(Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderband 101), Frankfurt a.M. 2011, Vittorio Klostermann, 332 Seiten, 1 CD-ROM
Rezensiert von Stephan Deutinger (München) PDF-Datei
Das Angebot an landesgeschichtlichen Periodika im deutschsprachigen Raum ist kaum überschaubar. Das verweist zum einen auf die erfreulich breite gesellschaftliche Basis, die Landes- und Heimatgeschichte nach wie vor haben, stellt aber andererseits vor bibliographische und bibliothekarische Probleme, sind doch beispielsweise an die hundert Zeitschriften und Zeitungsbeilagen zu unterscheiden, die den Titel "Unsere Heimat" führen oder führten, oder etwa siebzig, die einfach nur unter "Die Heimat" firmieren. Hier den Überblick zu behalten, hilft das Verzeichnis von Rudi Mechthold, das erstmals 1984 mit 1321 nachgewiesenen Titeln erschien und nun auf nicht weniger als 4820 Nummern erweitert vorliegt. Die Angaben zu den einzelnen Titeln sind äußerst knapp und umfassen den Erscheinungsort, meist auch die herausgebende Institution, das erste und letzte Jahr des Erscheinens sowie, besonders nützlich, alle Titeländerungen und Titelvarianten eines Periodikums. Mit wenigen Griffen läßt sich so etwa ermitteln, daß die bekannten, in Passau erscheinenden "Ostbairischen Grenzmarken" von 1924 bis 1930 "Die ostbairischen Grenzmarken" hießen, von 1921 bis 1923 "Monatsschrift für die ostbairischen Grenzmarken", von 1910 bis 1920 aber "Niederbayerische Monatsschrift".
Für solche, vor allem im Bibliotheksbetrieb wichtige Identifizierungen ist das Verzeichnis offenbar gedacht, und sehr viel mehr sollte man sich auch nicht erwarten. Als landesgeschichtliches Forschungsinstrument, etwa um sich bibliographisch in eine weniger vertraute Region einzuarbeiten, ist der Band nicht geeignet. Das liegt vor allem an den erheblichen Erfassungslücken. Ein Vergleich mit den probaten landesgeschichtlichen Zeitschriftenschauen offenbart zahlreiche Fehlstellen: Man findet nicht etwa für Oberbayern die "Groana" des Vereins zur Erforschung der Grainauer Ortsgeschichte, nicht das "Ettaler Mandl", nicht das Pasinger Archiv (wohl aber das jüngere "Aubinger Archiv", Nr. 0240); für Niederbayern nicht den "Passauer Almanach"; für die Oberpfalz nicht die "Tegernheimer Heimat- und Geschichtsblätter" und "Die Arnika" des Oberpfälzer Waldvereins (wohl aber "Der Bayerische Wald", Nr. 0433, "Der Bayerwald", Nr. 0441, und "Schöner Bayerischer Wald", Nr. 3667); für Unterfranken nicht "Das Grabfeld"; für Mittelfranken nicht die Weißenburger "Villa nostra"; für Schwaben nicht die "Rieser Kulturtage"; für Oberösterreich nicht den "Bundschuh"; für Südtirol nicht "Geschichte und Region". Das sind nur willkürlich herausgegriffene Beispiele für den bayerisch-österreichischen Raum; die Vermutung geht dahin, daß es für die anderen Territorien nicht viel anders aussieht. Warum solche Titel fehlen, ist nicht nachzuvollziehen, weil leider zur Erhebungssystematik keinerlei Erläuterung gegeben wird. Die im Vorwort - freilich nicht vom eigentlichen Verfasser - behauptete "größtmögliche Vollständigkeit und Aktualität" ist jedenfalls nur ein frommer Wunsch.
In manchen thematischen Bereichen scheinen regelrechte systematische Lücken vorzuliegen. Ausdrücklich im Vorwort ausgenommen - warum auch immer - sind nur "Veröffentlichungen mit ausschließlich volkskundlichem oder vor- und frühgeschichtlichem Inhalt" (S. 9). Es fehlt aber weitestgehend ebenso die regional doch äußerst wichtige Landeskirchengeschichte. Wenn auch etwa die "Würzburger Diözesangeschichtsblätter" (Nr. 4714) oder das "Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte" (Nr. 4284) nachgewiesen sind, so gibt es doch keinerlei Hinweis auf die "Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte", die "Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte", die "Blätter für pfälzische Kirchengeschichte", das "Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte", das "Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte" und wie sie alle heißen. Auch die landesgeschichtlich nicht weniger wichtigen Periodika archivischer Provenienz scheinen beinahe prinzipiell keine Aufnahme gefunden zu haben; zu nennen wären etwa die "Archive in Bayern" der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (seit 2003) oder die "Norica" des Stadtarchivs Nürnberg (seit 2005).
Gänzlich indiskutabel ist die Aufnahme der Schriftenreihen, die man in einem Band mit dem Titel "Landesgeschichtliche Zeitschriften" gar nicht erwarten würde. Wenn man aber die "Veröffentlichungen" der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg (Nr. 2600) und der Gesellschaft für fränkische Geschichte (Nr. 1351) aufnimmt, dann muß man auch die Reihen der Kommission für bayerische Landesgeschichte (und nicht nur die "Quellen und Erörterungen", Nr. 3368) und der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft registrieren, und auch eine hochfrequente Reihe wie die "Miscellanea Bavarica Monacensia" darf dann nicht fehlen.
Das geographische Register erschließt das Titelmaterial recht zuverlässig, berücksichtigt leider aber nicht die Erscheinungsorte. Da es zudem auf Querverweise ganz verzichtet, erhält beispielsweise derjenige, der Publikationen über Landshut oder München sucht, keinen Hinweis auf die lokal höchst einschlägigen "Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern" bzw. das "Oberbayerische Archiv", sondern muß selber darauf kommen, die Lemmata "Niederbayern" und "Oberbayern" entsprechend zu befragen. Fündig wird man in diesem Fall schneller über die beiliegende CD-ROM mit der durchsuchbaren pdf-Datei des ganzen Bandes, die angesichts mancher Umständlichkeit in der Ordnung des Titelmaterials (meist "in verkürzter Form unter der herausgebenden Körperschaft", S. 9) für den konkreten Benutzungsfall ohnehin empfehlenswerter ist als die Druckfassung. Sollte es von ihr eine weitere Auflage geben, könnte man dort auch berücksichtigen, daß die eingangs herausgegriffenen "Ostbairischen Grenzmarken" schon seit dem Jahrgang 2005 "Passauer Jahrbuch" heißen.
Erschienen am 21.07.2011
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