Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Michael Hirschfeld

Die Bischofswahlen im Deutschen Reich 1887 bis 1914. Ein Konfliktfeld zwischen Staat und katholischer Kirche zwischen dem Ende des Kulturkampfes und dem Ersten Weltkrieg

Münster 2012, Aschendorff, 1003 Seiten

Rezensiert von Rudolf Neumaier (München)      PDF-Datei


Die Stellung eines katholischen Bischofs basiert nach kirchlicher Lehre auf Gottesgnadentum. Der gegenwärtige Leiter der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, vormals Professor für Dogmatik in München und Bischof der Diözese Regensburg, hat auch einmal den Begriff "Hirtengewalt" ins Feld geführt, die "von Göttlichem Recht" sei und auf einer Autorisierung durch den Heiligen Geist fuße. Vor diesem Hintergrund mag beim Blick in die Geschichte die Divergenz zwischen dem sakralen Verständnis und den überaus profanen Motiven überraschen, die bei der Wahl dieser herausragenden Kleriker immer wieder ausschlaggebend waren. Michael Hirschfeld hat in der vorliegenden Arbeit die letzte Phase intensiver staatlicher Einflussnahme bei der Ernennung von Bischöfen in Deutschland in den Blick genommen. Wie Gottesgnadentum mit politischem Kalkül oder zwischenmenschlichen Ressentiments korrespondierte - diese Frage spart Hirschfeld freilich aus. Seine Studie hat keinen theologischen, sondern ausschließlich einen geschichtswissenschaftlichen Anspruch. Sie wurde an der Universität Vechta als Habilitationsschrift angenommen. Dort war sie noch mit der für den Inhalt programmatischen Frage "Kulturkampf bis zum Krieg?" betitelt.
Hirschfeld will das "Spannungsverhältnis der beiden Ordnungsmächte Staat und Kirche" (S. 15) durchleuchten und Nachwehen des tiefen Zerwürfnisses ausloten, das im Jahr 1887 offiziell beendet war. Die Bischofswahlen, bei denen gemäß den Konkordaten weltliche Regierungen zumindest mitentscheiden und unliebsame Kandidaten ablehnen konnten, sind dafür zweifellos exemplarisch: "Die Alarmglocken der Staatsbehörden schrillten bei dem Wort Bischof", und bei den Ernennungen dieser Kleriker "bricht sich wie in einem Brennglas das fundamentale Interesse beider Parteien" (S. 45).
Hirschfeld präsentiert knapp 90 Einzelanalysen. Er nahm alle Bischofswahlen von damals nahezu 30 deutschen Erzbistümern, Bistümern und Administraturen in dem abgesteckten Zeitraum detailliert unter die Lupe - eine Arbeit von beachtlichem Umfang. Mit Stichproben wollte sich der Autor nicht begnügen. Aufgrund der Fülle an Einzelbefunden kann er am Ende uneingeschränkt feststellen, dass "der Konflikt auf dem Feld der kirchlichen Personalpolitik in allen Staaten des Deutschen Reiches bis zum Ersten Weltkrieg unvermindert andauerte" (S. 833). Wer derart unbeirrt dem Vollständigkeitsdiktat stattgibt, könnte auch eine quantifizierende Analyse anstellen. Auf statistische Auswertungen verzichtet Hirschfeld. Er besuchte zehn Bistumsarchive und 18 staatliche Archive in Deutschland und Österreich, darüber hinaus recherchierte er in den Archiven des Vatikans sowie in Breslau und Metz.
Die annähernd 90 quellennahen Einzeluntersuchungen von Bischofswahlen bestehen in der Regel aus einer Schilderung der Ausgangslage, aus aussagekräftigen Biogrammen über jeden einzelnen Kandidaten sowie einem Abriss über den Wahlausgang. Dass die 14 Diözesen des Königreichs Preußen 450 Textseiten in Anspruch nehmen, die zwei Erzbistümer und sechs Bistümer Bayerns (inklusive Speyer) lediglich 100 Seiten, deutet auf eine ungleiche Gewichtung hin. Allerdings hängt dieses Ungleichgewicht nicht zuletzt mit den unterschiedlichen Bestimmungen zur Bischofskür zusammen. Während in preußischen Bistümern die Domkapitel wählten, nachdem der König oder einer seiner Regierungsvertreter eine von den Domkapitularen selbst nominierte Kandidatenliste bewertet hatte, wurden die Bischöfe in Bayern obrigkeitlich ernannt. Gerade den Bewertungen der Listen in preußischen Bistümern liegen umfangreiche Korrespondenzen zugrunde, in denen die Behörden Informationen über die Kandidaten einholten. Man wollte staatsloyale Geistliche und keine Ultramontanisten auf diesen wichtigen Stellen.
Bei den nicht-bayerischen Bistümern geht Hirschfeld auch explizit auf brisante Weihbischofsernennungen ein; für Bayern kann er die Weihbischofsfrage pauschal in einer übersichtlichen Synopse klären, da der Staat bei der Auswahl von Weihbischöfen nicht mitredete. Als jedoch der Regensburger Bischof Ignaz von Senestrey seinen eigenen Bruder Andreas von Rom zum Weihbischof befördern lassen wollte, schaltete sich die Staatsregierung ein und konnte die Berufung verhindern.
Die Kriterien, nach denen sich der bayerische König bei der Auswahl eines neuen Bischofs richten musste, waren denkbar vage definiert: "Würdig" und "tauglich" mussten die favorisierten Geistlichen laut Konkordat sein. Als sondierende und dadurch vorentscheidende Instanzen bei der Suche nach genehmen Klerikern wirkten das Kulturministerium und das Ministerium des Äußeren. Waren bayerische Oberhirten ernannt und vom Papst präkonisiert, stiegen sie in den Personaladel auf. Nach Hirschfelds Ansicht "gestaltete sich der Einfluss auf die Bischöfe hier so stark wie - sieht man einmal von Österreich ab - in keinem anderen der deutschsprachigen Staaten" (S. 662). Bemerkenswert sind die innerkirchlichen Briefwechsel zu manchen Personalentscheidungen, die Hirschfeld im Vatikanischen Geheimarchiv auftat. Über den Münchener Theologieprofessor und Staatsfavoriten auf den Bamberger Erzbischofsstuhl Joseph Schönfelder zum Beispiel trug der päpstliche Nuntius Gründe zusammen, die gegen ihn sprachen. Für ungeeignet, das Erzbischofsamt auszuüben, wurde Schönfelder unter anderem deshalb erklärt, weil er dem exkommunizierten Theologen und Romkritiker Ignaz von Döllinger zum 90. Geburtstag gratuliert und dem Begräbnis eines altkatholischen Priesters beigewohnt hatte. Schönfelder wurde nicht Erzbischof. Bei der Besetzung des Augsburger Bischofsstuhls wiederum sammelte die Nuntiatur Argumente gegen Maximilian Lingg: Eine angebliche sexuelle Beziehung von dessen Schwester mit einem Geistlichen wurde ins Feld geführt, die Linggs Ernennung unmöglich machen sollte - doch hier blieben die Bemühungen des ultramontanen Klerus erfolglos. Die Staatsbehörden behaupteten sich, Lingg wurde Bischof.
Hirschfeld liest aus den Quellen zu den bayerischen Bischofsernennungen zwischen 1887 und 1914 einen fortdauernden und tiefen Argwohn auf beiden Seiten. Wenn etwa das Amtsblatt der Kurie mit der Verwendung des Verbs "eligere" vermeldete, der Papst habe einen Bischof erwählt, interpretierten bayerische Politiker und Beamte dies noch im Jahr 1912 als Angriff auf das Konkordat und verwahrten sich gegen eine solche Wortwahl. Schließlich wählte der König den Bischof. Die Summe an Differenzen wie dieser veranlasst Hirschfeld zu dem Urteil, dass der Antagonismus des Staates und der katholischen Kirche in Bayern nach dem Kulturkampf unvermindert fortwährte, auch wenn er sich dann nicht mehr in öffentlichen Verbalschlachten niederschlug, sondern hinter den Kulissen. Eine bis dato gängige Forschungsmeinung, die sich in einem Beitrag von Egon Johannes Greipl im Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte manifestiert, ist nach Hirschfelds Erkenntnissen zu revidieren, nämlich dass die Ernennungen von Bischöfen vergleichsweise unproblematisch verlaufen seien; letztlich sei auch das "Urteil zu modifizieren", wonach seit 1890, wie Greipl zitiert wird, "die Kluft zwischen Staatsloyalität und Kirchenloyalität zusehends flacher wurde" (S. 832).
Die Geschichtswissenschaft ist mit dieser Untersuchung um die Erkenntnis reicher, dass der Kulturkampf lange nachbebte - mindestens bis 1914. Für die weitere Forschung wird Michael Hirschfelds enzyklopädische Studie von großem Nutzen sein. Auch die katholische Dogmatik könnte sich dafür interessieren.

Erschienen am 06.06.2014

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