Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Georg Stöger

Sekundäre Märkte?. Zum Wiener und Salzburger Gebrauchtwarenhandel im 17. und 18. Jahrhundert

(Sozial- und wirtschaftshistorische Studien 35), Wien/München 2011, Verlag für Geschichte und Politik/Oldenbourg, 298 Seiten, 14 Abbildungen

Rezensiert von Helmut Rankl (München)      PDF-Datei


Die Beschäftigung mit Gebrauchtwaren und Altstoffen, ihr Weiterverwerten, Umarbeiten und Reparieren waren wichtige Bestandteile der Alltagsökonomie vergangener Jahrhunderte. Der Verfasser der Salzburger Dissertation stellt fest, daß die bisherige Forschung den Fokus auf die primären Märkte gelegt und die Kreisläufe nicht-neuer Produkte und Materialien kaum berücksichtigt hat. Seine sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtliche Analyse von Gebrauchtwarenmärkten konzentriert sich auf die Städte Wien und Salzburg, bezieht jedoch vergleichend deutsche und europäische Städte mit ein. Der Untersuchungszeitraum reicht vom 17. Jahrhundert bis ins erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts - quellenbedingt liegt der Schwerpunkt im 18. Jahrhundert. Trotz des Fehlens der traditionellen Quellen der Handelsgeschichte erschließt die Arbeit eine überraschende Vielfalt neuer Quellen, vor allem Akten von Gerichts-, Verwaltungs- und Steuerbehörden, auch Bildliches in Stadtansichten oder Buchillustrationen. Der in 14 Kapiteln fein untergliedernden Untersuchung folgen ein kurzer Anhang (S. 250-261) und sehr ausführliche Verzeichnisse der Quellen und Literatur, der 14 Abbildungen, 7 Tabellen und 10 Grafiken (S. 262-296).
Die Kapitel 2 bis 5 sowie 10 widmen sich den Marktplätzen und ihren Warenangeboten, Kapitel 11 den Händler/-innen (Tändler/-innen bzw. Trödler/-innen), Kapitel 12 den Kunden/-innen. Größere Städte wiesen eigene Trödelmärkte auf: Der Verkauf erfolgte entweder in Läden oder in Verkaufsständen; daneben gab es ambulant verkaufende Akteure auf der Gasse, bei Plätzen oder in Vorhäusern. Obwohl grundsätzlich als "freie" Tätigkeit erachtet, erfuhr der Handel mit Gebrauchtem früh Formalisierung und Reglementierung durch die Obrigkeiten (Kapitel 6 und 7): Tendenziell kam es zur Privilegierung einzelner Marktakteure. Hohe Gebühren begrenzten den Erwerb von personalen und realen Konzessionen und schlossen dabei vor allem Frauen, aber auch Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten von einer formellen Handelstätigkeit aus. Vielfach wurden Dienstboten/-innen, Gesellen aus den Bekleidungshandwerken und Eisen verarbeitenden Gewerben, Soldaten und deren Angehörige auf sekundären Märkten tätig. Alltägliche Begleiterscheinung des Gebrauchtwarenhandels waren Konflikte zwischen formellen und informellen Händlern, deren Austragung den jeweiligen Obrigkeiten zufiel (Kapitel 8). Der Erwerb von Gebrauchtem war insbesondere für untere soziale Schichten eine dringliche Notwendigkeit, für mittlere und höhere soziale Schichten waren nur spezielle Marktsegmente mit höherwertigen Waren interessant.
Die Gliederungssystematik kann Wiederholungen nicht vermeiden. Zusammen mit einer stellenweise spröden Fachsprache und üppigen Quellenzitaten im Text stellen sie an die Konzentrationsfähigkeit des Lesers hohe Anforderungen. Die Ausschmückung mancher Kapitelüberschriften mit ein- bis sechszeiligen Zitaten mag dem einen Leser eine Lust, dem anderen aber eine Last sein.
Nicht hoch genug kann man die Leistung des Verfassers würdigen, umfangreiches neues und gewichtiges Quellenmaterial erschlossen zu haben, das den Alltag von Gruppen tangiert, die in großen Städten die Hälfte bis zu zwei Dritteln der Bewohner ausmachen. Besonders eindrucksvoll ist der Versuch der Quantifizierung der verschiedenen Akteursgruppen ("bürgerliche" Stadt- bzw. Vorstadttandler, schutzverwandte Tandler, Inhaber von Tandlermarktlizenzen), ebenso die Untersuchung der Marktentwicklung in Abhängigkeit von Konjunkturen und Krisenphänomenen in Kapitel 10. Höchst aufschlußreich sind die Grafiken 3 und 8-10, die über die soziale Herkunft und den finanziellen Aufwand von Händlern sowie über die (fiktiven) Jahresausgaben von mittelständischen Haushalten informieren.

Erschienen am 24.05.2012

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