Petersberg 2011, Imhof, 376 Seiten, 206 Abbildungen, 9 Karten
Rezensiert von Dieter J. Weiß (München) PDF-Datei
Die reiche Nürnberger Klosterlandschaft des Mittelalters hat bislang noch keine zusammenhängende Darstellung erfahren: Schottenkloster St. Egidien (1140), Deutschordenskommende (1209), Franziskanerkloster (1224), Magdalenerinnen-Clarissenkloster St. Klara (1240), Augustinereremitenkloster St. Veit (1265), Dominikanerkloster St. Marien (um 1275), Karmelitenkloster St. Marien (1287), Dominikanerinnenkloster St. Katharina (1295), Kartäuserkloster St. Marien (1380). Northemann will in ihrer Bonner Dissertation aber keine Institutionengeschichte erarbeiten, obgleich dies en passant geschieht, sondern die Erinnerungskultur in der Dichotomie von Vergessen und Erinnern darstellen. Ihr methodischer Ansatz ist dabei die Einbeziehung der bislang für diese Fragestellung vernachlässigten Ausstattung der Klöster, besonders Grabmäler, Epitaphe und Altarstiftungen und deren Verortung in Raum und Zeit. Dadurch gelingt es ihr, die Faszination der Dürerzeit in der Nürnberg-Forschung zu überwinden und die "visuelle Gedächtniskultur" der Klöster wie der in diese stiftenden Eliten vom 13. bis zum 16. Jahrhundert sichtbar zu machen. Da ein Großteil sowohl der Klostergebäude wie ihrer Ausstattung entweder überhaupt nicht erhalten ist oder an andere Orte verlagert wurde, muß die Verfasserin meist aus Archivquellen die ursprüngliche Situation rekonstruieren. Dazu zieht sie die außergewöhnlich reiche Überlieferung der Klöster nicht nur in den Nürnberger Archiven, Bibliotheken und Sammlungen heran.
Northemann wählt eine chronologische Zugehensweise für ihre Darstellung der Memorialkultur. Zunächst untersucht sie die für Nürnberg im 13. Jahrhundert einsetzende Sepukralkultur adeliger und reichsministerialischer Geschlechter, die sich im Prediger-, Barfüßer- und Dominikanerinnenkloster konzentrierte. Mustergültig werden die erhaltenen oder überlieferten Grabsteine mit ihren Inschriften vorgestellt und in die kunsthistorische Entwicklung eingeordnet. Ein eigener Abschnitt ist der Erinnerungskultur der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gewidmet, in der bedeutende Memorialstiftungen wie des Konrad Groß mit dem Heilig Geist-Spital erfolgten und mehrere Klöster Stiftergrabmäler ihrer schon länger verstorbenen wirklichen oder vermeintlichen adeligen Gründer errichteten. Ab dem späten 14. und im 15. Jahrhundert geschahen Memorialstiftungen und die Anlage von Familienkapellen verstärkt durch im Handel reichgewordene bürgerlich-patrizische Familien. Als ein Spezifikum kann man dabei die Anlage von Reliquienschätzen und deren Übertragung an geistliche Institutionen feststellen, wofür die Verfasserin wie für eine gesteigerte Marienverehrung die Vorbildfunktion Kaiser Karls IV. ausmacht. Auch der Observanzbewegung in den Klöstern kam eine eigene Funktion für die bildlichen Darstellungen zu. In dieser Phase wurden weitere Räumlichkeiten, einzelne Kapellen und Joche in den Kirchen etwa, in die Stiftungstätigkeit einbezogen. Für das 15. Jahrhundert betont Northemann die Abgrenzung des städtischen Patriziats vom Bürgertum und seine Versuche, die Ranggleichheit mit dem Adel herzustellen. Dafür steht die "Besetzung" des Kreuzaltars in St. Egidien durch die Familie Muffel, die eine umfangreiche Reliquiensammlung einschließlich eines Spanes vom Kreuze Christi stiftete. Andere Familien statteten ihre Kapellen mit Totenschilden und Epitaphien aus, wobei die Verfasserin die Bildmotive immer frömmigkeitsgeschichtlich einordnet. Die monastische Historiographie in Wort und Bild wird ebenfalls berücksichtigt.
Die Ergebnisse der Arbeit werden in Zusammenfassungen der Einzelkapitel wie in Abschlußbetrachtungen deutlich gemacht und in die Memorialforschung eingeordnet. Die Verfasserin betont die Bedeutung der "Stiftungspraxis adeliger Fundatoren" im 13. und die "Kulte der politischen Elite" des 14. Jahrhunderts. Tatsächlich gelingt es ihr, die Bedeutung der Klöster als "Schnittstellen der städtischen und monastischen Erinnerungskultur" herauszuarbeiten und den Blick auf "die Vielschichtigkeit von Vergessen und Erinnern" zu lenken. Als Buchtitel ist dieses Wortpaar allerdings ebensowenig aussagekräftig wie die Erwähnung des medialen Geflechts. Northemann hat eine quellenfundierte Darstellung der Ausstattung der Nürnberger Klöster und der Memorialkultur ihrer Stifter vorlegt und damit einen außerordentlich wertvollen Beitrag zur mittelalterlichen Kunstgeschichte vor Dürer wie zur Nürnberger Stadtgeschichte geliefert. Das Gewicht der Arbeit wird unterstrichen durch die Erarbeitung von Grundrissen der Klöster und der Verortung der untersuchten Kunstwerke im Raum. Willkommen ist eine tabellarische Auflistung der Gedächtnisstiftungen, die allerdings dem Text der Arbeit und nicht dem chronologischen Ablauf oder den Stifternamen folgt; leider fehlt der genaue Quellennachweis an dieser Stelle. Da die Verfasserin in ihrer Argumentation mehrfach über die Klöster ausgreift und das Heilig Geist-Spital wie die beiden städtischen Pfarrkirchen einbezieht, wäre eine knappe Würdigung des Stadtpatrons Sebaldus für ihre Fragestellung schön gewesen; der erst im Aufbau begriffene Kult des Deocarus wird erwähnt. Der Band ist opulent mit qualitätvollen Abbildungen ausgestattet, denen der Rang von Bildquellen zukommt, und wird durch Personen- (leider ohne Vornamen; Heilige bitte nicht unter hl. einordnen), Orts- und Sachregister erschlossen.
Erschienen am 06.03.2012
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