Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Karina Garhammer

Das Bistum Passau unter Bischof Joseph Franz von Weckert (1876-1889)

(Veröffentlichungen des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen der Universität Passau 64), Passau 2012, Klinger, IX, 399 Seiten

Rezensiert von Rudolf Neumaier (München)      PDF-Datei


Im Mittelpunkt der Abhandlung von Karina Garhammer steht nicht das Bistum Passau, wie der Titel vermuten ließe, sondern der Passauer Bischof Joseph Franz von Weckert selbst. Es handelt sich bei dieser Arbeit um eine vom Department für Katholische Theologie der Universität Passau angenommene Dissertation, mithin um einen kirchengeschichtlichen Beitrag. Er wurde mit dem Bistumsgeschichtlichen Förderpreis der Diözese Augsburg ausgezeichnet, was mit Weckerts Herkunft aus jenem Bistum zusammenhängen dürfte.
Aus Sicht eines Historikers weist die Studie schon auf den ersten Blick einen ungewöhnlichen Aufbau auf, da eine klassische Einleitung gänzlich fehlt, wie sie in vergleichbaren Qualifikationsarbeiten der Profangeschichtswissenschaft üblich ist, um Forschungsstand, Methoden und womöglich sogar Thesen darzulegen und die Quellenauswahl zu begründen. Zum Forschungsstand findet sich im kurzen Dankesvorwort allein der Hinweis auf eine "bisher bestehende Lücke in der Erforschung der Geschichte des Bistums Passau". Auf methodische Präliminarien verzichtet die Autorin ganz. Stattdessen gibt sie zum Einstieg einen kurzen Abriss über die Passauer Bistumsgeschichte von 1817 bis zum Tod des Bischofs Heinrich von Hofstätter.
Hofstätter, Passauer Oberhirte von 1838 bis zum Jahr 1875, war weit über sein Bistum hinaus als Autokrat bekannt und gefürchtet, seine Kritiker bezeichneten ihn sogar als Despoten. Dieser Kleriker, der, wie Garhammer in einer Fußnote anmerkt, auf dem Fußboden schlief mit dem Brevier als Kopfkissen und seinen geistlichen Mitbrüdern die gleiche Bereitschaft zur Askese abverlangte, prägte eine Ära im Bistum Passau. Von seinem Nachfolger Weckert kann man das nicht behaupten. Ob dies allein an der vergleichsweise kurzen Zeit seines Wirkens liegt? Weckert war 13 Jahre lang Bischof. Die Biographin scheint ein Urteil über sein Profil und eine klare Einordnung zu scheuen. Im Vergleich zum übrigen bayerischen Episkopat wirkt er geradezu extravagant.
Der "Versuch einer Bilanz" als Schlussteil dieser Arbeit erinnert an einen Nekrolog. Hier bemerkt Garhammer, dass der als Theologe gering reputierte Weckert "letztlich als ,ein Kind seiner Zeit' - der Zeit des Kulturkampfes in Bayern anzusehen" sei, und platziert vor der Mutmaßung "vielleicht war Weckert nicht der geborene Bischof" Feststellungen wie "mit den besten Absichten hatte er versucht, (...) junge Geistliche im Bistum Passau zu halten" sowie "auch bei der Errichtung der Emeritenanstalt (...) hatte er sicher nur das Beste für die Geistlichen seines Bistums im Sinn gehabt". Darüber hinaus hätten gesundheitliche Beschwerden "sein bischöfliches Wirken zu einem dornenreichen Weg" (alle Zitate S. 351-354) gemacht. In diesem Rahmen bewegen sich Garhammers Analysen.
Auch innerkirchliche Gegner setzten dem staatskonformen Joseph Franz von Weckert zu. Offenbar auf Empfehlung des in ultramontanen Klerikerkreisen äußerst umstrittenen Bamberger Erzbischofs Friedrich von Schreiber hatte ihn König Ludwig II. zum Bischof nominiert. Zuvor war Weckert lange Zeit Domvikar in Augsburg, dann Domkapitular. Im Alter von 53 Jahren wurde er im April 1876 zum Bischof geweiht. Von Anfang an sah er sich Angriffen von der ultramontanen Seite ausgesetzt. Karina Garhammer macht als Gegenspieler hauptsächlich den Rom ergebenen Teil der Presse aus. Ein beträchtlicher Teil ihrer Quellenarbeit bezieht sich in diesen Fragen auf die Auswertung von Zeitungen, die zur Zeit des tobenden Kulturkampfes in kirchenpolitischen Fragen äußerst rege berichteten und kommentierten. "Geistlicher Bureaukrat" war noch eine vergleichsweise freundliche Bezeichnung böswilliger Kommentatoren, die so weit gingen, Weckert Depressionen und Karbunkelgeschwüre nachzusagen. Die spannende Frage nach den Hintermännern dieser teilweise infamen Angriffe auf Weckert blendet Garhammer weitgehend aus. Einerseits stellt sie die Zeitungen als desinformiert, unsachlich und tendenziös dar, andererseits stützt sie sich zum Beispiel bei der geradezu minutiösen Schilderung der letzten Tage des moribunden Oberhirten doch auf die Presse als wichtige Quelle. Dass sie bei der geplanten Demission Weckerts und beim "Kandidatenpoker" (S. 57) - gemeint ist die über mehrere Monate offene Frage der Hofstätter-Nachfolge - eine veritable Presseschau vorlegt, obwohl sie den zitierten Druckerzeugnissen keinen Glauben schenkt, irritiert bei der Lektüre. Hätten die Archive in Rom, Passau und München, in denen die Verfasserin recherchierte, zu diesen Themenkomplexen nicht stichhaltigere Quellen zu bieten? Diese Frage muss offen bleiben, da die Quellenlage nicht erörtert wird.
Dem Königshaus, das ihn zum Bischof erwählt hatte, hielt Weckert die Treue, den Ultramontanen bot er die Stirn. Und in seinem Bistum läutete er nach dem strengen Regiment Hofstätters eine Wende ein, mit der mancher überfordert war. Wenn sich ältere Priester über allzu leutselige jüngere Mitbrüder beklagten, weil diese mit dem Volk zechten, gab Weckert zur Antwort, auch die jungen Männer sollten nicht gelegentlicher Vergnügung entbehren. Der Bischof selbst begab sich ebenfalls gern in Wirtshäuser, rauchte eine Zigarre und trank Bier. Wollte er in seiner Wohnung Unterhaltung, lud er einen Seminaristen ein - auch wenn der auf solche Treffen nicht erpicht war und es eines Vorwandes bedurfte, um den Jüngling in die bischöflichen Gemächer zu zitieren. Und wenn Karina Garhammer den Bischof als Gegner des konservativen katholischen Dresscodes beschreibt, der seine Amtskollegen am Bahnhof nicht in der Soutane empfing, sondern mit Zylinder und Gehrock, entsteht im Auge des Lesers eine Priestergestalt aus der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das erst achtzig Jahre später begann. Ein Kind seiner Zeit? Weckert war seiner Zeit in gewisser Weise voraus - er unterstützte nicht nur den Liberalismus, innerkirchlich lebte er ihn sogar vor.
In der Auslegung der kirchlichen Lehre gab er sich dennoch keine Blöße. Die noch taufrische päpstliche Unfehlbarkeit vertrat er nach außen ebenso wie er in Hirtenbriefen den außerehelichen Geschlechtsverkehr verurteilte. Wie das Ordinariat kummervoll konstatierte, stieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zahl der unehelichen Kinder im Bistum merklich, die Volksfrömmigkeit nahm ab. Und auch die Zahl der Priester sank. Dieses Problem beschäftigte Weckert nachhaltig. Das Ordensleben oder das Priesteramt in einem anderen, größeren Bistum, wo man schneller zum Pfarrherr aufsteigen konnte, erschien manchem jungen Geistlichen attraktiver. Versuche, die Priesterabwanderung zu unterbinden, führten zu einem Tauziehen zwischen dem Passauer Bischof und Jungklerikern. Die Causa landete bei Papst Leo XIII., der sie salomonisch löste.
Karina Garhammer gewährt mit ihrer quellenreferierenden Erzählart viele Einblicke in Joseph Franz von Weckerts Wirken. Ihrer Arbeit hat sie sechs statistische Tabellen zur Entwicklung des Bistums angefügt. Urteile über diesen Bischof muss sich der Leser jedoch weitgehend selbst bilden.

Erschienen am 13.06.2014

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