Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Karol Modzelewski

Das barbarische Europa. Zur sozialen Ordnung von Germanen und Slawen im frühen Mittelalter

(Klio in Polen 13), Osnabrück 2011, Fibre, 483 Seiten

Rezensiert von Adelheid Krah (Wien)      PDF-Datei


Das aus dem Polnischen von Heidemarie Petersen übersetzte Buch "Barbarzyska Europa" bietet ein gut durchdachtes Resümee der Forschungen des Autors über die Transformierung Europas nach dem Niedergang des römischen Reiches. Dabei geht es ihm weniger um Schnittstellen zwischen romanischen Kontinuitäten mit gentilen, vielleicht spezifisch germanischen, jedoch anders gearteten sozialen und politischen Mustern, als vielmehr um die Darstellung der barbarischen Lebensgewohnheiten, in welche er auch die slawischen Gesellschaften Mitteleuropas im Früh- und Hochmittelalter miteinbezieht.
Basierend auf den Forschungen von Reinhard Wenskus, Walter Schlesinger und Hans H. Schulze und diese vielfach hinterfragend, werden Beobachtungen vor allem der langobardischen Siedlungsräume Oberitaliens mit den slawischen und polnischen, den fränkischen, sächsischen und alemannischen verglichen und in Beziehung gesetzt. Dabei stützt sich der Autor ausschließlich auf Schriftquellen; archäologische Materialien wurden bewusst nicht herangezogen. Somit ist die Methode rein historiographisch gewählt durch die Auswahl und Analyse von überliefertem Schriftgut. Die vielfach rein römische, später römisch-kirchliche Sichtweise der Autoren wird quellenkritisch bewertet.
Das mit wenigen, kurzen Fußnoten versehene Werk hat eher den Charakter eines Lehrbuches, in dem der Autor die seinen Studenten vielfach vorgeführten Quelleninterpretationen und Beobachtungen zu den Textausschnitten in Schriftform nunmehr einem breiteren Leserpublikum zugänglich macht. Thematisch steht das Sozialgefüge der nicht römisch geprägten, europäischen Stammesverbände im Zentrum seiner Ausführungen. Daher bot sich der Vergleich langobardischer Ordnungsstrukturen mit den slawischen an. Das Modell des Königs wird von Modzelewsky stark hinterfragt und die Andersartigkeit an signifikanten Quellenbeispielen des Edictum Rotharii oder der Leges Liudprandi schrittweise in mehreren Kapiteln als roter Faden herausgearbeitet. Der König war eher ein "großer Verwandter" denn ein "rex" nach römischen Vorstellungen. Überhaupt stellt die Gemeinschaft des Sippenverbandes das bindende Glied in barbarischen Gesellschaften dar, denn der Fürsorgegedanke war ein lebendiger und gelebter Leitgedanke des Sozialgefüges in den Familien und in den Sippen- und Gefolgschaftsverbänden. Der Autor weiß viele, bisher kaum beachtete Gemeinsamkeiten zwischen den sogenannten germanischen Stämmen und den slawischen aufzuzeigen und ist sich dabei des Problems der Fremddarstellung in den Quellen stets bewusst. Die interkulturelle Kommunikation der römischen Autoren, die über Germanen schreiben, sich jedoch ausnahmslos an ein römisches Publikum wandten, führte natürlich zum Lob der Fremdkultur an jenen Punkten der eigenen Gesellschaftsstrukturen, die verbesserungswürdig waren. Vor allem die ältere Forschung war meist von der richtigen Darstellung germanischer Lebensweisen in römischen Quellen ausgegangen, was die neueren Forschungen der letzten Jahrzehnte hinterfragt und zu Recht kritisiert haben.
Der vom Autor gewählte zeitliche Rahmen für ein barbarisches Europa ist durch die Einbeziehung der Slawen ein viel größerer, als in den international diskutierten Standards zum Thema "Transformation of the Roman World", da er von einer Fortwirkung der römischen Herrschaftsstrukturen in den Reichsbildungen vom 8. bis 12. Jahrhundert ausgeht. Die Quellentexte zur slawisch-heidnischen Bevölkerung zwischen Elbe und Oder bieten zwar ebenfalls ein aus der Fremdsicht der Nachbarn geschriebenes Bild; doch ist die Sichtweise auf Missionierung und Eroberung der slawischen Heiden fokussiert. Bei der Analyse der Quellen legt der Autor großen Wert auf die Unterscheidung von Topos und Wirklichkeit und dechiffriert verwendete Vorlagen aus älteren Texten, die geistliche Hagio- wie Historiographen späterer Jahrhunderte benutzten, um das Zeitgeschehen der christlichen Weltsicht anzugleichen.
Ferner ermöglicht ihm die gewählte komparatistische Methode der Geschichtsbetrachtung Relationen, beispielsweise zwischen Kapitularien Karls des Großen im Kontext mit der Unterwerfung der Sachsen (797) und Thietmar von Merseburgs Darstellung der Niederwerfung des Liutizenaufstandes. Die Spannweite der Geschichtsinterpretationen reicht von Caesars "De bello Gallico" bis Helmold von Bosaus Slawenchronik oder der böhmischen Chronik des Cosmas von Prag, also über mehr als ein Jahrtausend, wobei Modzelewsky erstmals in einer Monographie der modernen Mediävistik den enormen Fundus der sogenannten "Leges barbarorum" für die Sozialgeschichte des barbarischen Europa nützt. Hierbei fehlt es manchmal an der exakten Trennung der Textüberlieferungen, etwa nach den unterschiedlichen Rezensionen der Gesetze, die jeweils veränderte Sozialstrukturen der Gesellschaftsverbände vermuten lassen.
Dass es sich bei der politischen Wahrnehmung der Nachbarn, der Aufteilung des Landes in territoriale Einheiten, in "pagi", "centena", "comitatus" um militärische und gerichtliche Einheiten handelte, wird vom Autor systematisch vom alemannischen Raum der Römerzeit bis zu den "hunaeri" der schwedischen Gerichts- und Versammlungsgemeinschaften des 13. Jahrhunderts und den polnischen opole-Gemeinschaften "durchgespielt". Der Gerichtsstab - opole-Stab - und die heidnische Rednertribüne wurden noch benützt, als 1128 der Missionsbischof Otto von Bamberg auf dem Marktplatz von Stettin das Christentum predigen wollte (S. 333).
Der Kultus der Stammesgemeinschaften und seine zentrale Funktion wird im interkulturellen Vergleich durch den Autor besonders deutlich, wenn er etwa die Textstelle bei Tacitus c. 10 zur Bedeutung der Orakel bei den Germanen mit der Schilderung der von ihren Götterbildern angeführten Kampfverbände der Liutizen in der Chronik Thietmar von Merseburg zu den Jahren 1005 und 1017 in Zusammenhang bringt (S. 348-390).
Das Ende der barbarischen Welt in Europa hält der Autor in etwa mit dem Ende des 12. Jahrhunderts für gekommen, als nämlich der "expansionistische Stapellauf, der das Erbe der römischen Kultur und die karolingischen Verfassungsmuster nach Osten trug" in eine Unterwerfungswelle durch Heinrich den Löwen mündete (S. 432). Doch blieb die Hälfte Europas weiterhin jenseits dieser Sphäre, darunter der skandinavische Teil der germanischen Welt und der überwiegende Teil der slawischen Welt, wie der Autor ausführt.
Nach der Lektüre dieses überaus geistvollen, aus der Sicht der polnischen Mediävistik geschriebenen Buches, schließt man sich gerne dem Fazit am Ende an. Hier steht zu lesen: "Das barbarische Kulturerbe ist, neben dem römischen und byzantinischen, ein wesentlicher Bestandteil der komplexen Identität Europas. Es ist auch ein Unterscheidungsmerkmal. Die Bilanz der Wechselwirkungen zwischen der klassischen Kultur und den traditionellen Kulturen des "barbaricum" stellt sich sehr unterschiedlich dar, und diese Heterogenität ist auch im heutigen Europa präsent. Sie war, ist und wird noch manches Mal Quelle von Spaltungen und Spannungen sein" (S. 446). Demnach wird sich die mediävistische Forschung allmählich auch von der euphorischen Vorstellung und dem Modell einer fortschreitenden Ethnogenese trennen müssen.

Erschienen am 05.08.2014

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