(Bestandskataloge der Graphischen Sammlung des Martin-von-Wagner-Museums der Universität Würzburg 2), Weimar 2009, VDG, 440 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Erich Schneider (Schweinfurt) PDF-Datei
Zum wertvollsten Bestand des Martin-von-Wagner-Museums der Universität Würzburg gehören die drei sogenannten "Tiepolo-Skizzenbücher" Wagner Sammlung (künftig "WS" abgekürzt) 134, 135 und 136. Sie spiegeln zu einem nicht unerheblichen Teil die Tätigkeit Giovanni Battista Tiepolos und seines Studios für die Würzburger Residenz zwischen 1750 und 1753. Die Kreidezeichnungen auf blauem Papier enthaltenden und mit der alten Beschriftung "Tiepolo" bezeichneten Bände sind Teil einer durch Martin-von-Wagner (1777-1858) im Jahr 1857 (1858?) getätigten Schenkung an die Universität. Obwohl 1909 von Pompeo Molmenti in seiner Tiepolo-Monographie erstmals in die Literatur eingeführt, fehlte eine angemessene Untersuchung und Würdigung bis heute.
Im Rahmen ihrer 2007 an der Universität Würzburg bei Stefan Kummer vorgelegten Dissertation analysiert Ulrike Oehm die drei "Skizzenbücher" nach kodikologischer und stilkritischer Methode und setzt sie in einen größeren Kontext mit weiteren vergleichbaren Blättern von Tiepolo und dessen Umfeld zwischen 1740 und 1753. In einem zweiten Kapitel bezieht die Verfasserin alle Zeichnungsbücher und losen Einzelblätter im Bestand des Martin-von-Wagner-Museums ein. Ihr Ziel ist es zu klären, ob die traditionellerweise Giovanni Battista Tiepolo, seinen beiden Söhnen Giovanni Domenico und Lorenzo sowie Georg Anton Urlaub zugeschriebenen Zeichnungen überhaupt einen zusammengehörigen historischen Komplex formen. Eine methodisch sorgfältige Analyse aller bekannten Kreidezeichnungen der Tiepolo auf blauem Papier nimmt Oehm im dritten Abschnitt vor. Neben der Frage der Händescheidung steht dabei die Aufgabe der Skizzen im Entwurfsprozess im Hinblick auf die Würzburger Gemälde und Fresken im Mittelpunkt. Das vierte Kapitel fasst die Zeichnungen in einem Catalogue raisonné zusammen und rekonstruiert die Genese der Bücher. Neue Erkenntnisse zur Organisation von Tiepolos Studio werden im fünften Abschnitt vorgestellt. Kapitel sechs resümiert die gewonnenen Ergebnisse und das siebte Kapitel umfasst den Katalog der Zeichnungsbände mit einer Rekonstruktion der ursprünglichen Zusammensetzung der Alben.
Dank ihrer akribischen Methodik kann die Verfasserin über ihr eigentliches Thema hinaus auch das von Christel Thiem edierte Tiepolo-Zeichnungsalbum WS 132 sowie die verlorenen Bücher WS 130, 131 und 133 rekonstruieren und als eine ursprünglich zusammengehörende Einheit belegen. Sie macht wahrscheinlich, dass der Bestand aus dem Werkstattnachlass des Tiepolo-Schülers Georg Anton Urlaub stammte und nach dessen Tod über Peter Wagner an Martin von Wagner und schließlich an die Universität Würzburg gelangte. Das Album WS 134 enthält Oehm zufolge Reproduktionen nach Tiepolo-Zeichnungen wohl von Georg Anton Urlaub, die dieser im Würzburger Tiepolo-Atelier fertigte. Die anderen beiden untersuchten Alben setzen sich dagegen aus originalen Zeichnungen von Giovanni Battista und Giovanni Domenico zusammen. Urlaub montierte diese gemeinsam mit leeren Blättern, die er vermutlich mit eigenen Zeichnungen füllen wollte, in zwei Bänden für den eigenen Gebrauch.
Von Ulrike Oehms Fleiß und ihrer besonderen Leistung aber kündet insbesondere der Katalogteil, in dem die Verfasserin in akribischer Kleinarbeit alle verfügbaren technischen Details hinsichtlich Beschreibung und Erhaltungszustand zusammengetragen hat. Darüber hinaus hat sie alle Darstellungen dem Oeuvre der Tiepolo zugeordnet und hinsichtlich ihrer Stellung im Werkprozess beurteilt. Martin-von-Wagner-Museum und Tiepolo-Forschung werden von dieser beeindruckenden Arbeit lange zehren können.
Erschienen am 17.11.2011
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