Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Reinhold Kaiser / Sebastian Scholz

Quellen zur Geschichte der Franken und der Merowinger. Vom 3. Jahrhundert bis 751

Stuttgart 2012, Kohlhammer, 228 Seiten, 6 Abbildungen, 4 Karten

Rezensiert von Adelheid Krah (WIEN)      PDF-Datei


"Die Entstehung eines Volkes der Franken und eines fränkischen Reiches unter der Herrschaft der Merowinger hat die Geschichte des mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa entscheidend bestimmt." Diesem Eingangssatz des hier zu besprechenden Buches wird man zweifellos zustimmen und sich fragen, wie eine Darstellung der Geschichte der Franken und Merowinger auf 228 Seiten den Autoren gelingen kann? Bekanntlich waren die 250 Jahre merowingischer Geschichte während der letzten beiden Jahrzehnte ein intensiv und interdisziplinär beäugter Forschungsgegenstand, so dass man heute kaum noch von einer Übergangszeit zwischen Altertum und Mittelalter sprechen kann.
Das Buch ist zweigeteilt in einen darstellenden Teil von R. Kaiser - "Gegenstand der Forschung" - und in den Quellenteil mit 31 Texten im Original mit deutschen Übersetzungen von H. Steiner, R. Kaiser und S. Scholz. Der erste Teil, der auf den ersten Blick als eine etwas längere Einführung erscheinen mag, entpuppt sich als komprimiertes Wissen über alle Facetten des Forschungsgegenstandes eines langjährigen Kenners der Materie, klar gegliedert und prägnant geschrieben, so dass der Text als wichtiger Leitfaden dieser Epoche im akademischen Unterricht verwendet werden kann. Kapitel 3 "Quellen zur Geschichte der Franken und des Frankenreiches" nimmt Bezug auf die verschiedenen Quellengattungen, aber auch auf die konkreten Textbeispiele des zweiten Teils, ebenso Kapitel 4 zu "'Ereignis', Verfassung und politische Struktur des merowingischen Frankenreiches", das den Wandel von den Krisen der Spätantike des dritten Jahrhunderts bis zur Neugestaltung überkommener Strukturen im 7. Jahrhundert forschungsgestützt im Überblick vermittelt. Die Veränderungen der Siedlungs- und Bevölkerungsstrukturen und die Entstehung einer "Mischkultur" sowie der Transformationsprozess am Ende der Spätantike und das Periodisierungsproblem schließen diesen Teil ab.
Der Text korrespondiert mit einer sehr guten Bibliographie auf aktuellem Stand und vermittelt auch dadurch ein hohes Verständnis des Forschungsgegenstandes. Für die bayerische Geschichte wichtig sind die Ausführungen zur Expansion des Frankenreiches im 6. und 7. Jahrhundert, zunächst im gotisch-byzantinischen Krieg durch Theudebert I., der ein Vielvölkerreich errichtete, dann in der Phase der Dominanz der merowingischen Hausmeier ab 687 oder spätestens ab der Überwindung der Sukzessionskrise durch Karl Martell. Mit Friedrich Prinz (Europäische Grundlagen deutscher Geschichte, 2004) ist das 7./8. Jahrhundert die erste früheuropäische Epoche, in der Erscheinungen der Kultur nicht aus dem Mittelmeerraum nach Norden kamen, sondern umgekehrt aus dem Frankenreich überformend nach dem Süden ausgriffen (S. 81).
Die Auswahl der Quellentexte reicht vom Panegyricus auf den Caesar Constantius Chlorus, den Vater Kaiser Konstantins, bis zur ironischen Passage in Einhards Biographie Karls des Großen zu den die letzten merowingischen Schattenkönigen. Briefe, Epitaphe und Konzilsbeschlüsse finden Berücksichtigung sowie Chlothars II. berühmtes Edikt, eine Passage aus Isidor von Sevillas Etymologien, ein Text aus der Vita der hl. Genovefa und kurze Auszüge aus dem Pactus Legis Salicae. Etwas im Hintergrund steht bewusst die überaus dominante merowingische Geschichtsschreibung mit Gregor von Tours, Fredegar und dem Liber historiae Francorum, so dass insgesamt eine sehr interessante Zusammenstellung von Quellentexten gelungen ist. Da die einzelnen Quellentexte im Begleittext von R. Kaiser integriert sind, wurde für das Selbststudium eine gute Basis geschaffen. Das Buch regt dazu an, die Geschichte der Franken und der Merowinger nicht als Übergangszeit, sondern als eine spannende Epoche mit langer Dauer und vielen Entwicklungen in räumlicher Verschiedenheit verstehen zu können.

Erschienen am 08.03.2012

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