Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Johann Kirchinger

Michael Horlacher. Ein Agrarfunktionär in der Weimarer Republik

(Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 159), Düsseldorf 2011, Droste, 591 Seiten

Rezensiert von Martin Hille (Passau)      PDF-Datei


Der Einfluss der Agrareliten auf den politischen Willensbildungprozess ist bislang vor allem für die Zeit der Weimarer Republik erforscht worden. Schwerpunkte setzten bis in die 1980er Jahre strukturgeschichtliche Ansätze, die den ostelbischen Großgrundbesitz und seine Dachorganisationen ins Zentrum rückten. Mit Blick auf die Vorgeschichte des Nationalsozialismus wurde einmal mehr die fatale Rolle der Junker betont, nachdem es diesen gelungen sei, auch den mittel- und kleinbäuerlichen Besitz für ihre Interessen einzuspannen. Jüngere Ansätze relativieren diese Sicht, melden grundsätzliche Zweifel an der passiven Rolle der übrigen landwirtschaftlichen Organisationen an, ja unterstreichen ihren Eigenanteil an den agrarpolitischen Entscheidungen im Reich und den Ländern.
Weit über die Zeit der Weimarer Republik hinaus reicht die Studie von Johann Kirchinger über Michael Horlacher, Mitglied des Bayerischen Christlichen Bauernvereins und von 1920 bis 1933 geschäftsführender Direktor der Bayerischen Landesbauernkammer. Als agrarpolitischer Sprecher der Bayerischen Volkspartei im Reichstag seit 1924 zählte Horlacher zu den führenden Landwirtschaftspolitikern seiner Zeit, für Kirchinger Anlass genug, dessen Prägungen, Ideen und Handlungsmuster eingehender zu untersuchen. Dem zugrunde liegt ein biographischer Ansatz, der um sozial- und organisationsgeschichtliche Fragestellungen erweitert wird, mit Anleihen an die Themen und Thesen von Max Weber, Robert Michels und Pierre Bourdieu.
Hierfür wurden nicht weniger als 36 Archive konsultiert, darunter das bis vor kurzem für verschollen erklärte Archiv der Bayerischen Landesbauernkammer. Wertvolle Aufschlüsse liefern insbesondere die Niederschriften der Kammersitzungen, die auf anschauliche Weise die vielfältigen Facetten der bayerischen Agrarpolitik sowie die Handlungsmuster ihrer führenden Akteure spiegeln. Für die Rolle Horlachers als bayerischer Landtagsabgeordneter von 1920 bis 1925 sowie als Parlamentarier und Ausschussvorsitzender im Reichstag wurden unter anderem Stenographische Berichte sowie die Bestände des Archivs für Christlich-Soziale Politik in München eingesehen. Des weiteren wäre auf den Publizisten Horlacher zu verweisen, der sich als promovierter Volkswirt und Statistiker bereits während des Ersten Weltkrieges mit ernährungswirtschaftlichen Fragen befasste, um sich danach verstärkt in die laufenden agrarpolitischen Debatten einzuschalten.
Horlacher verkörperte den Typus des akademisch gebildeten Agrarfunktionärs bürgerlicher Herkunft, der parallel mit dem Sozial- und Interventionsstaat des ausgehenden 19. Jahrhunderts aufkam. Die Landwirtschaft musste ihre Interessen zunehmend gegen die Konkurrenz anderer Gruppen behaupten, allen voran gegen die Industrie und die organisierte Arbeiterschaft; das machte die Bürokratisierung ihrer Vereinigungen ebenso zwangsläufig wie die Professionalisierung ihrer Funktionsträger. Seit dem Einbruch der Agrarkrise von 1893 richteten sich deren Forderungen vermehrt an den Staat, der einerseits als Protektor ihrer Interessen, andererseits als Vorbild für ihre innere Organisation angesehen wurde. Zugleich nahm man Abschied vom überkommenen Honoratiorenprinzip zugunsten hierarchisch straffer Verbandsstrukturen nach dem Vorbild der Ministerialbürokratie. Dies galt erst recht für den 1898 gegründeten Bayerischen Christlichen Bauernverein, aus dessen Umfeld 1920 die Bayerische Landesbauernkammer mit Michael Horlacher an der Spitze hervorging. Horlacher hatte weder bäuerliche Vorfahren noch irgendwelche praktische Erfahrungen in der Landwirtschaft gesammelt; das verband ihn mit anderen Bauerndoktoren, allen voran seinem Protektor Georg Heim. Von seiner bürgerlich-akademischen Prägung wie auch seinem gouvermentalistisch-autoritären Habitus her hatte Horlacher somit wenig mit jenem Milieu gemein, das er interessenpolitisch vertrat. Das führte zu Widersprüchen in seinem Handeln, erst recht seine Doppelrolle als einflussreicher Reichstagspolitiker und höchster bayerischer Agrarbürokrat. Während Horlacher in Berlin wiederholt Anpassungsvermögen demonstrierte, ja den agrarpolitischen Entscheidungsprozess konsensstiftend gestaltete, goss er in München wiederholt Öl ins Feuer des Ende der 1920er Jahre aufkommenden bäuerlichen Radikalismus.
Michael Horlacher trug also das Seine zur politischen Polarisierung und Destabilisierung jener letzten Jahre der Weimarer Republik bei. Dies sind nur einige der Thesen und Ergebnisse der Studie von Johann Kirchinger, die überdies deutliche diskursive Akzente setzt. Daher wird nicht nur der politisch-ideologische Hintergrund Horlachers beleuchtet, sondern ebenso sein Habitus, seine Sprache sowie die widersprüchliche Art seiner Selbstinszenierung zwischen Gouvernementalismus und pseudobajuwarischem Folklorismus. Hinzu kommen ausführliche Exkurse auf die politischen Willensbildungs-und Entscheidungsprozesse der Weimarer Republik - das hebt die Studie über eine verbandsgeschichtlich grundierte Biographie hinaus. Insofern leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur Geschichte Bayerns und seiner politischen Kultur bis in die Zeit der frühen Bundesrepublik hinein.

Erschienen am 12.04.2012

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