Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Thomas Weber

Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg - Mythos und Wahrheit

Berlin 2011, Propyläen, 585 Seiten, 28 Abbildungen

Rezensiert von Günther Hebert (München)      PDF-Datei


Nach Heeresverstärkungen zwischen 1881 und 1913 umfaßte die Bayerische Armee mit etwa 100 000 Mann, gegliedert in sechs Divisionen, drei Artillerieregimentern sowie Pionieren, Fernmeldern, Fliegern und Train, etwa ein Neuntel des deutschen Heeres; lediglich 54 Prozent der dienstpflichtigen Jahrgänge wurden jeweils eingezogen. Als 6. Armee zog sie unter dem Kommando des Kronprinzen als eigenständiger Großverband im August 1914 in den Krieg; mit den Besatzungstruppen betrug die Kriegsstärke etwa 500 000 Mann. Die Mobilmachung konnte das Kriegsministerium mehr oder minder reibungslos durchführen; etliche Besatzungstruppen trugen noch die alten blauen Uniformen, doch waren die Ressourcen schon jetzt angespannt und gegen Ende des Jahres bereits ziemlich erschöpft, als Nachersatz zur Bildung von neuen Verbänden und zur Deckung der hohen Verluste in den ersten Kriegsmonaten eingezogen wurde. Die im Oktober 1914 aufgestellte 6. bayerische Reservedivision war dann demgemäß nur notdürftig ausgerüstet; statt Tornistern erhielt die zusammengewürfelte Mannschaft zunächst Rucksäcke, Wachstuchmützen statt Helmen. Die Division wurde von den stellvertretenden Generalkommandos in München und Nürnberg zu einem Drittel aus Kriegsfreiwilligen sowie zu zwei Dritteln aus Ersatzreservisten aufgestellt; das Führungspersonal bestand aus Reservisten und älteren Landwehroffizieren. Was dann ins Feld zog war, abgesehen von der Fußartillerie, dürftig ausgerüstet, schnell und miserabel ausgebildet und kaum feldverwendungsfähig: 12. bayerische Reserve-Infanteriebrigade mit den bayerischen Reserve-Infanterieregimentern 16 (RIR 16) und 17 zu je drei Bataillonen sowie Kavallerie, Pionieren und Fernmeldern; 13. bayerische Reserve-Infanteriebrigade mit den Reserve-Infanterieregimentern 20 und 21 sowie Feld- und Fußartillerie.
Im bayerischen Reserve-Infanterieregiment 16 diente als Kriegsfreiwilliger der österreichische Staatsbürger Adolf Hitler, 1889 in Braunau geboren als Sohn des weiland k.u.k. Zolloberoffizials Alois Hitler, der bis zu seinem 40. Lebensjahr Schickelgruber hieß. Im Gegensatz zu etlichen bayerischen Verbänden, wie der 11. Infanteriedivision oder dem Alpenkorps, die als Eliten galten, schätzte man höheren Orts den Kampfwert der 6. Reserve-Division als gering ein, zum Einsatz bedingt geeignet. Trotzdem wurden einzelne Divisionsangehörige hoch dekoriert: Vier Offiziere, darunter zwei vom RIR 16, wurden Max-Joseph-Ritter, drei Ärzte des RIR 16, darunter zwei Juden, wurden mit dem Sanitätsorden II. Klasse ausgezeichnet, sechs Soldaten des Regiments erhielten die Goldene Tapferkeits-Medaille, eine rare Auszeichnung, die im ganzen Krieg nur 1003 Mal verliehen wurde, und etliche Soldaten bekamen das preußische Eiserne Kreuz II. und I. Klasse. Auch der Gefreite Hitler wurde mit dem EK I ausgezeichnet; bei Mannschaftsdienstgraden war das die Ausnahme, aber, vor allem gegen Ende des Krieges, nicht gar so selten. Was immer an Behauptungen, Fabeln kursiert, wer aller ihm den Orden "verschaffte", wem er ihn zu verdanken hatte (S. 287) oder wofür er ihn erhielt, so hat den Gefreiten Hitler von der 3./RIR 16 zum EK I der Hauptmann von Godin vorgeschlagen, der nicht, wie der Verfasser des zu besprechenden Buches meint, Regimentskommandeur war, sondern das Regiment im Sommer 1918 vertretungsweise führte. Emmerich von Godin vom Infanterie-Leib-Regiment war von bemerkenswerter Arroganz, die ihn vor dem Krieg die Generalstabsausbildung und im Krieg einige Stubenarreste kostete. Im Oktober 1933, zu Zeiten, als eine lebhafte Erinnerung günstig gewesen wäre, konnte er sich der Einreichung nicht mehr entsinnen; nach einer Audienz bei Hitler in Berlin am 22. Februar 1934 hat er sich auf einer Parkbank unweit der Reichskanzlei erschossen. Sein Bruder Michael - Held durch Zufall - war der Führer der Landespolizei-Abteilung, die 1923 auf die Putschisten vor der Feldherrnhalle das Feuer eröffnete.
Dies alles ist, ungeachtet der Hagiographie in "Mein Kampf", deutschnationaler oder nationalsozialistischer Propaganda sowie zahlreicher zweckgerichteter Literatur seit langem bekannt und für jeden Interessierten zu erfahren. Das Bayerische Kriegsarchiv, dessen Bestände nach dem Ersten Weltkrieg weitgehend zugänglich waren, veröffentlichte schon in den zwanziger Jahren eine populäre Schrift über die Bayern im Großen Krieg, in der auch die Einsätze des RIR 16 geschildert werden; in der Reihe des Reichsarchives "Schlachten des Weltkriegs" wird fallweise der 6. Reservedivision gedacht, und 1932 veröffentlichte Fridolin Solleder in der Reihe "Erinnerungsblätter deutscher Regimenter/Bayerische Armee" eine Geschichte des RIR 16, in der Hitler erwähnt wird. Solleder, Historiker und Archivar, der 1952 Direktor der Staatlichen Archive Bayerns wurde, verfaßte mehr als 15 geschichtliche und kunstgeschichtliche Bücher; "Vier Jahre Westfront. Geschichte des Regiment List RIR 16" ist wohl nicht sein opus magnum gewesen, aber ein Opportunist, oder auch nur ein Mitläufer, wie der Autor meint, war er gewiß nicht.
Thomas Weber ist Professor an der University of Aberdeen. Er war Mitarbeiter an Kershaws Hitler-Biographie, die er für die bedeutendste hält. Nach der mehrseitigen Danksagung am Ende des Buchs zu schließen, half Weber eine respektable Zahl von Personen bei der Recherche sowie Abfassung des Buches, das 2010 unter dem Titel "Hitler's First War" bei Oxford University Press erschienen ist. Der Gefreite Hitler war Angehöriger des RIR 16 von dessen Aufstellung bis zum Kriegsende; er war selten auf Urlaub, und weil er wenig Bekannte hatte, schrieb er in gut vier Jahren nur ein paar Postkarten und Briefe. Mehr als 15 000 bayerische Soldaten durchliefen mehr oder minder lange Zeit das Regiment; die Zahl derer, die den Gefreiten Hitler näher gekannt hatten, stieg nach 1933 beträchtlich. Die Recherchen des Autors erbrachten eine Fülle von Briefen, Tagebüchern und Veröffentlichungen unterschiedlicher Art und Qualität von und über ehemalige Angehörige des RIR 16; soweit sie sich auf Hitler selbst beziehen, stammen sie fast ausnahmslos aus den Jahren nach 1919. Weber benutzte mehr als ein Dutzend Archive, stützt sich aber bei der Darstellung vor allem im ersten Teil des Buches vornehmlich auf Archivalien der Abteilung IV des Bayerischen Hauptstaatsarchivs. Die Stammrollen der Mannschaftsdienstgrade der Bayerischen Armee geben nicht viel her über einen ganz unbedeutenden Gefreiten, der zweimal und nicht besonders schwer verwundet wurde, sich offensichtlich tadelsfrei führte, ein paar Monate vor Kriegsende einen Orden bekam, den freilich nicht sehr viele Gefreite hatten. Diese karge Quellenlage eingeräumt, leitet nicht etwa denjenigen Mißgunst, der bezweifelt, es sei "sensationell, was Weber zutage gefördert hat", wie "The Guardian" auf dem Klappentext zitiert wird.
Ungeachtet seines Mißtrauens (S. 154) gegenüber Hitlers Ausführungen etliche Jahre nach dem Krieg, führt der Autor gewissermaßen mit "Mein Kampf" in der Linken und seinen Recherchen in der Rechten kritisch vergleichend den Leser durch die Geschichte. Er kommt zu der Einsicht, "Mein Kampf" als Mythos eines Kampfes und eine verschworene Schicksalsgemeinschaft, als die das Reserve-Infanterieregiment 16 glorifiziert wird, sei Schlüssel sowie Basis Hitlers und der NSDAP gewesen. Im ersten, ausführlicheren Teil des Buches schildert der Verfasser Aufstellung, Einsätze, Besonderheiten sowie den Alltag des RIR 16, stellenweise auch anderer Verbände, die er Schwesterregimenter (zum Beispiel S. 26, 72) nennt. Eingedenk der dürftigen Quellenlage konzediert er, die einzige Möglichkeit, ein zutreffendes Bild des Gefreiten Hitler zu gewinnen, sei, das Regiment zu studieren (S. 13); aber eben dabei ergibt sich wegen desselben Mangels die Notwendigkeit, allgemeine Stimmungen, sogar Statistiken und Wahlverhalten kompatibel mit denen der Soldaten des Regiments zu erachten ("wahrscheinlich auch im List Regiment", zum Beispiel S. 317). Den Ausbruch des Krieges soll Hitler mit tiefer Empfindung begrüßt haben. Jedoch muß man ihm das glauben, was er selber später darüber geschrieben hat; vielleicht meinte der farb- und existenzlose, sechsundzwanzigjährige Müßiggänger, jetzt passiere etwas Richtiges. Warum er, der nicht sehr militärische, sich freiwillig meldete, bleibt im Dunkeln; daß das RIR 16, in dem er so etwas wie eine Heimat fand, ein Freiwilligenverband gewesen sei (S. 28) stimmt freilich nicht. Hitler und andere meinten, wie aus Briefen hervorgeht, sie würden nach England geschickt; das im Oktober 1914 geglaubt zu haben, erscheint naiv. Die erleichterte Begeisterung über den von vielen geradezu ersehnten Krieg war im August 1914 - alsbald verflogen - nicht auf eine Minderheit beschränkt (S. 29), sondern allgemein, nicht nur in München, sondern in Berlin und Wien genauso wie in Paris und London oder sonstwo in Europa, nicht jedoch auf dem Land; noch nie und nirgends wird es einen Bauern gegeben haben, der den Krieg begrüßt hätte. Hitler wurde bald befördert, zum Gefreiten, weil Mangel an "höherrangigen" Mannschaften herrschte, wie der Autor meint (S. 75); im November 1914 wurde Hitler als Meldegänger beim Regimentsstab eingeteilt. Über weite Strecken will der Verfasser glauben machen, dieser Dienstposten sei eine vergleichsweise gemütliche Etappenposition gewesen; "Etappenschweine" (S. 155) sollen diese Meldegänger gewesen sein, wie irgendwelche Stammtischhelden, richtige "Frontsoldaten", nach dem Krieg gewußt haben wollen. Den Gefechtsstand eines Einsatzregiments im Ersten Weltkrieg als Etappe zu bezeichnen, ist aus militärgeschichtlicher Sicht eine kühne Behauptung; schlimmer mag es auf anderen Dienstposten gewesen sein, aber ganze Regimenter, wie das Infanterie-Leib-Regiment, kämpften zeitweise unter schlimmeren Bedingungen und mit wesentlich höheren Verlusten, als das List-Regiment im ganzen Krieg.
Der Autor schildert den Krieg quasi aus der Sicht von unten, der bayerischer Soldaten, stellenweise etwas simplifiziert, wie es auch sie gesehen haben mochten. Dabei wägt er Probleme, wie Brutalisierung, Entfernung von der Truppe und Kriegsverbrechen ab, mit These, Antithese und Synthese. Er thematisiert auch die Situation der Juden in Bayern im allgemeinen und in der bayerischen Armee im besonderen; im Regiment sollen 59 Juden gedient haben, wobei er die Legenden von der Liberalitas Bavariae sowie der judenfreundlichen Haltung der Armee bedient. Der letzte, einzige aktive jüdische Offizier wurde 1906 als Hauptmann pensioniert. 1907 hatte die bayerische Armee drei Ärzte und 48 jüdische Reserveoffiziere; die Preußen freilich gar keinen, Österreich und Frankreich allerdings über 1000, Italien immerhin 800. Im Krieg wurden die Juden natürlich eingezogen, weil man sie brauchte, in Bayern wie in Preußen. Daß Juden in Bayern vor 1919 nicht angepöbelt oder mißhandelt wurden, hat seine Ursache nicht in der Abwesenheit des Antisemitismus, sondern in einer gewissen Gleichgültigkeit, vor allem aber in der Rechtssicherheit, die damals herrschte. Von Brigitte Hamann wissen wir, Hitler war in Wien noch kein Antisemit, Weber kommt zu dem Ergebnis, er sei auch im Krieg keiner geworden; so bleibt nur die Zeit danach, in der Hitler eine zwiespältige, zweifelhafte Rolle spielte. Der Verfasser geht den Fragen nach; Hitlers Motive waren allerdings wohl nicht so obskur: Er, der menschenscheue Einzelgänger und Misanthrop, der nichts gelernt hatte und nichts anderes konnte, als fotografiegetreue Bildchen malen, sah sich durch das Kriegsende um seine vertraute Umgebung gebracht. Sein Verbleiben in einem Rest- und Übergangsheer, bei freier Kost, Logis und Kleidung war allemal besser als es in der Wiener Meldemannstraße gewesen war. Quasi der Initiator seines Erfolges war unabsichtlich der Offizier, dem Hitler als brauchbar auffiel und von dem der Autor meint, er habe sich später zum Anhänger der Weimarer Republik sowie der Sozialdemokratie entwickelt (S. 445). Es war dies der Hauptmann Eugen Maria Karl Mayer, ein eigenwilliger Offizier, der in Friedenszeiten die Kriegsakademie krankheitshalber abgebrochen hatte, in der Gendarmerie Dienst tat, im Krieg reaktiviert etliche Jägereinheiten des Alpenkorps führte und bis 1920 in der vorläufigen Reichswehr als Generalstabsoffizier fungierte. Mit Ausfällen gegen Krafft von Dellmensingen und den Kronprinzen machte er sich nach 1920 unbeliebt unter seinesgleichen und neigte zur SPD. Der zweite Teil des Buches ist Hitlers Aufstieg und Niedergang gewidmet sowie, auf Grund der vom Verfasser recherchierten "in aller Welt verstreuten Briefe, Tagebücher und sonstigen Dokumente" (S. 466), dem Schicksal vieler ehemaliger Angehöriger des RIR 16.
Das Buch beinhaltet zwar kaum echte Neuigkeiten oder gar Sensationen; auch bis dato mußte man nicht auf "Hitlers Lügen zurückgreifen" (S. 466), um sich ein Bild zu machen. Aber ein Teil der neueren bayerischen Geschichte wird geschildert mit der Darstellung des bayerischen Reserve-Infanterieregiments 16 und seiner Soldaten, der Einsätze im Ersten Weltkrieg im Zusammenhang mit der Kriegsführung im Westen. Es ist im angelsächsischen Stil populär geschrieben, ohne wissenschaftliche Korrektheit zu verlassen, durchaus um literarische Qualität bemüht; nicht von jedem Geschichtswerk unserer Tage läßt sich das behaupten.

Erschienen am 13.02.2012

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