Augsburg 2011, Wißner, VIII, 465 Seiten
Rezensiert von Helmut Flachenecker (Würzburg) PDF-Datei
Die vorliegende Auswahl von Beiträgen konzentriert sich auf Themen zur Geschichte von Reformation und Bauernkrieg, Konfessionalisierung, sozialen Eliten und dörflichen Gesellschaften. Augsburg als wichtigen Zeitungsort im 19. Jahrhundert demonstriert ein Blick auf die 'Augsburger Abendzeitung' und dessen nationalliberalen Redakteur Cajetan Freund mit seinem strikt antikatholischen Kurs (Paul Hoser). In der Augsburger 'Allgemeinen Zeitung' wurden die Berichte des auf Kreta lebenden Orientforschers und Sammlers Johann Hedenborg publiziert (Ulrich Linse). Beim 'Forum Suevicum' handelt es sich um eine zentrale Publikationsreihe, die ohne Zweifel vom Jubilar und dessen vielfältigen wissenschaftlichen Impulsen geprägt worden ist (Hans-Wolfgang Bayer). Es kann nur auf einige Beiträge näher eingegangen werden.
Der Bauernkrieg an der Grenze bewog die bayerischen Herzöge zum präventiven Eingreifen über den Lech hinweg. Einen für die Bauern besonders tragischen Fall stellt die Schlacht bei Kitzighofen im Mai 1525 dar, in der sie einer bayerischen Reitereinheit vollständig unterlagen. Die Erinnerung an dieses Ereignis wurde durch eine kleine Kapelle aufrechterhalten, die nunmehr renoviert und neuerdings mit einer votivtafelartigen Inschrift an das bäuerliche Bestreben nach einem Stück Freiheit erinnert. Spannend für die Zukunft wird bleiben, inwieweit sich dieser erneuerte Erinnerungsort im Gedächtnis der Bevölkerung einprägen wird (Reinhard Baumann). Von einem ganz anderen und zeitlich wesentlich späteren Erinnerungsort berichtet Martina Steber, von der Schlacht bei Höchstädt (Blindheim) im Jahre 1704 und seinen Stellenwert in der britischen Historiographie.
Einen zentralen Text für die Durchsetzung der Reformation stellt die "Confessio Augustana" dar (Gunter Wenz). Im Alltag waren es sogenannte Funktionseliten in städtischen wie landesherrlichen Verwaltungen, welche die Durchsetzung der Reformation vor Ort mit Hilfe von administrativen und diplomatischen Aktionen ermöglichten. Dazu gehörte der langjährige Memminger Stadtschreiber Georg Meurer, der nicht nur in der Stadt dem reformatorisch gesinnten Rat loyal diente, sondern diesen auch bei diversen Reichstagen sowie vor Gerichten und in diplomatischen Missionen zu Herren und Städten im Reich vertrat. Ohne die Mittlerfunktion eines Stadtschreibers wären derartig große Veränderungen gar nicht möglich gewesen. Nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass Meurer auch beim Abriss des Memminger Schottenklosters 1529 mitwirkte (Peer Frieß). Komplexe Interaktionsvorgänge zwischen einer Vielzahl von Akteuren zeigen sich bei der Frage von Reformation und Ausbildung frühmoderner Staatlichkeit in einem herrschaftlich höchst inhomogenen Gebiet wie dem habsburgischen Vorderösterreich. Die Abgrenzung von Hoheitsrechten war - wie in Franken - nur partiell gegeben, so dass sich unterschiedliche Herren und deren politische wie konfessionelle Interessen überlagerten. Im Gegensatz zu Franken agierte der Kaiser in weiten Teilen als Landesherr, was wiederum den Adelsherrschaften erstaunliche Freiheiten ermöglichte. Damit spielte die Frage der Konfession als Werkzeug zur Erlangung der Reichsunmittelbarkeit nicht immer ein ausschlaggebendes Argument. Dennoch dürfen volksreformatorische Bewegungen - greifbar im Umfeld des Bauernkriegs - nicht gering geschätzt werden. Katholische Reformbewegungen sind in Vorderösterreich erst im 17. Jahrhundert von durchschlagendem Erfolg (Dietmar Schiersner). Ein Beispiel für eine katholisch gebliebene Adelsfamilie ist jene der Hohenems (1560 erblicher Reichsgrafenstand), die im 16. Jahrhundert eine familiäre Nähe zu Papst Pius IV. und dem Mailänder Erzbischof Karl Borromäus aufbauen konnte. Die Hohenemser gaben in den Landen zwischen Bodensee und Arlberg der Konfessionalisierung breiten Raum, so dass ein katholisches Bollwerk gegen die Schweizer Eidgenossenschaft entstand (Wolfgang Scheffknecht). Allerdings zeigen sich im Detail - etwa bei den Pfarrern und deren soziale Verankerung in der dörflichen Gemeinschaft oder beim Versuch der sittlichen Verbesserung des Lebens der Bevölkerung - die langwierigen Bemühungen, die Konzilsbeschlüsse von Trient durchzusetzen.
Für eine Neubewertung der Geschichte der Reichsstadt Augsburg im 18. Jahrhundert, jenseits der satirischen Verrisse von Zeitgenossen, setzt sich der Beitrag von Barbara Rajkay ein. Über die Schwierigkeiten des Überlebens von Gesellen in der Augsburger Arbeitswelt des 19. Jahrhundert informiert Christine Werkstetter. Eine weitere sozialgeschichtliche Analyse führt in ein evangelisches Pfarrhaus im ausgehenden 19. Jahrhundert (Klaus Raschzok). Ins Mittelalter zurück führt die Betrachtung der Haftungspflicht von Tierhaltern (Christoph Becker).
Rolf Kießlings Beobachtung einer "Regionalisierung der Politik" um 1500 kann Sabine Ullmann auf dem Gebiet der kaiserlichen Kommissare für Verfahren, die am Reichshofrat anhängig waren und vor Ort verhandelt wurden, erneut fruchtbar anwenden. Kaiserliche Nähe (Niederadel, kirchliche Institutionen, Reichsstädte) und 'Nachbarschaft' entschieden bei deren Auswahl, bei der Kläger und Beklagte ein Mitspracherecht besaßen. Somit wurde die Konfliktlösung und damit einhergehend die Friedenswahrung regionalisiert. Einen anderen Umfang von Regionalisierung hatte der Herrschaftsraum eines oberschwäbischen Reichsgrafen: Das Eigenbild einer kleinen Grafschaft (Montfort am Bodensee) zeichnet eine Hofchronik aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dabei werden die Beziehungen zum Kaiserhaus und der politische Einfluss des Grafen überhöht, das ständige Schuldenproblem jedoch weitgehend schön geschrieben. Die Herrschaftsrepräsentation stand trotz ihrer realen Unbedeutendheit im Vordergrund, das Leben der Untertanen wird nur bei Verfehlungen greifbar (Elmar L. Kuhn).
Anhand des Phänomens flüchtiger Protestanten aus dem Salzburgischen, dem Defreggental und aus den habsburgischen Erblanden in die schwäbischen Reichsstädte können soziale Integrationsmechanismen sichtbar gemacht werden, aber auch Auswirkungen auf die religiöse Praxis der Einheimischen. Trotz aller Schwierigkeiten gelang hier die Friedenswahrung in der städtischen Gesellschaft (Andreas Link).
Rolf Kießling hat mit seinem wissenschaftlichen Werk die schwäbische, ja die allgemeine Landesgeschichte mit seiner Suche nach neuen Themen sowie mit seinem Umgang mit innovativen Methoden und Fragestellungen in beeindruckender Weise befruchtet. Das für den vorliegenden Band erstellte Literaturverzeichnis dokumentiert dies. Strukturelle Ansätze eröffneten den Weg zum Vergleich von historischen Entwicklungen in anderen Regionen. Hinzuweisen sei hier nur auf seinen Stadt-Umland-Ansatz, seine Beiträge zum schillernden Begriff "Städtelandschaften" sowie seine Forschungen zur Geschichte jüdischer Landgemeinden. Damit wies er neue Wege, nicht nur 'den Schwaben', sondern auch 'der wissenschaftlichen Welt'. Deshalb muss sich die aktuelle landesgeschichtliche Forschung für das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit an Rolf Kießlings Werk messen lassen.
Erschienen am 08.03.2012
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