Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Sönke Lorenz / Peter Rückert (Hg.)

Wirtschaft, Handel und Verkehr im Mittelalter. 1000 Jahre Markt- und Münzrecht in Marbach am Neckar

(Tübinger Bausteine zur Landesgeschichte 19), Ostfildern 2012, Thorbecke, X, 198 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Adelheid Krah (Wien)      PDF-Datei


Die Schillerstadt Marbach hat gemeinsam mit dem Verein der Freunde und Förderer des Instituts für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Tübingen und dem Württembergischen Geschichts- und Altertumsverein die 1000-jährige Wiederkehr der Bestätigung des Marktrechtes für die Stadt Marbach vom 17. März 1009 durch Kaiser Heinrich II. mit einem wissenschaftlichen Symposium gefeiert, dessen Beiträge nunmehr im Druck vorliegen. Diese Bestätigung wurde 37 Jahre nach der Erstnennung von Marbach im Testament des Diakons Wolvald ausgestellt; schon allein dieser Kontext lässt einen raschen Aufschwung von Marburg und des deutschsprachigen Westens am Ende der ottonischen Epoche erahnen.
Steffen Patzold nahm ausgehend von einem von ihm revidierten frühen Aufsatz von Hagen Keller von 1982 die Politik Heinrichs II. unter die Lupe, wobei der Westen dem Bayern Heinrich eher ungelegen war und er den einzigen im Herzogtum Schwaben abgehaltenen Hoftag im östlichen Außenposten in Augsburg mit bayerischen Diözesanteilen abhielt, wo sein Bruder Bruno als Bischof firmierte. Doch lag Marbach an einer Schnittstelle kirchlicher und weltlicher Einflussbereiche und im von Heinrich II. deshalb geförderten Bistum Speyer, worauf Stephan Molitor (S. 19-33) hinweist, indem er die Grenzzone zwischen den alemannischen und fränkischen Siedlungsräumen näher beleuchtet. So erscheint es nur eine politisch logische Folge zu sein, dass Heinrich am 17. März 1009 in der Tradition seiner Vorgänger handelnd dem Bistum Speyer einträgliche Hoheitsrechte in Marbach verlieh.
Thomas Zotz (S. 35-51) widmet seine kleine Studie dem Thema "Marbach im Kontext der königlichen Privilegien der Ottonenzeit" und hier explizit der ottonischen Marktpolitik entsprechend der Trias von Markt, Münze und Zoll mit Wiederabdruck der von Friedrun Hardt-Friederichs 1980 publizierten topographischen Karte der Ersterwähnungen von Privilegien der ostfränkischen und ottonischen Könige und Kaiser sowie seiner eigenen Studie zur Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechtes durch Kaiser Otto III. für den Ort Villingen und dessen Reichweite. Er kommt zu dem Fazit, dass Marbach mit der Marktlizenz für Speyer zu der Kategorie eines Außenmarktes gehört.
Peter Rückert hat Wirtschaft und Verkehr am mittleren Neckar im Hochmittelalter untersucht (S. 53-73) mit den Zentren Esslingen, Heilbronn, Wimpfen, Cannstatt, Marbach, wobei Marbach am Handelsweg von Ulm nach Esslingen und von Wimpfen nach Speyer liegt und damit als Marktflecken wie auch für Wallfahrten schon früh von Interesse sein musste.
Sönke Lorenz hat anschließend detailreich die Entwicklung von Marbach als Stadt des Hochmittelalters sowie den Territorialisierungsprozess des Landes an Neckar und Murr in der Auseinandersetzung der Grafen von Teck und Württemberg dargestellt. Der wichtige Punkt der Münzprägungen und der Geldwirtschaft wurde von Michael Matzke und Ulrich Klein behandelt, wobei zunächst von Matzke (S. 93-113) Münzprägungen und Geldumlauf im schwäbisch-fränkischen Grenzbereich behandelt sind; er betont die Bedeutung des Marbacher Münzprivilegs von 1009, das weniger den Anlass in einer Behebung der Speyrer-Wormser Geldkrise gehabt hätte als vielmehr in einer Stärkung der Grundlage für den Marbacher Markt. Ulrich Klein (S. 114-144) schlägt einen großen Bogen von den römischen Kupfermünzen bei Marbach bis hin zum Marbacher Notgeld von 1918-1923 und den Gedenkmünzen des Schillerjahres. Wertvoll ist der Anhang dieses Beitrags mit Tabellen zur Funddokumentation und den Münzabbildungen sowie einem Abkürzungsverzeichnis zur verwendeten Spezialliteratur.
Die Beiträge von Ulrich Knapp über die Alexanderkirche in Marbach im Kontext politischer Umbrüche des späten Mittelalters (S. 145-169) und Hartmut Schäfer, Archäologische Untersuchungen in Marbach (S.171-188) zur Alexanderkirche, der Stadtburg in Marbach und zur städtischen Ansiedlung runden den Band ab.
Insgesamt liegt mit ihm eine schöne und homogene Studie zur Entstehung eines wichtigen Marktes und wirtschaftlichen Handelsplatzes im deutschsprachigen Südwesten vor, welcher aufgrund seiner Lage und Zugehörigkeit zum Bistum Speyer schon früh privilegiert wurde und seine Rolle und Bedeutung zwischen dem schwäbischen, dann württembergischen, aber auch dem fränkischen und rheinfränkischen Raum über Jahrhunderte in der Geschichte behaupten konnte.

Erschienen am 05.08.2014

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