Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Johann Kirchinger / Richard Stadler

Die Arbeit, das Sach' und der Tod. Dörfliche Lebenswelten vor dem Ersten Weltkrieg. Historische Fotografien 1908-1914

München 2012, Volk, 108 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Martin Ortmeier (Finsterau)      PDF-Datei


Das schmale Buch tritt an, die "kulturelle Funktion" der Fotografie "für die Lebenswelt des Dorfes (...) zu untersuchen" (S. 9). Die Beschreibung der ausgewählten Fotografien erschöpft sich nicht in der Hinführung auf das Abgebildete, dessen Benennung und historische Einordnung, sie mündet vielmehr in das Bestreben, "die Frage [zu] beantworten, wie diese vom Abbilder und den Abgebildeten gemeint waren" (S. 24).
2003 wurden 178 Fotoplatten aufgefunden, die 1908 bis 1914 in den niederbayerischen Dörfern Hofkirchen und Haimelkofen entstanden sind. Diesen Fotografien widmet sich der vorliegende Band. Sie stammen von Ferdinand Pöschl (geb. 1877 in Landau an der Isar), der sich 1908 als Fotograf und Einzelhandelskaufmann in Haimelkofen niedergelassen hat. Seine bürgerliche Herkunft, der schulische und handwerkliche Werdegang, die erste selbständige Tätigkeit als Fotograf in Planegg und schließlich die Niederlassung in Haimelkofen werden von Johann Kirchinger knapp dargelegt, aber solide und dicht belegt und zeitlich treffend eingeordnet. Auch die Herkunft seiner Frau Helena, geb. Riepl wird behandelt, die nach dem frühen Tod Pöschls den Laden weitergeführt und die gemeinsamen Töchter aufgezogen hat.
Der Biographie schließt sich eine Analyse der beiden "im niederbayerischen Bezirksamt Mallersdorf gelegenen Nachbardörfer" (S. 16) an. Kirchinger legt damit die Grundlage sowohl für die soziale Einordnung Pöschls in die Dorfgemeinschaft als auch für die Analyse und die "Dichte Beschreibung" (S. 23) der Lichtbilder. Beide Dörfer sind landwirtschaftlich geprägt. Die ausgewählten Fotografien zeigen Dorf und bäuerliche Arbeit, Fest und Freizeit, den Lehrer mit seiner Familie, "Bauernmädchen und Försterstöchter" (S.74), sie zeigen Anwesen und Bewohner des Vollbauernhofes, der Sölde und des Gütls - und Aufgebahrte.
Kirchinger schaut und schildert genau, er bemerkt "die von der Arbeit in Stall und Feld noch ganz schmutzigen Hände" der im Kindbett verstorbenen Frau, er weist aber darauf hin, dass die Abbildung der Verstorbenen nicht lediglich Hilfsmittel der Erinnerung ist, sondern auch "die Inszenierung des guten christlichen Todes" (S. 90).
Die Bauten und Siedlungsgefüge der Ortsbilder sind benannt und analysiert, zu den Personen sind die Biographien ermittelt, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse sind recherchiert. In der Auswahl entfaltet sich anhand zweier ansonsten unbedeutender Dörfer - Haimelkofen noch ganz bäuerlich, das Kirchdorf Hofkirchen schon durchsetzt mit bürgerlichen Bauten - das Spektrum einer Dorfgemeinschaft im historischen Wandel. Am Beispiel eines "unternehmerischen Landwirts" bemerkt Kirchinger "eine Verbindung der den bäuerlichen Abbildungskonventionen entsprechenden Pose mit der ungewöhnlichen Betonung der vom Eigentum losgelösten Individualität der Dargestellten" (S. 46).
So sorgfältig wissenschaftlich und dennoch mit Empathie der Historiker und Landwirt Johann Kirchinger die Sujets betrachtet, so hochwertig hat der Handwerker und Computertechniker Richard Stadler die Reprografie der Glasplatten geleistet. Es lassen sich Details der Tracht, Feinheiten der Physiognomie, der vernarbte Fingerstummel eines modisch gekleideten Jungbauern und auch Nebensächlichkeiten deutlich erkennen.
Manche Interpretation Kirchingers ist diskussionswürdig, wie etwa die Auffassung, Pöschls Frau habe sich aus finanziellen Gründen "als Köchin in Straubing und Stadtamhof verdingen" (S. 13) müssen. Denn im Jahr 1908 hat Pöschl das Haimelkofener Krameranwesen für 5857 Mark erworben, bereits 1914 hinterließ er bei seinem Tod neben der Immobilie ein Vermögen von 8142 Mark. Für diese Diskussion aber liefert Kirchinger die Fakten, und er trennt methodisch die Darlegung dieser Fakten von seiner Interpretation.
Die hohe Qualität der Fotografien Pöschls und deren gute Wiedergabe im Druck erlauben ein nachempfindendes Eintauchen des Lesers in diese nunmehr einhundert Jahre entrückte dörfliche Welt. Die Fülle von Fakten, die Kirchinger erschlossen hat, und deren Einordnung in die Bedingungen und Möglichkeiten der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg lassen diese Dokumente in geradezu didaktischer Weise zur Einübung in das "Lesen" historischer Lichtbilder dienen. Der Autor erläutert seine Rezeptionsmethode, die ihm erlaubt, die verschiedenen Wert- und Weltauffassungen der alteingesessenen Bauern von denen der bürgerlich geprägten Dorfbewohner zu unterscheiden, insoweit sie in die Sujets und die Gestaltung dieser glücklich erhaltenen Fotografien Eingang gefunden haben.

Erschienen am 28.01.2013

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