Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Iris Lauterbach (Hg.)

Klosterkultur in Bayern vor der Säkularisation - zwischen Heilsgeschichte und Aufklärung

(Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München 28), München 2011, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, 128 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Lothar Altmann (Gilching b. München)      PDF-Datei


Genau genommen könnte man von einem Etikettenschwindel sprechen: Denn weder der allgemein wie anspruchsvoll formulierte Buchtitel noch das Titelbild (ein Detail aus dem Deckenfresko Bartolomeo Altomontes im Festsaal von Kloster Fürstenzell) lassen für den Uneingeweihten erkennen, dass es sich bei dieser Publikation um die Veröffentlichung von Beiträgen einer gleichnamigen Tagung handelt, die im Juli 2009 vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte, von der Technischen Universität München und der Stadt Burghausen durchgeführt wurde und das Zisterzienserkloster Raitenhaslach des 18. Jahrhunderts im Fokus hatte. Dies erfährt der Leser erst im Vorwort der Herausgeberin (bzw. vom Schwerpunkt Raitenhaslach im Werbetext des Covers). Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis bestätigt die thematische Zwiespältigkeit und Zufälligkeit der Beiträge dieses Sammelbandes.
Dies besagt natürlich nichts über die Qualität der einzelnen Beiträge. Zunächst geht Peter Hersche der Frage nach, warum es - mit einigen Ausnahmen - "außerhalb des süddeutsch-österreichisch-schweizerischen Raumes keine 'Klosterschlösser'" gab. Dabei werden vor allem sozial- und mentalitätsgeschichtliche Gründe für die (von unseren Prälatenklöstern unterschiedliche) Ausprägung von Klosteranlagen im romanischsprachigen Raum angeführt. Das ist ein sicherlich sehr interessanter Aspekt, der aber mit dem Buchthema eher weniger zu tun hat, noch dazu der hierfür nicht unwichtige Begriff "Klosterschlösser" als "eindrucksvolle und großzügige, meistens nach einem (...) Gesamtplan und möglichst symmetrisch errichtete Klosteranlagen im Barockstil" (S. 7) sehr allgemein, um nicht zu sagen oberflächlich definiert wird. Auch sprechen viele Fakten (schon die Abtswahl oder der Sturz von Klostervorstehern) dagegen, dass die Mönche unserer Barockklöster "gewissermaßen einen geistlichen 'Hofstaat'" (ebd.) des Abtes bildeten, wie der Autor behauptet.
In den im Buchtitel genannten Themenbereich führt dann der Beitrag von Franz Matsche über "die Konkurrenz der Klöster in Altbayern" auf dem Gebiet der barocken Bautätigkeit und künstlerischen Ausstattung ihrer sakralen und profanen Gebäude um des Prestiges willen. Bestimmend hierfür war vor allem die visuell wirksame "Pracht" (zur Ehre Gottes und des Ordens, aber auch zur persönlichen Ehre des Abtes oder sogar des Landesherrn), aber auch das "Alter" (Altehrwürdigkeit), mit denen ein Kloster das andere übertreffen wollte, beispielsweise - wie im Beitrag skizziert - Tegernsee Benediktbeuern, Niederaltaich Tegernsee oder Oberalteich Niederaltaich (und umgekehrt), also sogar auch innerhalb ein und desselben Ordens.
Diesen Aspekt verfolgt Hans Lange in seiner Analyse der Architektur von Kirche und Kloster Raitenhaslach im 18. Jahrhundert weiter. Obwohl erste Niederlassung des Zisterzienserordens in Altbayern, geriet Raitenhaslach im Barock gegenüber den übrigen großen Zisterzen Aldersbach, Fürstenfeld und schließlich sogar Fürstenzell ins Hintertreffen. Daher kehrte es in seiner Wandpfeilerkirche, deren Fassade und Stellenwert im Klostergefüge mehr als die anderen die ordensspezifische Tradition hervor - und wurde so zum Gegenpol vor allem Fürstenfelds mit seiner "höfischen" Klosterkirche, die ebenfalls alte wittelsbachische Grablege ist. Gerade der Wettbewerb mit Fürstenfeld könnte auch zum Neubau der Wallfahrtskirche Marienberg, noch wahrscheinlicher aber zu dem des Festsaals in Raitenhaslach durch Baumeister Franz Aloys Mayr geführt haben.
Über die bislang nicht näher bekannte "Veränderungsgeschichte und denkmalpflegerische Behandlung" der Fassade der Klosterkirche Raitenhaslach referiert Paul Huber, wobei er sich auf die Ergebnisse der jüngsten restauratorischen Befunduntersuchung stützen kann. Die Vorbehalte des Autors gegen die Abbildungstreue der Raitenhaslacher Klosteransicht in Wilhelm Ertls "Chur-Bairischem Atlas" (Bd. II von 1690) bestätigen sich auch bei anderen "Veduten" in diesem Werk (die übrigens nicht von Ertl selbst stammen, wie der Autor offenbar annimmt, sondern von dem Kupferstecher Johann Ulrich Krauß). Im Resümee wird festgestellt, dass "das auf Kontrastwirkung ausgelegte Erscheinungsbild der Hauptfassade" (S. 79) der Kirche, ein der Denkmalbehörde geschuldetes Ergebnis der Restaurierung von 1969, aus heutiger Sicht nicht dem Original entsprechen kann.
Der derzeit wohl beste Kenner Raitenhaslachs, Kreisheimatpfleger Wolfgang Hopfgartner, bietet dann einen Abriss der Baugeschichte von Kirche und Kloster von der Romanik (1186) bis zum Beginn der Renovierung 2010, welche die Einrichtung eines Orts der Begegnung und Wissenschaft für die Technische Universität München ("Raitenhaslach Science Center") in Teilen der 2003 von der Stadt Burghausen ersteigerten Klostergebäude zum Ziel hat (vgl. hierzu: Technische Universität München (Hg.), Raitenhaslach. Ort der Begegnung und Wissenschaft, München 2011 bzw. http://portal.mytum.de/raitenhaslach).
Unter der Überschrift "Selbstvergewisserung und Heilserwartung" stellt Sibylle Appuhn-Radtke "die Ehrenpforten zur Feier des 600-jährigen Ordensjubiläums in Raitenhaslach (1698)" vor. Nach einer kurzen Einführung zur Bedeutung barocker Jubiläumsfeiern allgemein wird auf das Raitenhaslacher Fest anlässlich der Niederlassung des Robert von Molesme 1098 in CŒteaux (nicht eines Gründungsjubiläums von Raitenhaslach, wie im Vorwort zu lesen ist) eingegangen. Zugleich vollzog man damals die offizielle Translation dreier Heiliger Leiber (Vater, Mutter und Kind) aus der Calixtus-Katakombe Roms in die Klosterkirche. Über den Ablauf des Festes informiert eine illustrierte Festschrift, die 1699 in Salzburg erschienen ist und heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrt wird. Darin sind auch die drei ephemeren Ehrenpforten abgebildet, durch die die Prozession mit den Märtyrerreliquien führte.
Schließlich präsentiert noch Andrea Teuscher zwei bisher unbeachtete riesige Thesenblätter (1729 bzw. 1726/33), die vermutlich nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 aus dem Burghauser Kolleg nach Raitenhaslach kamen und heute in der Werktagskapelle der ehemaligen Klosterkirche hängen. Der Fund wurde im Rahmen der Tagungsexkursion nach Raitenhaslach gemacht.
Leider wird der vielfältige Tagungsband nicht durch Register erschlossen.

Erschienen am 29.05.2012

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