Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Andrea Stieldorf

Marken und Markgrafen. Studien zur Grenzsicherung durch die fränkisch-deutschen Herrscher

(MHG Schriften 64), Hannover 2012, Hahnsche Buchhandlung, CX, 623 Seiten

Rezensiert von Roman Deutinger (Erding)      PDF-Datei


Die Einschätzung der politischen Struktur des hochmittelalterlichen Reichs hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Glaubte man früher an ein ausgewogenes System staatlicher Verwaltung mit klaren Hierarchien und ebenso klaren Zuständigkeiten innerhalb eines auf den König ausgerichteten Apparates von Amtsträgern, so sieht man heutzutage eher ein überaus labiles, oft genug auch gestörtes Gleichgewicht von persönlichen und familiären Interessen der Fürsten, personale Netzwerke des Adels, Streben nach Rang und Ehre, demonstrative Inszenierungen von Über- und Unterordnung sowie bloß vage abgegrenzte, immer wieder neu zu konkretisierende Aufgabenfelder der Amtsträger am Werk. Weitgehend unbeeinflusst von dieser radikalen Neudeutung war bislang die Vorstellung, die man sich von den Markgrafschaften machte; man sah und sieht die Marken als räumlich definierte Amtsbereiche der Markgrafen, welche ihrerseits mit bestimmten, vornehmlich militärischen Kompetenzen ausgestattet waren, um ihrer Aufgabe, der Verteidigung des Reiches gegen äußere Feinde, nachkommen zu können. Da die ersten Markgrafen am Beginn des 9. Jahrhunderts unter Karl dem Großen in den Quellen auftauchen, sieht man ihn als den Schöpfer dieses Systems an, das dann ohne große Veränderungen bis ins 12. Jahrhundert Bestand hatte.
Mit dieser vertrauten Vorstellung räumt die vorliegende Bonner Habilitationsschrift gründlich auf. Die Untersuchung gliedert sich in drei große Teile, von denen jeder für sich genommen schon ein eigenes Buch abgeben könnte. Der erste Teil (S. 36-187) verfolgt den Gebrauch des Quellenbegriffs "marca" bzw. "marchia" vom 6. bis zum 12. Jahrhundert, mit dem Ergebnis, dass damit stets nur ganz allgemein eine Grenze oder ein Grenzraum bezeichnet wird, nicht eine administrative Einheit. Erst um die Mitte des 11. Jahrhunderts wandelt sich der Begriffsgebrauch; erst seit dieser Zeit wird eine Mark als der Amts- und Herrschaftsbereich eines Markgrafen definiert.
Der zweite Teil (S. 188-349) wendet sich dann der Verwendung des Quellenterminus "marchio" zu. Auch hier ist seit dem Ende des 11. Jahrhunderts eine deutliche Veränderung im Gebrauch dieses Titels feststellbar: Bis dahin bezeichnete er eine nicht näher definierte Führungsrolle eines Adligen im Grenzraum, ohne freilich konsequent für diesen Zweck genutzt zu werden, während der eigentliche Amtstitel auch für die Grenzgrafen das allgemeine "comes" blieb. Seither bezeichnete "marchio" (oder seit dem späten 12. Jahrhundert häufiger auch "margravius") einen bestimmten Rang innerhalb der Gruppe der Reichsfürsten; damit löste sich der Titel von seinem ursprünglichen Bezug zur Grenze. Bezeichnenderweise taucht zur selben Zeit auch erstmals der Titel "marchionissa" für die Frau eines Markgrafen auf, der eben nicht mehr als Amtsbezeichnung, sondern als hochadliges Rangprädikat zu verstehen ist (S. 293f.).
Der dritte Teil (S. 350-586) schließlich stellt zusammen, was man über die tatsächliche Sicherung der Reichsgrenzen durch die Herrscher vom 9. bis zum 12. Jahrhundert weiß. Hier ist zu sehen, dass die Könige diese Aufgabe die meiste Zeit über keineswegs delegierten, sondern selber in die Hand nahmen; erst seit dem 11. Jahrhundert werden sie allmählich "aus der Peripherie verdrängt" (S. 582). Dies liegt vornehmlich daran, dass ihr Eingreifen schlichtweg immer seltener notwendig wurde, weil die Grenzen selbst im Lauf der Zeit stabiler wurden: Die Markgrafschaften verloren ihren Charakter als Frontgebiete und etablierten sich als selbständige Fürstentümer. Überhaupt ist es problematisch, den Marken grundsätzlich eine Verteidigungsfunktion zuzuschreiben, denn eine wirkliche Bedrohung des Reichs von außen hat eigentlich nie bestanden. Vielmehr ging es um die Kontrolle des Vorfelds der Reichsgrenze im Osten mit seinen zahlreichen, politisch kaum organisierten, überwiegend slawischen Völkerschaften.
Insgesamt kann also von einem dauerhaften System der Grenzverteidigung, das von Karl dem Großen geschaffen worden wäre, von einer regelrechten "Markenorganisation", keine Rede sein. "Es gab kein institutionalisiertes System der Grenzsicherung, das für alle Randzonen des karolingischen Reiches gleichermaßen ausgesehen hätte" (S. 420), und das gilt analog für die ottonische, salische und staufische Zeit. Dieses fundamental wichtige Ergebnis überzeugt umso mehr, als die Autorin es aus detaillierter Auswertung eines sehr umfangreichen Quellenmaterials bei gleichzeitig intensiver Auseinandersetzung mit der einschlägigen Forschung gewinnt, was auch in einem beeindruckenden Quellen- und Literaturverzeichnis von 97 Seiten zum Ausdruck kommt. Sowohl im Grundsätzlichen als auch bei der Interpretation einzelner Quellenstellen setzt das Buch neue Maßstäbe, von der jede künftige Beschäftigung mit dem Thema wird ausgehen müssen.
Die Darstellung liest sich trotz ihres Umfangs flüssig, ist auch in den Details sehr um Sorgfalt bemüht, auch wenn man gerade aus bayerischer Sicht ein paar kleine, unbedeutende Versehen monieren könnte: So gibt es keinen Fluss, sondern nur eine Stadt mit dem Namen Wels (S. 442f., 521), die sogenannten Ranshofener Gesetze sind mehrfach mit einem Passauer Weistum vom Ende des 10. Jahrhunderts verwechselt (S. 159f., 524) und "Hofmark" ist ein spezifischer, spätmittelalterlich-frühneuzeitlicher Rechtsbegriff, den man nicht einfach an die Stelle von "Gemarkung" setzen sollte (S. 150, 160 u.ö.).
Grundsätzlich bleibt allerdings zu überlegen, ob man nicht im Unterschied zur vorliegenden Untersuchung, die ja vom Ansatz her mehr um die großen Linien bemüht ist, durch landesgeschichtliche Tiefenbohrungen doch noch mehr über das konkrete Wirken der Markgrafen in ihren jeweiligen Herrschaftsräumen in Erfahrung bringen könnte; die Autorin stützt sich in dieser Frage notgedrungen bloß auf vorhandene Überblickswerke. Vielleicht ergäben sich dadurch noch deutlichere Unterschiede in der Struktur der einzelnen Marken, eventuell auch zeitliche Differenzierungen im Hinblick auf ihre Entwicklung zu dauerhaften Fürstentümern. Die Grundthesen des Buchs würden dadurch wahrscheinlich sogar noch plausibler.

Erschienen am 23.06.2014

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