Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Maria Anna Zumholz (Hg.)

"Krach um Jolanthe". Krise und Revolte in einer agrarisch-katholischen Regione 1929-1930 und der Konflikt um die Deutungs- und Erinnerungskultur

Münster 2012, Aschendorff, 310 Seiten

Rezensiert von Johann Kirchinger (Mallersdorf-Pfaffenberg)      PDF-Datei


Die Geschehnisse um einen 1929 während der Weltwirtschafts- und Agrarkrise im Oldenburger Münsterland gepfändeten kastrierten Eber (plattdeutsch Eberborg), der von Teilen der Bevölkerung des Dorfes Sevelten auf widerrechtliche Weise seinem ehemaligen Eigentümer zurückgebracht wurde, fand bereits bei den Zeitgenossen große Beachtung. Zu deutschlandweiter und bis heute andauernder Berühmtheit gelangten die Geschehnisse, als sie der Oldenburger Heimatdichter August Hinrichs ihrer politischen und ökonomischen Problematik entkleidete und aus dem Stoff eine später auch verfilmte Komödie formte, die mit den tatsächlichen Ereignissen kaum mehr etwas zu tun hatte. Dabei waren sich die Zeitgenossen bereits uneinig, ob es sich bei den Ereignissen in Sevelten um politischen, dem Nationalsozialismus den Weg ebnenden Terror gegen den legitimen Staat der Weimarer Republik handelte oder um den Ausdruck eines traditionellen, revoltierenden und vorstaatlichen Rechtsverständnisses der bäuerlichen Bevölkerung oder einen Streich junger Burschen. Ein von Maria Anna Zumholz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Arbeitsstelle Katholizismus- und Widerstandsforschung der Universität Vechta und ausgewiesene Kennerin der Südoldenburger Geschichte, herausgegebener Sammelband will Licht ins Dunkel der sich teilweise widersprechenden Interpretationen bringen.
Im ersten Beitrag stellt Zumholz die Geschehnisse um den Eberborg, die Sozialstruktur des Tatortes, die Entstehungsgeschichte der Komödie "Krach um Jolanthe" und dessen Dichter August Hinrichs einleitend vor. Dabei streicht sie die Bedeutung heraus, die die Vorgänge nicht zuletzt aufgrund der dichterischen Bearbeitung für die kollektive Identität des Oldenburger Münsterlandes hatten und haben - eines Gebietes, das aufgrund seines katholischen sowie klein- und mittelbäuerlichen Charakters vom Rest des ansonsten protestantischen und großbäuerlichen Oldenburger Landes verschieden war und ist (S. 11-38). Anschließend daran breitet der emeritierte Vechtaer Politologe Hermann von Laer die Fakten zur ökonomischen Situation der Südoldenburger Landwirtschaft während der Weltwirtschaftskrise aus (S. 39-54). Ein weiterer Beitrag von Zumholz beschäftigt sich mit der Frage, wie die im deutschnational-protestantischen Milieu entstandene Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei im katholischen und lange Jahre von der Zentrumspartei dominierten Oldenburger Münsterland Fuß fassen und die Vorgänge um den Eberborg politisch instrumentalisieren konnte. Zumholz führt dies auf die besondere, vergleichsweise klein- und mittelbäuerliche landwirtschaftliche Struktur des Oldenburger Münsterlandes zurück. Zudem waren die Landwirte dort auf Viehwirtschaft spezialisiert. Diese aber wurde von den Zollgesetzen der Weimarer Republik benachteiligt (S. 55-98). Die Volkskundlerin Christine Aka betrachtet indes die Geschehnisse nicht aus der politikgeschichtlichen, sondern der kulturwissenschaftlichen Perspektive. Sie kommt in ihrem überzeugenden Beitrag zu dem Ergebnis, dass es sich bei den Geschehnissen nicht in erster Linie um einen politischen Konflikt handelte, sondern vor allem um den Kampf zur Aufrechterhaltung eines historisch weit zurückreichenden dörflichen Wertesystems, das auf der Notwendigkeit einer gewissen Solidarität beruhte (S. 99-124). Der Jurist Bernhard Brockmann erläutert dann die strafrechtliche Sicht auf die Ereignisse. Dabei ist sein faktengesättigter und klar strukturierter Positivismus für deren Verständnis sehr dienlich (S. 125-142).
Im Anschluss daran findet sich wieder ein Aufsatz von Zumholz. Er trägt den Untertitel "Dörfliche Solidarität oder politischer Angriff auf die staatliche Autorität in der Endphase der Weimarer Republik?" und soll wohl eine Art resümierender, mit weiteren Quellen angereicherter und ausblickender Zwischenbilanz in der Mitte des Bandes sein (S. 143-176). Der pensionierte Realschullehrer Rudolf Willenborg befasst sich in seinem Aufsatz mit Liedern und Gedichten als Ausdrucksweisen der um die Sevelter Ereignisse des Jahres 1929 gestrickten Erinnerungs- und Protestkultur. Er behandelt dabei Agitationslieder der Landvolkbewegung, zeitgenössische Zeitungsgedichte, literarische Verarbeitungen jenseits von Hinrichs Komödie sowie später entstandene Erinnerungslieder und -gedichte (S. 177-224). Joachim Kuropka, emeritierter Professor für Neueste Geschichte an der Universität Vechta, stellt den Heimatdichter August Hinrichs vor. Insbesondere analysiert er dessen Verhalten und Stellung im Dritten Reich. Dabei kommt Kuropka zu dem Ergebnis, dass es sich bei Hinrichs um einen Opportunisten gehandelt habe, dessen Bedeutung für die Festigung des Nationalsozialismus nicht allzu groß gewesen ist, dessen Machwerke andererseits aber auch nicht vorschnell als unpolitische Heimatdichterei abgetan werden sollten (S. 225-242).
Im letzten Aufsatz beschäftigt sich der pensionierte Gymnasiallehrer Karl Sieverding mit den Kontroversen um die Gestaltung eines Brunnens, der in der Cloppenburger Innenstadt seit seiner Fertigstellung 1979 an den gepfändeten Eberborg erinnern soll. Dabei ist ihm - spät genug in dem Sammelband - viel mehr gelungen, nämlich eine umfassende Erinnerungs- und Forschungsgeschichte. Endlich wird auch ein Eindruck ausdrücklich bestätigt, der sich dem Leser ohnehin bereits aufgedrängt hat. Anlass des Bandes war nämlich laut Sieverding eine kritische Auseinandersetzung mit der Behauptung des westfälischen Landeshistorikers Werner Freitag, dass es sich bei den Geschehnissen um den gepfändeten Eberborg um politischen, dem Nationalsozialismus den Weg ebnenden Terror gehandelt habe. Diese These war der Anlass für zwei Studientage, deren Vorträge in dem Sammelband veröffentlicht wurden, wie Sieverding beiläufig, aber immerhin als einziger erwähnt (S. 243-266). Es wäre ein Gebot der wissenschaftlichen Transparenz gewesen, dies in der Einleitung anzuführen. Den Band beschließt ein Personenregister sowie ein Abdruck der Diskussion, die im Oldenburger Landtag am 22. März 1929 wegen der Sevelter Vorgänge geführt wurde. Letzterer erschiene nicht unverzichtbar, handelt es sich bei Landtagsverhandlungen doch um leicht zugängliche gedruckte Quellen.
Insgesamt stellt der Sammelband den gelungenen Versuch dar, die verschiedenen Deutungen, denen die Sevelter Vorgänge um den gepfändeten Eberborg unterworfen waren, verschiedenen Erinnerungskulturen (dörflich, regional, politisch, wissenschaftlich) zuzuweisen. Die Kenntnis der deutschen Agrargeschichte in der Endphase der Weimarer Republik wurde dadurch zwar nicht erweitert, aber vertieft.

Erschienen am 26.04.2012

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