Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Meike Hopp

Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien

Köln 2012, Böhlau, 411 Seiten, 40 Abbildungen

Rezensiert von Daniela Stöppel (München)      PDF-Datei


Meike Hopps Dissertation über den Kunsthändler Adolf Weinmüller und dessen Rolle in der NS-Zeit ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Zum einen entstand das Projekt auf Anregung des Münchener Kunstauktionshauses Neumeister, namentlich durch die Initiative von Katrin Stoll, die das Projekt auch teilfinanzierte. Ihr Vater hatte das Kunstversteigerungshaus Weinmüller 1959 übernommen und unter dem Namen Neumeister weitergeführt, weshalb ihr eine Aufarbeitung notwendig erschien. Zum anderen lag dem Forschungsprojekt kein nennenswerter Grundbestand an Quellen, wie ein Firmen- oder Familiennachlass, zugrunde, was in vielen Fällen die wissenschaftliche Bearbeitung verhindert. Dass es dennoch möglich ist, eine ertragreiche und zugleich unabhängige Studie vorzulegen, stellt die Autorin in ihrer Arbeit nun unter Beweis: Dank akribischer und umfassender Recherchen in einer Vielzahl von Archiven gelingt es ihr, trotz der mehr als problematischen Quellenlage ein erstaunlich umfassendes und genaues Bild von den Tätigkeiten Weinmüllers, aber auch des Kunsthandels der NS-Zeit allgemein zu zeichnen. Ihre Darstellung bleibt dabei angenehm sachlich, räumt mit vielen pauschalen Urteilen über einen scheinbar "undurchsichtigen" Kunsthandel während der NS-Zeit auf, ohne jedoch auch nur im geringsten zu einer Verharmlosung der Sachverhalte - quasi "pro domo" - zu tendieren. Im Gegenteil: Die von ihr lakonisch beschriebene Komplexität der Vorgänge und Maßnahmen, die zur Entrechtung und Enteignung vor allem jüdischer Kunstsammler führten, werden als perfide ineinandergreifendes Räderwerk anschaulich gemacht, in dem der deutsche Kunsthandel, insbesondere das Versteigerungswesen, eine zentrale Rolle spielte. Zu diesem Zweck bedient sich die Verfasserin nicht nur Methoden aus der Provenienzforschung, sondern versucht, Strukturen und Voraussetzungen für bestimmtes Handeln herauszuarbeiten.
So beschreibt Hopp zunächst den Werdegang Adolf Weinmüllers, der als Förster tätig war, bevor er 1921 in München das "Haus für Neue und Alte Kunst" gründete, um im Folgenden in umfassender Weise darzulegen, wie sich Weinmüller innerhalb des Münchener Kunsthandels ab 1933 als Verbandsfunktionär positionierte und welche besondere Rolle dabei dem Auktionswesen zukam. So haftete insbesondere Kunstversteigerungen in der Zwischenkriegszeit aufgrund der hohen Spekulationswerte ein negatives Image an, das von den Nationalsozialisten gezielt antisemitisch aufgeladen wurde. Die - vielen Akteuren des Kunsthandels durchaus notwendig erscheinende - Neuordnung des Auktionswesens geriet somit zu einer beispiellosen antisemitischen Kampagne, indem man bereits 1935 allen jüdischen Auktionatoren, die in München bis dato die Mehrheit stellten, schlicht die Befähigung zur Leitung eines Auktionshauses absprach. Diese Befähigung war jedoch nach den Vorschriftsänderungen, an denen Weinmüller aktiv mitgewirkt hatte, notwendig, um die an eine Person gebundene Versteigerungslizenz zu erhalten. Die jüdischen Kunsthändler Münchens waren also aufgefordert, binnen vier Wochen (!) ihre Geschäfte zu liquidieren. Erst nach Einspruch der Industrie- und Handelskammer, die eine Überschwemmung des Marktes mit Kunstgütern und den Verlust von Deviseneinnahmen, wie sie die international agierenden Häuser, etwa Helbing oder Bernheimer, in nicht unbedeutender Höhe erwirtschafteten, fürchtete, wurde eine Handvoll besonders umsatzstarker und international renommierter Versteigerer von der Regelung ausgenommen.
Dass dieser Aufschub durchaus trügerisch war, zeigt der weitere Verlauf der Entwicklung: Spätestens im Zuge der allgemeinen Arisierung jüdischer Geschäfte wurden auch diese Kunsthändler "abgewickelt" und ihre Bestände oft über die wenigen verbliebenen Auktionshäuser versteigert. Insbesondere Weinmüller konnte sich in kurzer Zeit als führendes Auktionshaus etablieren, das er 1936 zu einem für ihn taktisch äußerst günstigen Zeitpunkt gegründet hatte. Weinmüller profitierte aber nicht nur von der "Abwicklung" des jüdischen Kunsthandels, sondern zunehmend auch von der Vertreibung jüdischer Sammler. Auch hier spielte der Kunsthandel eine problematische Rolle: Als Gutachter hatte man zunächst den jüdischen Kunstbesitz, als dieser aus fiskalischen Gründen angemeldet werden musste (sog. Vermögensanmeldung), noch auf freiwilliger Gutachterbasis gesichtet und geschätzt. Diese Informationen halfen, wie Hopp zeigen kann, spätere Konfiszierungen, die gezielte Beschlagnahmung von herausragenden Einzelstücken (beispielsweise in der sog. "Juden-Aktion" 1938/39 in München) oder die Akquise durch die Auktionshäuser vorzubereiten. Nicht nur fiskalische Repressionen, die hohen Kosten für die Emigration (Reichsfluchtsteuer), sondern auch Ausfuhrverbote für hochwertiges Kulturgut trugen dazu bei, dass vor allem jüdische Emigranten gezwungen waren, ihren Kunstbesitz über Auktionshäuser versteigern zu lassen. Die Einnahmen wurden in der Regel auf Sperrkonten überwiesen, die allerdings später auf Grundlage der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom Deutschen Reich sämtlich eingezogen wurden.
Nach dem "Anschluss" Österreichs waren auch dort durch die Verfolgung der Juden gute Geschäfte möglich, was Weinmüller bewog, in Wien das jüdische Auktionshaus S. Kende zu übernehmen. Wie im "Altreich", wo die Gestapo nach den Beschlagnahmungen zu einem wichtigen Einlieferer für Auktionen geworden war, traten auch in Österreich staatliche Stellen, wie die Vugesta (Staatliche Verwaltungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Geheimen Staatspolizei) als "Verwerter" in Erscheinung. So wurden die Haushalte und Möbel emigrierter Juden systematisch konfisziert und über Auktionshäuser "verwertet". Profitiert hat also in erster Linie der Staat (spätestens mit Einzug der Sperrkonten); bei den Auktionshäusern blieben jedoch nicht unerhebliche Margen von 10 bis 15 Prozent hängen. Durch ihr Agieren als Kommissionäre waren Auktionshäuser aber doch auf andere Art in die Abwicklungen involviert als der klassische Kunsthandel. Besonders bei Schätzungen von Sammlungen hatte man nicht unbedingt ein Interesse, die Werte möglichst niedrig anzusetzen. Gelegentlich wurden langjährigen Kunden zuliebe sogar Kunstwerke niedriger im Wert eingestuft, damit sie ins Ausland ausgeführt werden konnten. Im Gegenzug konnte man die "Restbestände" als Auktionsware gewinnen. Verkompliziert wird die Situation noch durch die Praxis von Nachverkäufen (teils von anderen Auktionshäusern) und sogenannten "Metageschäften", an denen ebenfalls mehrere Häuser beteiligt waren, oder den "freihändigen" Verkauf von Ware. Auch Weinmüller betrieb neben seinem Kunstversteigerungshaus einen klassischen Kunsthandel, was die Nachvollziehbarkeit der meisten Verkaufsvorgänge zusätzlich erschwert.
Nichtsdestotrotz gelingt es Hopp, an etwa zwei Dutzend exemplarischen Fallstudien die verwickelten, meist aber legalen Geschäftspraktiken, wie sie wohl nicht nur bei Weinmüller üblich waren, aufzudröseln. Ein klassischer Provenienznachweis konnte für das Gros der Einzelobjekte angesichts der Komplexität der Vorgänge kaum geführt werden; in jedem Fall ist es aber geglückt, die verschiedenen Handlungsmotive höchst differenziert darzulegen sowie deutlich zu machen, mit welch ungeheuerlicher Systematik jüdischer Kunstbesitz durch das Deutsche Reich zwischen 1935 und 1945 verwertet wurde. Davon profitierten nicht zuletzt auch die Auktionshäuser. Wie der Fall Weinmüller aber ebenfalls zeigt, ist deren Handlungsmotivation weniger im ideologischen Bereich zu suchen, sondern in der Maximierung des Profits. Ökonomisches Effizienzdenken trug damit nicht nur wesentlich zur Stabilisierung des NS-Systems bei, sondern man nahm dafür auch die Entrechtung, Enteignung, Vertreibung und Deportation der jüdischen Bevölkerung billigend in Kauf.

Erschienen am 06.06.2014

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