Regensburg 2011, Pustet, 253 Seiten, 1 CD-ROM
Rezensiert von Roman Deutinger (München) PDF-Datei
Natürlich ist es legitim, ein Theaterstück über die Absetzung des Bayernherzogs Tassilo durch den Frankenkönig Karl den Großen zu verfassen, und es ist dies auch nicht der erste literarische Versuch zu den durchaus dramatischen Vorgängen der Jahre 787/88. Wenn der nicht einschlägig vorgebildete Autor dafür eingehende historische Studien anstellt, um so besser, und wenn er gar meint, dass die Fachhistoriker einzelne Aspekte nicht genügend berücksichtigt haben, darf er das der Öffentlichkeit gerne mitteilen. Dabei wird man es ihm auch eher als einem Fachmann verzeihen, wenn ihm in Details nicht wenige Fehler unterlaufen, wenn er etwa den Beruf "Paläologe" (statt Paläograph) erfindet (S. 13, 151, 176), wenn er - warum auch immer - dem Herzog Waifar von Aquitanien eine Frau namens Swanahild zuschreibt und ihn dann gleich noch zu Tassilos Schwager macht (S. 20), wenn er das Wergeld für "Wehrgeld" hält (S. 35), wenn er König Pippin auf der Synode von Aschheim 756/57 den Vorsitz übernehmen lässt (S. 46), wenn er "pridie Nonas Julias" als "Vortag des neunten Juli" (statt richtig als 6.7.) und "in Bagoariam perrexit" mit "regierte über Bayern" (statt richtig: "marschierte nach Bayern") versteht (S. 128f.), oder wenn er einen schwäbischen Text des 16. Jahrhunderts für althochdeutsch (S. 156) oder gar "altniederbajuwarisch" (S. 157) hält. Das alles sind Schwächen eines Laien, die man eher belächeln als bekritteln möchte; die Beispiele zeigen aber bereits, dass Genauigkeit und Gründlichkeit nicht gerade zu den Stärken des Autors gehören.
Sein Kernanliegen ist es anscheinend, einer "Geheimdienstaktion", mit der Karl nach dem Herzog auch dessen ganze Familie in seine Gewalt brachte, eine zentrale Rolle in dem Ingelheimer Verfahren von 788 zuzuschreiben; erst der Anblick seiner gefangenen Frau habe Tassilos Widerstandsgeist gebrochen und ihn um die Aufnahme in ein Kloster bitten lassen. Ermöglicht sei diese Entführung dadurch worden, dass Karl schon seit Jahren eine Art geheimen Nachrichtendienst in Bayern unterhalten habe; langfristig auf dieses eine Ziel hinarbeitend, habe er damit die Loyalität von Tassilos Gefolgsleuten systematisch untergraben. Dass dies, ebenso wie weitere Versuche, den Prozess und sein Umfeld bis in kleinste Details hinein zu rekonstruieren, völlig spekulativ bleibt, ist dabei noch der geringste Einwand. Die Murbacher Annalen, die allein vom Transport der Familie nach Ingelheim berichten (Text S. 130), geben jedenfalls keinerlei Hinweis darauf, dass es sich dabei um eine geheime, widerrechtliche oder auch nur gegen den Willen der Betroffenen erfolgte Verhaftung gehandelt hat; der Parallelbericht des sogenannten Fragmentum Chesnii (Text S. 128) legt eher das Gegenteil nahe. Die Deutung Zehrfelds ist nur deshalb möglich, weil er zum einen den handelnden Personen des 8. Jahrhunderts durchweg recht moderne Denk- und Handlungsweisen unterstellt, und zum andern wegen seines gelinde gesagt saloppen Umgangs mit den zeitgenössischen Quellen, die, wenn nötig, auch einmal gegen ihren klaren Wortlaut interpretiert werden. Seinen letzten Kredit verspielt er schließlich, wenn er dem Leser einen angeblich jüngst aufgefundenen Originaltext des 8. Jahrhunderts unterjubelt, den ein Laie nicht ohne weiteres als literarische Spielerei (oder weniger freundlich formuliert: als Fälschung) des Autors erkennen kann, auch wenn er unter der schwammig-vieldeutigen Rubrik "Invention" (S. 176) angekündigt wird - entlarvend ist letztlich der versteckte Dank an einen Kalligraphen (S. 233), der die Fiktion durchaus ansprechend aufs Pergament gebracht hat (Faksimiles S. 178-181).
Doch dem Autor genügt es offenbar nicht, den Prozess von 788 selbst zu analysieren (wobei ihm übrigens eine Arbeit von 1882 als das heute noch allein maßgebliche Werk zum fränkischen Gerichtsverfahren gilt), vielmehr breitet er zunächst auf über einhundert Seiten die vorausgehende Geschichte Karls und Tassilos aus, mit Rückgriffen bis ins 6. Jahrhundert. Dabei besteht die Darstellung zu einem beträchtlichen Teil aus wörtlichen Zitaten aus der einschlägigen Literatur, vornehmlich der 1980er Jahre oder der Einfachheit halber gleich aus dem Lexikon des Mittelalters. Dieser Teil ist somit, obwohl er fast die Hälfte des Buchs ausfüllt, ziemlich überflüssig und dient anscheinend vornehmlich dem Zweck, den Text überhaupt erst auf Buchumfang zu bringen.
Der Autor hat nach eigener Aussage versucht, "mich von meiner heutig orientierten Politologie zu lösen und mich auf eine genuin mediävistische Sichtweise einzulassen" (S. 233). Leider muss man ihm bescheinigen, dass dies gründlich misslungen ist. Der Fachmann zieht keinen Gewinn aus dem Buch, der gutgläubige Laie wird in die Irre geführt. Beide sind mit dem schönen Sammelband, den derselbe Verlag vor wenigen Jahren zum gleichen Thema herausgebracht hat, weitaus besser bedient. Vielleicht hat ja wenigstens das auf CD beigefügte Theaterstück Qualität; das aber müssen andere beurteilen.
Erschienen am 20.04.2012
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