(Veröffentlichungen des Historischen Vereins Schweinfurt 8 = Mainfränkische Studien 80), Schweinfurt 2011, Historischer Verein, 560 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Stefan W. Römmelt (Würzburg) PDF-Datei
Habent sua fata castra. Wie Bücher, so haben auch Schlösser ihr Schicksal. Dies gilt in besonderem Maß für das vor den Toren der ehemaligen Freien Reichsstadt Schweinfurt gelegene Schloss Mainberg. Die wechselvolle Geschichte der nach der Würzburger Festung Marienberg größten spätmittelalterlichen Burganlage Mainfrankens fokussierte am 14. November 2009 das Jubiläumssymposion des Historischen Vereins Schweinfurt. Aus dieser Veranstaltung ging ein 16 Beiträge umfassender, äußerst großzügig bebilderter Sammelband hervor.
In das Mittelalter führen Thomas Horling, der die Frühzeit der Burg Mainberg untersucht, und Irmgard Wenner mit einer Studie zur Bedeutung Mainbergs als fürstlicher Witwensitz der machtbewussten Gräfin Margarete von Henneberg (1450-1509), die aus dem Haus Braunschweig-Lüneburg stammte. Die Errichtung einer Propstei im Dorf Mainberg und damit auch der "geistliche" Ausbau der Residenz unterblieb allerdings.
Vier Aufsätze behandeln Themen aus der Frühen Neuzeit: Benjamin Heidenreich und Monika Riemer gehen dem Niederschlag des 1542 erfolgten Kaufs Mainbergs durch das Hochstift Würzburg in der "Hohen Registratur" des Lorenz Fries (1489/90-1550) nach, und Daniel Burger stellt in einer 100 Seiten umfassenden Studie eingehende Überlegungen zur Baugeschichte von Burg und Schloss Mainberg an. Die wohl dunkelste Episode in der Geschichte des Schlosses, die Folterung des 1974 selig gesprochenen Märtyrerpriesters Liborius Wagner (ca. 1600-1631) im Jahr 1631, erhellt Wolfgang Weiß, der die Frage nach der Interpretation Wagners als einer möglichen Symbolfigur der katholisch-protestantischen Ökumene differenziert beantwortet. In unverfänglichere Gefilde begibt sich der Greissing-Spezialist Johannes Mack mit einer architekturgeschichtlichen Einordnung des barocken Amtshauses am Fuß des Mainberger Schlossbergs.
Im 19. und 20. Jahrhundert wechselte das Schloss mehrmals den Besitzer. Drei der zehn Artikel, die in die Moderne fallen, konzentrieren sich auf das Schicksal Mainbergs in der Zeit des erfolgreichen Industriellen Wilhelm Sattler (1784-1859) und seiner Nachkommen: Andrea Brandl und Thomas Horling ergründen in einem umfangreichen Beitrag die Geschichte der Sattlerschen Tapetenfabrik. Erich Schneider macht sich auf die akribische Suche nach dem Schicksal der in alle Winde zerstreuten, einst prominente Stücke wie die Münnerstädter Magdalena Tilman Riemenschneiders enthaltenden Kunstsammlung Catharina und Wilhelm Sattlers, und Uwe Müller rekonstruiert die 1901 versteigerte, von historischer und theologischer Literatur des 18. Jahrhunderts dominierte Sattlersche Bibliothek.
Ebenfalls drei Beiträge beschäftigen sich mit dem Schicksal Mainbergs zur Zeit des "Theologen, Publizisten und Lebensberaters" (S. 349) Dr. Johannes Müller (1864-1949). Harald Haury charakterisiert prägnant die Persönlichkeit des "verkrachten" (S. 352), wirtschaftlich jedoch sehr erfolgreichen Theologen: Der freireligiöse Protestant Müller verkündete ein in der Tradition Luthers stehendes vitalistisches, auf die Gnade Gottes und die Freiheit des Christenmenschen ausgerichtetes Christentum. Dies schützte ihn allerdings nicht vor der antisemitischen Idee einer "Germanisierung des Christentums" (Zitat S. 368) und der Unterstützung des Nationalsozialismus. Das Leben in Müllers "Freistatt persönlichen Lebens" von 1903 bis 1914 schildert Uwe Richardsen, und Benedikt Maria Scherer stellt deren Umbau und Raumausstattung durch die Architekten Johann Ernst und Carl Sattler von 1902 bis 1904 vor.
Prominent waren auch die nächsten Eigentümer Mainbergs: 1915 bis 1945 diente das Schloss als Residenz der Industriellenfamilie Sachs, die Thomas Horling plastisch charakterisiert. Martin Brandl analysiert die von dem Münchener Architekten Franz Rank (1870-1949) in den Jahren 1916 bis 1918 realisierte, äußerst aufwändige und teils von einem kriegerischen Nationalismus geprägte Innenausstattung profund als prominentes und solitäres Zeugnis des Münchener Historismus in Mainfranken. Mit der Wohnung des Ehepaars Willy Sachs/Elinor von Opel, der Eltern des kürzlich verstorbenen Playboys Gunter Sachs, beschäftigen sich Thomas Horling und Martin Brandl.
Kurzweilig liest sich Karl-Heinz Hennigs Beitrag, der Aufstieg und Fall des 1954/ 55 auf Schloss Mainberg ansässigen "Heger-Instituts" und seines Leiters, des "Glatzenkönigs" Wilhelm Heger schildert - eine echte Burleske der Wirtschaftswunderzeit. So legt man den opulenten Band wohl informiert, nachdenklich und auch amüsiert aus der Hand. Das weitere Schicksal von Schloss Mainberg, einem bisher zu wenig bekannten Schauplatz der fränkischen, bayerischen und deutschen Kunst-, Kultur- und Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, ist allerdings ungewiss.
Erschienen am 30.03.2012
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