(Schriftenreihe des Städtischen Museums Kitzingen 4), Kitzingen 2011, Sauerbrey, 310 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Susan Splinter (München) PDF-Datei
Das vorliegende Buch ist im Zuge einer Ausstellung im Stadtmuseum Kitzingen entstanden. Obwohl der Band reich bebildert ist, handelt es sich nicht um einen Ausstellungskatalog. Nach dem ersten Beitrag, der ein von der Museumsleiterin verfasster Erfahrungsbericht ist und das Zustandekommen und die Durchführung der Sonderausstellung einschließlich des Begleitprogramms dokumentiert, geht das Buch in eine Art Sammelband mit 18 Kapiteln über, der nur von zwei Autoren bestritten wird. Lokalhistorische Informationen finden sich nur in wenigen Kapiteln. Der Großteil des Buches widmet sich Glaubers Leben und seinen Schriften. Es handelt sich also vielmehr um ein wissenschaftshistorisches Buch.
Nach einer detaillierten Schilderung von Glaubers Lebenslauf (Kap. 2) wird ein kursorischer Überblick zur Chemiegeschichte der Frühen Neuzeit geboten. In Kapitel 4 zeigt Helmut Gebelein Verbindungen zwischen Kunst und Alchemie auf. Dazu reiht er zahlreiche Beispiele aus Architektur, Malerei, Literatur und Musik aneinander, die einen - wie auch immer gearteten - Bezug zur Alchemie aufweisen. Dabei umspannt er einen Zeitraum vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Unklar bleibt, ob die Künstler sich mit der Alchemie der Frühen Neuzeit oder mit esoterischen Strömungen der Gegenwart auseinandersetzten. Neben einer übergreifenden Synthese fehlt eine Reflexion zum Begriff Alchemie, so dass vielerlei Aussagen zum Verhältnis von Kunst und Alchemie unverbunden nebeneinanderstehen.
In den nächsten Kapiteln werden Glaubers Arbeiten, sein Labor während seiner Zeit in Kitzingen und seine Kinder anhand neuer Quellen knapp charakterisiert. Dabei werden vor allem Details, die in der bisherigen Glauber-Forschung unbekannt bzw. umstritten waren, geklärt. Kapitel 9 bietet eine Einführung in das chemische Denken der Frühen Neuzeit. Nacheinander, biographisch gegliedert werden die Informationen aufgezählt. Die Wechselwirkungen werden kaum herausgearbeitet. Mit der Darlegung von Glaubers chemischen und alchemischen Vorstellungen gelingt Rainer Werthmann in Kapitel 10 eine fundierte Quelleninterpretation und eine deutliche Erklärung alchemistischer Ausdrucksweisen. Wie man alchemistische Interpretationen für die heutige Ausbildung nutzen kann, wird in Kapitel 13 erläutert. Zahlreiche Beispiele zur Verdeutlichung des alchemischen Denkens werden aus dem Werk "Atalanta Fugiens" von Michael Maier und mit den heute vermuteten zugehörigen Prozessen aufgezählt. Kapitel 14 und 15 berichten über den durchgeführten Nachvollzug von Glaubers Experimenten zu Lüsterkeramik und Alkalisilikat, dessen Aussehen chinesischem Porzellan ähnelt und daher zu Glaubers Zeiten gefragt war.
In den beiden folgenden Kapiteln wird die Herstellung, Verwendung und die Idee des "aurum potabile" - dem flüssigen Gold - diskutiert. Damit ist die Suche nach dem Wesen, der Essenz des Goldes gemeint. Das Wesen des Goldes war für die Alchemie entscheidend, weil nur durch dessen Erkenntnis Umwandlungsprozesse in Angriff genommen werden konnten. Die Eigenschaften des Goldes sollten quasi extrahiert und anderen Stoffen zugefügt werden. Die dabei als Zwischenstufe entstehenden "goldhaltigen" Tinkturen wurden auf verschiedene Weise verwendet, zum Beispiel als Heilmittel. In diesen Kontext fallen die Betrachtungen Gebeleins zu Glauber und der Spagyrik, der Herstellung von Heilmitteln auf alchemische Weise. Hier werden nach einem historischen Abriss zu Paracelsus, der als erster mineralische Arzneimittel propagierte, die Verbindungen zu Glauber thematisiert, ehe Studien zur Wirksamkeit heutiger spagyrischer Heilmittel angeführt werden. Abgeschlossen wird das Buch durch einen historiografischen Rückblick, in dem die Erwähnungen Glaubers in wissenschaftshistorischen Schriften und Lexika aufgezählt werden.
Neben einer dezidierten Einleitung, die den Leser über das Thema und die Zielrichtung des Buches informiert, fehlt ein Register. Stärker vermisst man in weiten Teilen des Buches eine konsequente historische Verortung. Neben zahlreichen Auflistungen findet man häufig teleologische Zuschreibungen; so wird Glauber als "Vater der chemischen Industrie", als "erster technischer Chemiker der Welt" (S. 11) und als "der Erste, der eine Nitratdüngung oder Stickstoffdüngung beschreibt" (S. 292) charakterisiert. Dabei bleibt unerwähnt, dass die Denkweise Glaubers nicht in heutige Vorstellungen übersetzt werden kann. Grundlegende Forschungsarbeiten wurden nur unzureichend zur Kenntnis genommen: Beispielsweise gibt es für den Nachvollzug historischer Experimente und für das esoterische Denken in der Frühen Neuzeit zahlreiche Schriften (etwa von Falk Rieß, Peter Heering, Monika Neugebauer-Wölk), die nicht erwähnt oder diskutiert werden. Als Ertrag bleiben regionalhistorisch bedeutsame Details und neue Erkenntnisse zu Glaubers Familie und seiner Situation in Kitzingen (1651-1654).
Erschienen am 10.05.2012
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