bemerkenswert und für das Selbstverständnis des Stifts kennzeichnend ist die Tatsache, dass es keine "wirkliche Hofmark" (S. 145) ausbilden konnte. Anscheinend waren ihm die geistlichen Aufgaben wichtiger als weltlich-hoheitliche Machtansprüche. Verselbständigungstendenzen verfolgten die Pröpste anscheinend nie, weder im Verhältnis zum Salzburger Erzbischof noch zum bayerischen Herzog.
Es ist ein großes Verdienst der Autoren, die auf vielfältige Weise sowohl in geistlicher wie in weltlicher Hinsicht mehrschichtige Position des Herrenchiemseer Stifts klargestellt zu haben. Zu ihren Beiträgen treten alle anderen Aufsätze bereichernd hinzu. In ihrer Gesamtheit lassen sie ein Bild der Herreninsel entstehen, das diese als einen besonderen Merkort nicht nur bayerischer Geschichte, sondern auch bayerischen Selbstbewusstseins erscheinen lässt. Ganz deutlich wird dies in den Beiträgen von Michael Petzet über Ludwig II. und seinen Schlossbau sowie von Joachim Wild über die Herreninsel und ihre Maler. Bei aller Distanziertheit der Darstellung lassen beide Autoren Herrenchiemsee über die von ihnen gewählten Abbildungen nicht nur als Platz ausgezeichneter Naturschönheit erscheinen, sondern als einen herausragend-besonderen Ort schlechthin.
Das Buch ist als Sammelband konzipiert. Als Leitfaden für die Reihung der Aufsätze dient allein der chronologische Gesichtspunkt. Nach der Durchsicht aller Beiträge fragt man sich allerdings, ob er für die Darstellung eines so komplexen Gebildes, wie es die Herreninsel, nun einmal ist, genügen konnte. So wäre es hilfreich gewesen, zumal aus der Leser-Sicht, wenn einleitend die sich überlagernden und überlappenden weltlichen und kirchlichen Funktionen von Stift und Bistum im rechten Verhältnis zueinander themenübergreifend beschrieben worden wären. Auch hätte man die Aufsätze, die sich mit dem Innenleben des Klosters auseinandersetzen, wie die überaus informativen, inhaltsreichen Artikel zum Leben im Stift im Spiegel des von ca. 1126 bis zum Ende des 13. Jahrhunderts reichenden Traditionsbuchs, zu den zahlreichen aussagekräftigen Grab- und Bauinschriften, zur Musikpflege, zu Schule, Seminar, Skriptorium und Bibliothek, in einem eigenen Kapitel zusammenfassen können. Entsprechendes gilt für das Außenleben des Klosters, also die Darstellung von Vogtei, Grundherrschaft und Wirtschaft, der inkorporierten Pfarreien und ihrer Filialkirchen sowie die Bautätigkeit und die Gebäudeausstattung von Stift und Kirchen. Dann wären die verschiedenen Beiträge vermutlich intensiver aufeinander abgestimmt worden, Ungereimtheiten hätten vermieden werden können, dann hätte auch die schöne Miszelle über "eine unbekannte Ansicht von Herrenchiemsee und das Porträt des Chiemseebischofs Johann Franz von Preysing aus dem Jahre 1672" einen überzeugenderen Platz gefunden. In einem dritten Abschnitt hätte man die Äußerungen zum 19. und 20. Jahrhundert sammeln können.
Eine detaillierte Bibliografie, eine Übersicht über die Äbte, Pröpste und Chorherren sowie ausführliche Orts- und Personenregister erschließen das Werk, mit dem eine lang beklagte Lücke in der Reihe der bayerischen Klosterdarstellungen endlich geschlossen wird.

Erschienen am 14.11.2011

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