Münster 2011, Aschendorff, 415 Seiten, 13 Abbildungen
Rezensiert von Kathrin Rast (Weiden i.d.Opf.) PDF-Datei
Erweckten bisher zumeist nur die quellenmäßig gut dokumentierten und prominenten Exponenten des Reichsadels, mit Vorliebe Raubritter und Landsknechtführer, das Interesse der Historiker und Biographen, so bilden besonders für das 16. Jahrhundert größere Studien zu Einzelpersönlichkeiten der Freien Reichsritterschaft, die nicht in Kirchen-, Fürsten- und Militärdiensten standen, eine Terra incognita.
Bei der vorliegenden Biographie handelt es sich jedoch keineswegs um die Darstellung des idealtypischen Ritteralltags irgendeiner "modal personality" wie bereits aus ihrem Untertitel, der die Außergewöhnlichkeit des Lebensweges impliziert, hervorgeht. Helmut Neumaier, der sich seit vielen Jahrzehnten der Erforschung des Ritterkantons Odenwald verschrieben hat, setzt sich am Beispiel des Ritterhauptmanns Albrecht von Rosenberg zu Schüpf und Boxberg (um 1519-1572) mit einem der markantesten und zugleich umstrittensten Vertreter des freien Niederadels dieser Zeit auseinander, dem es aufgrund seiner zahlreichen Konflikte, die - seien sie selbst oder fremd verschuldet - letztinstanzlich immer auf der Bühne der großen Reichspolitik ausgetragen wurden, gelang, das "halbe Reich" zur Anteilnahme zu bewegen.
Tatsächlich eignet sich die Vita Rosenbergs, die der eines Götz von Berlichingen oder Franz von Sickingen an Spannung, Dramatik und Kriminalität in nichts nachsteht, selbst als Vorlage zu einem Raubritterroman. Die evidenten Schicksalsmomente kombiniert mit den symptomatischen Charakteristika Rosenbergs - einer "unglückseligen Fähigkeit" verhängnisvolle Kontakte in politische Lager zweifelhafter Observanz zu knüpfen, einem Sichverrennen in bestimmte politische Ziele und einer damit verbundenen partiellen Verkennung politischer Realitäten - die er seinem Protagonisten unterstellt, animierten Neumaier dahingehend, seine mikrohistorische Detailstudie als klassische Tragödie zu interpretieren und vor allem auch zu inszenieren. Entsprechend gliedert sich der Aufbau seiner Biographie in die Kapitel Exposition, aufsteigende Handlung, Höhepunkt mit Peripetie, absteigende Handlung, Retardation und einem Ende in der Katastrophe. Die Prädetermination durch die Götterwelt wird im Drama um den Odenwälder Ritter kurzerhand durch das aktive Eingreifen der drei Habsburger Kaiser Karl V., Ferdinand I. und Maximilian II. in den Lebensweg Rosenbergs, das Neumaier als Intervention einer höheren, wenn auch irdischen Macht deutet, ersetzt. Die besondere Protektion des "gros Carolus" für seinen im Krieg zu lebenslanger kaiserlicher Gunst gelangten Schützling Albrecht von Rosenberg, die Neumaier als "Fürsorge" und "emotionale Bindung" gewichtet, bilden das zentrale Leitmotiv.
Methodisch bettet der Verfasser das Leben und Wirken des Rittmeisters, dessen militärische Leistungen für Kaiser und Reich (im Reichskrieg gegen Frankreich 1542, im Schmalkaldischen Krieg, bei der Rettung Kaiser Karls V. vor den Kriegsfürsten 1552, bei der Verteidigung Frankfurts und vor Metz) sogar Eingang in das Volksliedgut fanden, in den Kontext der habsburgischen Reichspolitik des 16. Jahrhunderts ein. Die Causa Rosenberg, die zum Präzedenzfall für die Problematik der verfassungsrechtlichen Stellung der Reichsritterschaft im Alten Reich stilisiert wird, bietet die Möglichkeit, "im Kleinen" das großen Wandlungen unterworfene Patronus-Cliens-Verhältnis dreier Reichsoberhäupter zu ihren Reichsständen über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten exemplarisch zu analysieren. So vollzog sich der Aufstieg des "Reichsritters an der Schwelle der Zeiten" in dem Jahrzehnt, das durch den zunehmenden Gegensatz Karls V. zu den Fürsten, vor allem den Schmalkaldern, geprägt war, während sein Sturz vor dem Hintergrund der auf einen Ausgleich mit den Reichsständen bedachten habsburgischen Reichspolitik im "Maximilianischen System" zu betrachten ist.
Sowohl die tragende Rolle im habsburgischen Patronage- und Klientelsystem, als auch seine Verstrickungen in Belange von reichspolitischer Brisanz bedingten im Fall Rosenbergs eine außergewöhnlich vielschichtige Quellenüberlieferung, aus der Neumaier schöpfen kann. Hervorzuheben ist, daß zusätzlich zu den Quellen zu seinem Leben und Wirken als Militär, Landesherr und Reformator sowie als Ritterhauptmann auch die offizielle Reichsüberlieferung und die Perspektive der jeweiligen Prozeßparteien herangezogen werden.
Nach einer knappen Einleitung, in denen die "Reichsritterlandschaft" Bauland und Schüpfergrund als "Kulisse" vorgestellt wird, hebt sich der Vorhang für die Tragödie Rosenberg, die Neumaier in acht Akten aufführt. Als Prolog skizziert der Verfasser den Kampf der Rosenberger um ihre im Spannungsfeld von Kurpfalz, dem Erzstift Mainz und dem Hochstift Würzburg gelegene Herrschaft Boxberg bis zu deren Veräußerung an Kurpfalz durch den Schwäbischen Bund als Folge des Fränkischen Krieges 1523. Die Konditionierung und Traumatisierung, die Rosenberg durch das militante Vorgehen der Reichsstädte gegen die freie Ritterschaft und den Verlust des Familiensitzes erfuhr, begreift Neumaier dabei als Schlüssel zum Verständnis der gesamten Biographie.
Der über einen Zeitraum von 38 Jahren mit legalen und widerrechtlichen Mitteln begangene "Instanzenzug" zur Erlangung der vollständigen Restitution Boxbergs und die Vita militaris des kaiserlichen Protegés bilden deshalb die Grundpfeiler der "Aufsteigenden Handlung", die mit 21 Szenen den umfangreichsten Akt im Drama bildet. Die Entführung des Nürnberger Ratsherrn und Reichstagsgesandten Hieronymus Baumgartner 1544 markiert dabei eine wichtige Schlüsselszene, gelang es doch Rosenberg, mit dieser Fehde sein Anliegen in das Spannungsfeld von Schmalkaldischem Bund und dem Hause Habsburg und somit auf reichspolitische Ebene zu bugsieren. Neumaier, der Rosenberg als Symbolfigur des Widerstandes des sich in einer tiefgreifenden Krise befindlichen Adels gegen die ungeliebten Reichsstädte und gegen den sich konsolidierenden fürstlichen Territorialstaat begreift, gewichtet sein Schadentrachten als "Stimulans" zum Zusammenschluß des fränkischen Adels zur reichsfreien Ritterschaft und die Causa Rosenberg-Boxberg insgesamt als "Beitrag zur Vorgeschichte des Schmalkaldischen Krieges".
Im Kapitel "Höhepunkt: 'Landesherr' und Reformator" widmet sich Neumaier ausführlich Rosenbergs erfolgreichem Aufbau und der Organisation der Herrschaft Schüpf zu einem "Quasi-Territorium" und analysiert alle geplanten und realisierten Maßnahmen des ambitionierten Reformers. Neumaier geht dabei auch der Frage nach der Schüpfer Herrschaftstypologie nach und unternimmt somit den Brückenschlag zur "Rechtsnatur der reichsritterschaftlichen Territorialgewalt überhaupt".
Bewegte sich Rosenberg mit seinem Streit gegen die Kurpfalz und die Mitglieder der Elfjährigen Einung in sozusagen privatem Rahmen, so tritt er mit seiner Wahl zum Hauptmann des Kantons Odenwald 1560 als Vertreter des fränkischen Ritteradels auf. Mit dem "Dramatischen Moment", der in der Forschung auch als faktisches Ende der "heroischen Phase" Rosenbergs begriffen wird, betreten nicht nur neue Gegner die Bühne (Bischof von Würzburg, Kurfürst von Sachsen), sondern der tragische Held selbst soll, wie Neumaier zu erkennen glaubt, eine Wesensveränderung, die seinem Handeln "Züge von Donquichotterie" verliehen, erfahren haben. Die Feindschaft Rosenbergs mit dem Würzburger Bischof und dem sächsischen Kurfürsten wegen der Erhaltung der reichsritterschaftlichen Unabhängigkeit sowie seine verhängnisvolle Verbindung zu Wilhelm von Grumbach und dessen Überfall auf Würzburg, bilden die drei Stränge des dramatischen Knotens in der Tragödie Rosenberg.
Die Verhaftung Rosenbergs auf dem Reichstag von Augsburg 1566 markiert den Beginn der "Absteigenden Handlung" und den Auftakt des Prozesses, den Kurfürst August von Sachsen und Bischof Friedrich von Würzburg am Reichshofrat angestrebt hatten, um sich Rosenbergs, dem Landfriedensbruch und Majestätsbeleidigung vorgeworfen wurden, endgültig zu entledigen - sei es durch Vollstreckung der Todesstrafe, Verhängung der Reichsacht oder "nur" durch lebenslange Haft. Durch die Annahme der Klage beschäftigte sich nun die höchste judikative Instanz im Alten Reich mit Rosenberg, dessen weiteres Schicksal damit in der Hand Kaiser Maximilians II. lag.
Als "Moment der letzten Spannung" wertet Neumaier die vergeblichen Versuche von "Außen", den Prozeß am Reichshofrat zu beschleunigen, einen kaiserlichen Urteilsspruch herbeizuführen und die Haftentlassung Rosenbergs zu erwirken. Die Petitionen verschiedener Reichsfürsten und auch von Mitgliedern der kaiserlichen Familie konnten den Kaiser zwar zu keiner Begnadigung bewegen, verhinderten jedoch eine Verurteilung. Erst der Tod Rosenbergs 1572 sollte die "Katastrophe" beenden. Im "Epilog" widmet sich Neumaier abschließend "Memoria und Erbe" des Reichsritters. In den Kapiteln "Folgerungen" und "Schlußbemerkungen" setzt er sich zunächst mit dem politischen Weltbild Rosenbergs, seinen Zielen, Handlungsspielräumen und -grenzen auseinander, ehe er abschließend anhand der Frage, ob Albrecht von Rosenberg kategorisch eher als Held oder als Landfriedensbrecher einzuordnen sei, seine Rezeption erörtert und das Problem der historischen Objektivität aufgreift.
Helmut Neumaier hat mit seiner mikrohistorischen Detailstudie eine quellenfundierte historische Biographie und damit einen wertvollen Beitrag zum reichsritterschaftlichen Adel vorgelegt. Die quellennahe Darstellung, der der Verfasser durch die häufig seitenlange Aneinanderreihung von direkten Zitatblöcken mitunter den Charakter einer Aktenedition verleiht, erhöht zum einen die Anschaulichkeit und bietet dem Leser zum anderen auch die Möglichkeit zur Selbstinterpretation der Quellen. Allerdings erschwert Neumaiers konsequent verfolgte Methode, die Aktenfunde "komplett am Stück" zu bieten, die Lesbarkeit erheblich - drohen sie doch mitunter den eigentlichen Text in den Hintergrund treten zu lassen. Gerade bei der minutiösen Rekonstruktion des Prozeßverfahrens vor dem Reichshofrat hat sowohl die direkte Widergabe als auch die opulente Paraphrasierung ganzer Schriftsätze der Parteien im Stil des Praesens historicum eine überstrapazierende Wirkung und erhöht die Schwierigkeit, den Blick auf die tatsächlich ergangenen Beschlüsse zu konzentrieren. Die Einbeziehung der Resolutionsprotokolle als Quelle für Verhandlungsführung und Entscheidungsfindung in den jeweiligen Sitzungen hätte die Darstellung abgerundet. Nichtsdestoweniger leisten die ausführliche Beschreibung des Prozeßverlaufs und die kommentierte Erklärung der einzelnen Verfahrensschritte einen wertvollen Beitrag zur Rechtspraxis des Reichshofrats im 16. Jahrhundert. Eine Gesamtdarbietung längerer Quellenpassagen in einem separaten Anhang wäre sinnvoll gewesen. Der Band wird durch ein Orts- und Personenregister erschlossen.
Erschienen am 05.07.2012
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