Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Franz-Reiner Erkens (Hg.)

1000 Jahre Goldener Steig. Vorträge der Tagung vom 24. April 2010 in Niedernburg

(Veröffentlichungen des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen der Universität Passau 61), Passau 2011, Klinger, 144 Seiten

Rezensiert von Ernst Schütz (Metten)      PDF-Datei


Bei vorliegender Publikation handelt es sich um eine Jubiläumsschrift. Sie gibt die Vorträge einer wissenschaftlichen Tagung des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen in Zusammenarbeit mit dem Verein für Ostbairische Heimatforschung wieder, welche anlässlich der ersten - indirekten - urkundlichen Erwähnung des so genannten Goldenen Steigs vor 1000 Jahren am 24. April 2010 in der Aula des Passauer Klosters Niedernburg veranstaltet wurde. "Indirekt" ist diese gefeierte Erstnennung insofern, als die von Kaiser Heinrich II. am 19. April 1010 für das Kloster Niedernburg ausgefertigte Urkunde mit einer Verfügung über den böhmischen Zoll zwar keinen Goldenen Steig als solchen nennt, dessen Existenz aber erschließen lässt, denn: ohne Handelsweg kein Zoll. In seinem Vorwort (S. V/VI) weist der Herausgeber darauf hin, dass dieser Jubelanlass bereits "für zahlreiche folkloristische und tourismusfördernde Veranstaltungen" genutzt wurde, und auch die Fördermittel der Europäischen Union für die Erforschung des Goldenen Steigs sind letztlich Investitionen in das Jetzt bzw. das Morgen der deutsch-tschechischen Beziehungen (man denke beispielsweise an die mitten in ihrer Genese befindliche EUREGIO Donau-Moldau). Fast wie nebensächlich mutet deshalb der Versuch an, historisch fundierte Beiträge zusammenzutragen, die zwar gleichfalls die Bedeutung dieser historischen Handelsverbindung für "Wirtschaft, Kultur und Landesausbau" hervorheben, diese aber eben nicht vorrangig für tagespolitische Interessen nutzen wollen. Dennoch - oder vielmehr gerade deswegen - erscheint das Ergebnis dieser Tagung durchaus ertragreich.
Den Anfang bildet ein Beitrag des Herausgebers Franz-Reiner Erkens, in welchem er Heinrich II., das Reichskloster Niedernburg und den böhmischen Zoll behandelt (S. 1-12). Die Verfügung über letzteren sei dem Kloster vermutlich als Zeichen seiner Zugehörigkeit zum König übertragen worden, war doch Niedernburg bereits seit dem 10. Jahrhundert ein begehrtes Objekt der Passauer Bischöfe. Da aber auch diese als königstreu gelten müssen, handelte es sich bei genannter Übertragung wohl um keinen Akt der Machtkonkurrenz. Der erst etwa 500 Jahre später als "golden" bezeichnete Steig, der Passau mit dem Herzogtum Böhmen verband, ist sowohl in seinen Ursprüngen als auch in seiner Ausformung reichlich umstritten, wie Erkens einräumt; seine Erstnennung setzt lediglich einen terminus ante quem und lässt auch keine belastbaren Rückschlüsse auf die Höhe der durch ihn erwirtschafteten Zolleinnahmen zu - wenngleich der Verfasser aufgrund der vermuteten Passauer Transitfunktion für den Salzhandel nach Böhmen davon ausgeht, dass dieser "nicht ganz unerheblich gewesen" sei.
Im Folgenden bietet der Pionier der Erforschung des Goldenen Steiges, Paul Praxl, einen Überblick zu dessen Forschungsgeschichte (S. 13-28) seit Frantisek Josef Sláma (1792-1844) sowie zu dessen Entwicklung seit dem Stichjahr 1010. Der anschließende, hoch aufschlussreiche Beitrag von Egon Boshof über das Kloster Niedernburg im Früh- und Hochmittelalter (S. 29-46) trägt zwar eindeutig die Handschrift des Meisters der mittelalterlichen Geschichte, streift die Thematik des Bandes allerdings nur am Rande, wenn er auf die Problematik der Niedernburger Nordwald-Schenkungsurkunde eingeht (S. 37ff.). Umso prägnanter und zugespitzter präsentiert Richard Loibl (S. 47-56) auf den darauf folgenden Seiten die Hintergründe der gefeierten Schenkung des Jahres 1010: Für den verstärkten Landesausbau und die Rodungsarbeit im Nordwald waren besonders kirchliche Einrichtungen, die von Kaiser Heinrichs Verwandten geleitet wurden, von gehobener Bedeutung, wie zum Beispiel die Bamberger Bischofskirche, aber auch die Abteien Niederaltaich und Niedernburg. Diese Erschließungsmaßnahmen standen zwangsläufig im Zusammenhang mit Straßen nach Böhmen - und warfen unwillkürlich auch Zölle ab. Herbert W. Wurster setzt dann seinerseits den Steig in einen größeren verkehrs- und wirtschafts- sowie gesellschaftsgeschichtlichen Zusammenhang, indem er das Hochstift Passau in seiner Rolle als Zentrum einer mitteleuropäischen Verkehrsachse beleuchtet (S. 57-82). In diesem nicht nur aufgrund seines Umfangs ertragreichsten Beitrag des Sammelbandes versucht sich Wurster an einer Einbettung des mittelalterlichen Steigs in "die einschlägigen verfassungs-, rechts- und verwaltungsgeschichtlichen Rahmenbedingungen" seiner frühen Blütezeit; "Naturgegebenheiten und historisch Gewordenes", so sein Hinweis, hatten schließlich "langfristige Formkraft" und schlugen sich rechtlich bzw. herrschaftlich nieder. Entsprechend lasse sich der Goldene Steig sogar als "bezeichnend für das mittelalterliche Reich" betrachten, der erst mit Beginn der Neuzeit den Territorialstaaten im Wege stand und sodann verblasste (S. 59). Darüber hinaus, so Wurster, war er auch Teil eines Passauer Verkehrskreuzes (Inn-Donau-Nordwald), welches das Kloster Niederburg seit 1010 zum "Mittelpunkt des Verkehrs im nordalpinen Donauraum" werden hatte lassen (S. 63). Dabei war dieser Zustand jedoch nur ein Nebeneffekt des kaiserlichen Bestrebens, durch die reichliche Ausstattung Niedernburgs das Reichskirchensystem, und damit auch die kaiserliche Herrschaft im bayerischen Raum, zu etablieren bzw. zu verfestigen (S. 64f.). Durch die Übertragung dieses Reichsklosters an den Bischof von Passau im 12. Jahrhundert markiert der Verlauf des Goldenen Steigs im Wesentlichen somit auch das Territorium des nachmaligen Hochstifts Passau (S. 67).
Nach einem weiteren historischen Abriss der Geschichte des Goldenen Steigs im Spätmittelalter von Nicole Eller (S. 83-90) untersucht Wolfgang Janka die Ortsnamen entlang desselben (S. 91-111). Als überraschend muss sein empirisch wie methodisch abgesichertes Ergebnis gelten, dass etliche dieser Ortsnamen auf eine bereits frühmittelalterliche Besiedlung hinweisen und zumindest eine feste Route mit Etappenorten für diese Zeit nahelegen. Den anschaulichen und reich bebilderten Abschluss des Bandes bildet der Beitrag von Frantisek Kubu und Petr Zavrel (S. 113-141), in welchem der Stand der archäologischen Erforschung des Goldenen Steigs auf böhmischer wie auf bayerischer Seite porträtiert wird. Dass diese mittlerweile auch mit modernsten, sogar satellitengestützten Vermessungsmethoden geschieht, belegt den beiderseitigen Willen, auf diesem Wege noch weiter voranzuschreiten. Dies wiederum gibt zu der berechtigten Hoffnung Anlass, dass "der Goldene Steig wahrscheinlich der erste mittelalterliche Handelsweg in Mitteleuropa sein [wird], der mindestens in seiner Grundform komplett und in voller Länge dokumentiert sein wird" (S. 141).
Insgesamt vereint der Sammelband seinen im Vorwort hervorgehobenen Anspruch der Interdisziplinarität mit einer möglichst vollständigen Darstellung des derzeitigen Forschungsstandes (das Fehlen des geographischen Aspekts wird im Vorwort durch die Erkrankung eines Referenten entschuldigt). Dabei wiederholen sich zwar etliche Inhalte fast zwangsläufig, doch fällt dies nicht weiter ins Gewicht. Weitaus auffälliger ist das Ausbleiben einer wirklichen Vernetzung all dieser einzelnen Beiträge, etwa in Form einer Zusammenschau von Ergebnissen und Forschungsdesideraten durch den Herausgeber - zumal dieser selbst in seiner Einleitung konstatiert, dass man von "einer fundierten und lückenlosen Gesamtschau dieser Geschichte [...] noch weit entfernt" sei. Auch der Versuch einzelner Autoren, individuell eine solche Zusammenschau zu bieten (z.B. Praxl, S. 27f., oder Wurster, S. 76-78), gleicht dieses Manko nicht ganz aus. Nicht zuletzt wäre auch ein Quellen- und Literaturverzeichnis (wie es sich einzig am Ende des Beitrags von Herbert W. Wurster findet) für alle abgedruckten Beiträge - sowie eventuell auch ein Autorenverzeichnis - nützlich gewesen.

Erschienen am 14.11.2011

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