Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Frank Godthardt

Marsilius von Padua und der Romzug Ludwigs des Bayern. Politische Theorie und politisches Handeln

(Nova Mediaevalia 6), Göttingen 2011, Vandenhoeck & Ruprecht, 533 Seiten

Rezensiert von Michael Menzel (Berlin)      PDF-Datei


Die umfangreiche Hamburger Dissertation von 2007/08 setzt sich zum Ziel, die Wirkung der politischen Theorie des Marsilius auf den Romzug Ludwigs IV. zu untersuchen. Godthardt geht bei diesem schon oft beiläufig traktierten, aber bislang noch nie zentral abgehandelten Thema in sieben sachlich und chronologisch angelegten Schritten vor, um den Stoff in den Griff zu bekommen. Nach der Einleitung, die über den Forschungsstand und die Quellenlage informiert (Kapitel 1), bildet die Darstellung von Marsilius' Lebensweg vor dem Romzug den inhaltlichen Auftakt, wobei die Studienzeit in Padua und Paris naturgemäß weniger Platz in Anspruch nimmt als die dramatischen Ereignisse beim Weggang aus Paris und der Aufnahme am Hof König Ludwigs (Kapitel 2). Der nächste große Gliederungspunkt gilt den politischen Schriften, allen voran dem "Defensor pacis" von 1324, dann dem "Tractatus de translatione imperii", den Marsilius vor 1328 schrieb, und schließlich dem "Defensor minor", der zwischen 1338 und 1343 entstand (Kapitel 3).
Die politische Theorie, die Godthardt auf der Grundlage dieser Schriften skizziert, arbeitet die institutionellen Aspekte der beiden Kernbegriffe des Kaisertums und der Kirche innerhalb der politischen Gemeinschaft heraus. Die Unterstellung des Priesteramtes unter den Gesetzgeber, die Beschränkung der päpstlichen Macht durch ein vom Kaiser einberufenes allgemeines Konzil und die starke Betonung der gelehrten Politikberatung stechen hervor. Ein christliches Staatswesen wird nach Marsilius keineswegs von der Kirche beherrscht, sondern vom weltlichen Repräsentanten des Volkes mit weitgegehender Disziplinargewalt über die Geistlichkeit (Kapitel 4).
Die nächsten beiden Abschnitte sind dann dem Romzug gewidmet. Zunächst wird ein reichsgeschichtlicher Bogen geschlagen von der Königskrönung in Mailand über die Kaiserkrönung in Rom mit drei italienischen Bischöfen als Konsekratoren und vier Syndici des römischen Volkes als Koronatoren bis hin zu den Kaisergesetzen und Denkschriften der Jahre 1338 und 1339 (Kapitel 5). Sodann schließt sich eine Betrachtung speziell über das Segment der Beziehungen zwischen Kaiser und Kirche an. Die Absetzung Papst Johanns XXII. im April 1328 und die Erhebung des Gegenpapstes Nikolaus V. im darauf folgenden Monat werden anhand der kaiserlichen Gesetzgebung und der Beachtung der kanonischen Vorschriften genau unter die Lupe genommen (Kapitel 6). Eingehend wird die Resonanz der Quellen auf die Ereignisse des Romzuges herausgestellt. Relativ kurz fällt dann der Ausblick auf die Beziehungen Ludwigs zu Marsilius nach dem Romzug aus. Der Stellenwert des "Defensor pacis" in der kaiserlichen Kanzlei und die Mitwirkung des Marsilius bei den weiteren Rekonziliationsverhandlungen des Kaisers sind keine historischen Meilensteine mehr gewesen (Kapitel 7).
Die Arbeit ist insgesamt von zurückhaltender Thesenfreudigkeit. Godthardt gibt stets einen fundierten Überblick über die bisherigen Forschungsmeinungen, die er kritisch wertet, schwingt sich aber nicht gerade risikobereit zu neuen Synthesen auf. Das ist der Quellenlage und dem nur dürftig daraus ableitbaren Niederschlag von Marsilius' Theorien in der praktischen Politik durchaus angemessen. Marsilius' Einfluß ist nicht mit besonderer Stringenz zu zeigen, oft nur als paralleles Denken aufzeigbar und, wie es der Autor formuliert, "nicht in allen Passagen spürbar" (S. 451). So beschränkt sich der von Godthardt selbst eingeschätzte Ertrag seiner Arbeit auf die Unabhängigkeit der Kaiserkrönung vom eigentlich dazu verpflichteten Papst und auf die Freiheit des römisch-deutschen Königs, im Konfliktfall einen eigenen Koronator zu wählen. Umwerfend neu ist das nicht, wenn auch solide auf den Punkt gebracht.

Erschienen am 19.04.2012

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