Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Nürnbergische Hesperiden und Orangeriekultur in Franken

(Orangeriekultur - Schriftenreihe des Arbeitskreises Orangerien in Deutschland 7), Petersberg 2011, Imhof, 223 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Werner Wilhelm Schnabel (Erlangen)      PDF-Datei


Der seit 1979 in der DDR tätige Arbeitskreis Orangerien in Deutschland wurde 1993 in Potsdam als gemeinnütziger Verein neu gegründet. Er widmet sich der "denkmalpflegerischen Förderung der Orangerien, ihrer ursprünglichen Bewirtschaftung und ihrer Pflanzenbestände". Darüber hinaus bemüht er sich um die kulturgeschichtliche Aufarbeitung historischer Gartenkultur in allen ihren Aspekten. Die seither stattfindenden Tagungen, aber auch Einzelforschungen werden in unregelmäßig erscheinenden Buchpublikationen dokumentiert. Sie erscheinen in einer mittlerweile auf sieben Bände angewachsenen Reihe, die seit 2011 den Obertitel "Orangeriekultur" trägt.
Die Tagung des Jahres 2009 führte die Interessierten aus Denkmalpflege und Gartenbau, Architektur- und Kulturgeschichte nach Nürnberg, dessen einschlägige Tradition unter anderem in den berühmten "Nürnbergischen Hesperides" (1708) des Kaufmanns, Gartenliebhabers und Botanikers Georg Christoph Volkamer (1644-1720) festgehalten wurde. Eben diesem repräsentativen Werk mit seinen großformatigen Kupferstichen gilt der erste Schwerpunkt des Sammelbandes. Nachgezeichnet werden das Entstehen und die Struktur dieses aufwendigsten Zitrusbuches des deutschen Barock (Heinrich Hamann, Clemens Alexander Wimmer). In Text und - mehr noch - im Bild wurden dort nicht nur unterschiedliche Sorten von Zitrusfrüchten vorgestellt, sondern auch die repräsentativen Gartenanlagen wohlhabender Nürnberger Besitzer von verschiedenen Stechern in Szene gesetzt. In ihrer Reihenfolge im Buch spiegeln sie auffällig den sozialhierarchischen Status ihrer Besitzer wider, in dem Volkamer selbst seinen Platz zu behaupten versuchte. Erst im zweiten Band (1714) kamen dann auch auswärtige Gärten zu ihrem Recht, wobei der selbstbewußte Nürnberger aber auch hier den Rang seiner Heimatstadt und ihrer Gärten (darunter nicht zuletzt seines eigenen) herauszustreichen wußte. Zwei weitere Aufsätze befassen sich dann mit der Rezeption des Volkamerschen Werkes. Sie wird zum einen anhand eines annotierten Exemplars aus dem Besitz des Hannoveraner Hofgärtners Georg Ernst Tatter (1689-1755) und dessen eigenen Fachpublikationen untersucht (Heike Palm/Hubert Rettich), läßt sich aber auch bis in einen schlesischen Zitruskatalog der 1730er Jahre hinein nachweisen (C.A. Wimmer).
Ein zweiter Schwerpunkt des Sammelbandes liegt in der Aufarbeitung der Nürnberger Gartenkultur, die hier vom 15. bis ins 19. Jahrhundert verfolgt wird. Jochen Martz geht der Kultivierung von Zitrusfrüchten in den Gärten rund um den Nürnberger Mauerring nach; Helmut Wiegel umreißt die Geschichte des Irrhains, den der Pegnesische Blumenorden - die älteste heute noch existierende Dichtersozietät der Welt - unweit von Kraftshof nördlich der Reichsstadt hat errichten lassen. Die maßgeblich von Nürnberger Ärzten getragene erste medizinische Wochenschrift Deutschlands, das "Commercium Litterarium", stellt Tilmann T. R. Rau als Forum botanischen Wissensaustausches vor.
Auch der dritte Themenschwerpunkt befaßt sich mit der Region: Hier wird die Orangeriekultur in Franken einer exemplarischen Sichtung unterzogen. Mittelfränkischen Orangerien und Gewächshäusern in Ansbach, Dennenlohe, Eichstätt, Ellingen, Erlangen, Pappenheim, Syburg und Unternzenn widmet sich überblicksartig Norbert Nordmann. Auf den berühmten "Hortus Eystettensis" geht dann Konstantin Buchner, auf die heute als Sitz der universitären Kunstgeschichte genutzte Erlanger Orangerie Helmut-Eberhard Paulus ausführlicher ein. Jost Albert thematisiert den erst im 19. Jahrhundert entstandenen Pomeranzenhain am Aschaffenburger Pompejanum.
Abgerundet wird der Band durch aktuelle Forschungs- und Arbeitsberichte über die Gartenkultur im Ortenburger Hofgarten (Claudia Gröschel) und zur Erhaltung von Orangeriebauten in Tschechien (Dagmar Fetterová). Den informativen und abwechslungsreichen Band machen zahlreiche hochwertige Abbildungen auch zu einem optischen Genuß. Leider wurde auf einen Personen- und Ortsindex verzichtet, der die Benutzbarkeit noch deutlich erhöht hätte.

Erschienen am 08.03.2012

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