Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Andreas Fischer

Karl Martell. Der Beginn karolingischer Herrschaft

(Urban-Taschenbuch 648), Stuttgart 2012, Kohlhammer, 278 Seiten

Rezensiert von Roman Deutinger (München)      PDF-Datei


Das Buch hat einen bescheidenen Anspruch: Es versucht, "die Ergebnisse der bisherigen Forschungen zu Karl Martell zu bündeln, um seine Gestalt und ihre Zeit einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen" (S. 7). Man darf sich also von der Lektüre keine großen Überraschungen erwarten, doch allein schon die kritische Zusammenfassung des gegenwärtigen Kenntnis- und Diskussionsstandes ist ein sehr verdienstvolles Unternehmen, liegt die letzte monographische Behandlung des Gegenstandes in deutscher Sprache doch fast 150 Jahre zurück.
Die umfassende und gründliche, auch Nebenaspekten des Themas sorgfältig nachgehende Darstellung verfolgt zunächst chronologisch den Aufstieg der Arnulfinger-Pippiniden an die Spitze des Frankenreichs im 7. Jahrhundert und den Weg des unehelich geborenen Karl an die Macht nach dem Tod seines Vaters Pippin 714 bis zum Jahr 723. Seine eigentliche Regierungszeit wird dagegen in zwei großen thematischen Blöcken "Wellen der Expansion" und "Karl Martell und die Kirche" abgehandelt. Es folgen dann wieder in chronologischer Reihung kurze Kapitel über Karls letzte Lebensjahre, über seine neuerdings vermehrt in die Diskussion geratenen Nachfolgepläne und über sein Nachleben bis zum 21. Jahrhundert. Am Schluss steht ein durchweg überzeugendes Resümee. Im Einklang mit der jüngeren Forschung wendet sich der Autor eindringlich gegen die nachträgliche Mythisierung Karls als Retter des Abendlandes (seit dem 8. Jahrhundert), als Kirchenräuber (seit dem 9. Jahrhundert) und als Erfinder des Lehnswesens (seit dem 19. Jahrhundert).
Ein für diese Art von Büchern ungewöhnlich ausführlicher Anmerkungsapparat führt gezielt an die einschlägige Literatur heran, was um so begrüßenswerter ist, als einem gerade die Lektüre dieser Darstellung immer wieder vor Augen führt, dass in vielen Fragen noch keine einvernehmliche Lösung gefunden worden ist. Der Anspruch des Autors wird somit mehr als erfüllt, und vielleicht ist gerade seine Zurückhaltung, in den behandelten Kontroversen eine eigene Position zu beziehen, geeignet, zu weiteren Forschungen anzuregen. Die Detailfülle und das Vermeiden pointierter Urteile machen das Buch nicht eben zu einem flotten Lesevergnügen, dafür aber zu einem umso verlässlicheren Ratgeber in allen Fragen nicht nur zur Person Karls selbst, sondern überhaupt zum Frankenreich im frühen 8. Jahrhundert.

Erschienen am 28.02.2012

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