Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Achim Aurnhammer / Wolfgang Braungart / Stefan Greuer (Hg.)

Stefan George und sein Kreis. Ein Handbuch

Berlin 2012, De Gruyter, 3 Bde., 1868 Seiten

Rezensiert von Kay Ehling (München)      PDF-Datei


Für Stefan George, der sein Leben auf Wanderschaft verbracht hat, und im Rhythmus der Jahreszeiten zwischen Ländern und Städten wechselte, war München mit Berlin, seiner Heimatstadt Bingen, Heidelberg und Marburg die wichtigste deutsche 'Pfalz'. In die Stadt an der Isar kam George zum ersten Mal im Jahr 1891, wo er bei seinem Bruder in der Pappenheimstraße wohnte. Im Wintersemester 1893/94 studierte George an der Ludwig-Maximilians-Universität und lernte am 12. Oktober 1893 den Darmstädter Karl Wolfskehl kennen, der zu einem seiner wichtigsten Freunde, Förderer und Wohltäter werden sollte. Von 1901 bis 1919, also fast zwei Jahrzehnte lang, wohnte der Dichter zu Beginn jeden Jahres bei den Wolfskehls erst in der Leopoldstraße 51 bzw. 87, dann ab 1909 im 'Kugelzimmer' der Römerstraße 16. Ebenfalls im Jahr 1893 hatten sich George und der gebürtige Hannoveraner Ludwig Klages in einer Pension Ecke Heß-/Luisenstraße kennen gelernt, und 1897 machte Klages George mit einem weiteren Wahlmünchener, dem Mainzer Alfred Schuler bekannt. Dieser Kreis sollte als 'Kosmiker' in die Schwabinger Erinnerungs- und deutsche Literaturgeschichte eingehen. So schildert Thomas Mann in der Novelle "Beim Propheten" aus dem Jahr 1904 in ironischer Weise eine Lesung bei dem den Kosmikern nahestehenden Ludwig Derleth, und in Franziska Gräfin zu Reventlows "Herrn Dames Aufzeichnungen" aus dem Jahr 1913 treten Wolfskehl als 'Professor Hofmann', Klages als 'Hallwig' und Schuler als 'Delius' auf. In diesem viel zitierten Roman wird in großzügigen Künstlerateliers über Schwabing als 'Wahnmoching', in dem alles 'enorm' ist, gesprochen und über Nietzsche, Apollon, Dionysos, Bachofen, Ludwig II., 'Sonnenknaben', 'Blutleuchten', 'Hetärismus', 'Substanzangelegenheiten', 'kosmische Dinge' mehr spekuliert als ernsthaft philosophiert. Durch das von Roderich Huch 1944 verfasste Bändchen "Alfred Schuler, Ludwig Klages, Stefan George" lernt man eins der berühmten Münchener Sonnenkinder kennen, von dem wie selbstverständlich erwartet wurde, dass es als Jüngling sterben müsse. Mit der für sich geprägten Maxime "Lerne blühen ohne zu reifen", wurde Roderich Huch dann aber wenigstens vierundsechzig Jahre alt. Während Franziska Reventlow, die von Klages sagte, er sei der einzige Mensch gewesen, mit dem sie fliegen konnte, für die 'Kosmiker' die vollkommene Verkörperung der heidnischen Madonna war, erscheint Wolfskehl bei Huch als dionysischer Zeus, Schuler als Clown und George als jemand, der dem ganzen Treiben gegenüber immer auf Distanz blieb. Klages war sich deshalb sicher, dass George nicht tief zu lieben verstünde. Aber auch in den Erinnerungen anderer Münchener, die nicht Georges engerem Kreise angehörten, tauchen der 'Meister' und seine Getreuen auf. So sah der Historiker Karl Alexander von Müller den Dichter in der Friedrichstraße spazieren gehen, hörte während des Ersten Weltkriegs die legendären Hölderlin-Vorträge Norbert von Hellingraths und wurde durch Friedrich Wolters in das 'richtige' Lesen von George-Versen eingeführt.
München war für Stefan George aber nicht nur eine Stadt, "wo geister noch zu wandern wagen" (Sämtliche Werke, VI/VII 179), sondern die "stadt die einen gott geboren!" (SW VI/VII 99): Maximin. Im Februar 1902 war der Dichter dem 13-jährigen Gymnasiasten Maximilian Kronberger auf der Leopoldstraße begegnet. Sein früher Tod am 15. April 1904, einen Tag nach seinem 16. Geburtstag, sollte George, wie er schrieb, "an die lezten Klüfte hinführen".
Das hier vorzustellende dreibändige Handbuch gliedert sich in vier Teile: Teil I ist Georges Leben, Werk, Kreis und Verlagsbeziehungen gewidmet. Teil II behandelt systematische Aspekte, wie Georges Poetik-, Kunst-, Wissenschafts- und Politikverständnis, Medienstrategien, Sozialverhalten, die Rituale und Strukturen des Kreises. Im III. Teil stehen Rezeption und Wirkung des Georges-Kreises in Kunst, Wissenschaft und Politik im Mittelpunkt. Der IV. Teil, an dem über 80 Autoren mitgewirkt haben, umfasst 168 Artikel zu Personen, die dem engeren oder weiteren Kreis um George angehört haben (vgl. S. 1).
Wer es versäumt hat, die 2007 erschienene Biographie von Thomas Karlauf zu lesen, oder wem die 816 Seiten einfach zu ausführlich sind, der wird durch die von Kai Kauffmann verfasste biographische Skizze zum Leben Georges bestens unterrichtet (S. 7-94). Im Herbst 1928 erschien, zum 60. Geburtstag des Dichters, als Band 9 der Sämtlichen Werke Georges letzter Gedichtsband mit dem Titel "Das Neue Reich". E. Osterkamp macht darauf aufmerksam, dass dieser "eine Reichsutopie von welthistorischer Bedeutung ankündigende und radikal einheitsstiftende Titel" erst kurz vor Drucklegung gefunden wurde (S. 204). Der Band enthält nur wenige neue Gedichte (S. 205). Mit dem bereits 1909 publizierten Gedicht "Goethes lezte Nacht in Italien", wird "Das Neue Reich" eröffnet; es markiert den Abschied vom Weimarer Dichter (S. 207) und die Hinwendung zu Hölderlin (S. 208). J. Egyptien betont, dass es nie nur einen George-Kreis gab, sondern im Laufe der Jahrzehnte verschiedene Kreise. Als "literatursoziologisches Phänomen" konstituierte sich der (erste) Kreis im Herbst 1905 (also nach der Kosmiker-Krise), als George in Berlin mit der Gruppe um den Historiker und Kulturphilosophen Kurt Breysig zusammenkam, der Friedrich Wolters, Berthold Vallentin und Kurt Hildebrandt angehörten (S. 377f.). Die bedeutendsten Gefährten, Friedrich Gundolf und Friedrich Wolters, bildeten seit der Zeit des Ersten Weltkriegs in ihrem universitären Umfeld eigene Kreise (S. 365), aus denen einzelne Mitglieder gleichsam als 'Enkel? dem 'Meister? 'zugeführt? wurden. Nicht verschwiegen werden sollte, dass einige aus dem Kreis der Jüngsten dem aufsteigenden Nationalsozialismus mit Sympathien begegneten, so die Stauffenberg-Brüder, Alexander, Berthold und Claus und deren Vetter Woldemar Graf von Uxkull-Gyllenband (S. 403; 405). Die Publikation von Georges Gedichtsbänden erfolgte ab 1899 bei dem in Berlin ansässigen Verlag von Georg Bondi. In einem Brief an Hugo von Hofmannsthal vom 22. September 1898 bringt George seine Wertschätzung für G. Bondi zum Ausdruck, wenn es heißt: "Ich stehe ihm nun persönlich näher und kann ihn ebenso als vornehmen verleger wie als entgegenkommenden menschen empfehlen und als einzigen ... hierzulande der auf eine geschmackvolle ausstattung wert legt" (S. 433). Wie Christine Haug und Wulf D. von Lucius ausführen, erwies sich die Zusammenarbeit jedoch zunehmend als schwierig, weil der auf Reisen befindliche Dichter oft nur schwer oder gar nicht erreichbar war, aber über jeden Schritt unterrichtet werden wollte, was zu Druckverzögerungen führte und Bondi Zusatzkosten verursachte (S. 439ff.; 448). Mitte der 20er-Jahre wurde bei Anton Kippenberg eine Gesamtausgabe der Werke Rilkes in Angriff genommen; es folgte S. Fischer mit einer Gesamtausgabe Gerhart Hauptmanns und Thomas Manns, und so drängte Bondi auf eine Werkausgabe zu Georges 60. Geburtstag am 12. Juli 1928. Pläne dazu bestanden seit 1912 (S. 450f.). Verkauft wurden die Bücher der genannten Autoren in sogenannten Bücher- und Lesestuben, einem "neuen Typus von Ladengeschäft, das seit der Jahrhundertwende zunehmend an Bedeutung gewann" (S. 425). In München waren dies etwa die Sortimentsbuchläden von Heinrich Jaffe in der Briennerstraße gegenüber dem Café Luitpold oder die "Bücherstube" von Horst Stobbe am Siegestor (S. 425ff.).
Zu den in Band 2 angesprochenen, systematischen Aspekten gehört das von Michael Thimann untersuchte Thema 'George und die Kunst? (S. 551-584). Der Dichter bewunderte die griechische Plastik und die römische Porträtkunst, Maler wie Fra Angelico und die Porträtmaler der Renaissance (S. 560). Von den neueren Künstlern schätzte er Arnold Böcklin und Ludwig von Hofmann (S. 553; 561f.). Modernen Kunstströmungen wie Impressionismus, Kubismus und Expressionismus stand George ablehnend gegenüber (S. 559f.). Früh haben die Georgeaner erkannt, dass sich der Dichter meisterlich im Medium der Photographie in Szene setzen ließ. Die bekannten Porträtaufnahmen des aus Bingen stammenden, ehemaligen königlich-bayerischen Hofphotographen Theodor Hilsdorf (1868-1944) stellen George bevorzugt - unnahbar und den Betrachter ausschließend - im Profil dar (S. 569). Der für den Dichter und seinen Kreis fundamentalen Antikenrezeption nimmt sich Christian Oestersandfort an (S. 647-671). Kein antiker Autor ist so intensiv gelesen, übersetzt und diskutiert worden wie Platon. Dessen Ausführungen zum Eros, seine Ideenlehre, Demokratie-Skepsis und konservative Staatsphilosophie "ließen den attischen Philosophen zum 'Kronzeugen? für die Entwicklung des George-Kreises und für seine soziologischen, pädagogischen und philosophischen Konzepte werden" (S. 648). Aber Platon galt im Kreis "nicht allein als Philosoph, sondern vielmehr als Künstler, seine Dialoge als literarische Kunstwerke" wie es richtig heißt (S. 657). Nicht zu unterschätzen ist darüber hinaus der Einfluss des epikureisch gesinnten, römischen Dichters augusteischer Zeit Horaz (S. 649ff.). Georges lyrisches Werk ist von dessen kairologischem Konzept (carpe diem) durchzogen (S. 657). Das Georgesche 'schöne Leben? kann im "Kontext der allgemeinen Suche nach Kunst- und Lebensreformen" um 1900 verstanden werden (S. 667). Das Spezifische ist dabei die Berufung auf Platon und die Orientierung an dessen "Symposium", das gleichsam gelebt wurde. So konnte Percy Gothein das Heidelberger Pfingstreffen von 1919 als "fest" bezeichnen, "das 'seit zweitausend jahren und drüber nicht mehr auf erden gefeiert? worden sei, denn auf diese Weise sei es zuletzt in 'Platons Akademosgarten? möglich gewesen" (S. 668). Wie Jan Andres darlegt, lag die Ursache für die Kosmiker-Krise im Winter 1903/4 nicht nur in den unterschiedlichen ästhetischen Konzepten Georges auf der einen und Schulers und Klages auf der anderen Seite, sondern in jenem "im manichäischen Denken begründeten Antisemitismus, der sich vor allem von Klages aus gegen Wolfskehl richtete" (S. 749). George war ein vom Katholizismus tief geprägter Autor, der sein Neues Testament kannte. Gedichte wie "Ich bin der Eine und bin Beide" sind nur vor Off. 21, 6 zu verstehen, und in "Leo XIII." drückt sich echte Verehrung und Bewunderung für das spirituelle Oberhaupt der katholischen Kirche aus. Doch wird man George am ehesten als katholischen Heiden charakterisieren dürfen, denn dem Dichter ging es um eine Versöhnung von Christus und Dionysos im Sinne Hölderlins. Aufschlussreich ist jene bei Philipp Gresser, Deutschsprachige George-Kritik 1898-1945, S. 976-1016 zitierte Aufstellung des Pädagogen Werner Picht, nach der George der Religion der Kirche die Kunst entgegensetzte, dem Glauben die Schau, der Ewigkeit das Jetzt, der Seele den Leib und der Heiligkeit die Schönheit (S. 1001). Es verwundert nicht allzu sehr, dass die George-Rezeption nach 1945 schwer belastet war, galt der Dichter doch als einer der geistigen Wegbereiter des 'Dritten Reichs? und damit als persona non grata. Die noch lebenden ehemaligen Angehörigen des Kreises "waren über den ganzen Globus verstreut und untereinander wegen der unterschiedlichen Haltung zum Nationalsozialismus teils heftig zerstritten", wie Jürgen Egyptien, George-Rezeption seit 1945, S. 1016-1044 festhält (S. 1016). In der Forschungsdiskussion der 50er-Jahre konzentrierte sich der Blick auf Georges Frühwerk "und dessen Anschluss an den französischen Symbolismus" bzw. "die literaturhistorische Einbettung in die Fin-de-siècle-Stimmung" (S. 1017). Die "ideologiekritische 'Erledigung'" (S. 1018) des Dichters in den 70er-Jahren ging aber nicht soweit, dass nicht auch die ein oder andere Dissertation erschienen wäre. So Werner Strodthoffs Arbeit "Stefan George. Zivilisationskritik und Eskapismus" von 1976, in der der Verfasser zu der ziemlich treffenden Erkenntnis gelangt, dass George als Mensch "eine Mischung aus Bauer und Dandy, Asket und Bohemien, aus Solidität und Hochstapelei, aus Revolte und Reaktion" gewesen sei (S. 1029). Als wichtigste, jüngere Studien zu George nennt Egyptien die Arbeiten von Wolfgang Braungart und Stefan Breuer (S. 1042). Anregend sind die einführenden Bemerkungen von Barbara Beßlich zur Rezeption Georges in den Wissenschaften. Ausgehend von dem bei Edgar Salin überlieferten Diktum Georges: "Von mir aus führt kein Weg zur Wissenschaft" (S. 1069), zeigt sie, dass von George "sehr oft ein Weg zu einer neuen und anderen Wissenschaft führte, die sich mit kulturkritischer Verve vom wilhelminischen Universitätsbetrieb abzusetzen suchte" (S. 1070). Dieser neue "antipositivistische Wissenschaftsstil" (S. 1071) zeichnete sich mehr durch 'Erlebnis?, 'Schau? und 'Intuition? als durch trockene zergliedernde Analyse aus (S. 1071). Möglicherweise hat Beßlich recht, wenn sie vermutet, dass sich Martin Heidegger in seiner wissenschaftskritischen Haltung durch George bestärkt sah (S. 1070). In den folgenden Abschnitten werden der Einfluss des Dichters und seines Kreises auf Germanistik, klassische Philologie, historische Wissenschaften, klassische Archäologie, Philosophie, Theologie, Kunstwissenschaften, Staatswissenschaften, Soziologie und Pädagogik untersucht (S. 1069-1175). Betrachtet man die Germanistik, so hat der George-Kreis durch die von Norbert von Hellingrath betreute, historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe am nachhaltigsten gewirkt, wie Mario Zanucchi (S. 1073-1083, hier 1081f.) darlegt: "Hellingraths Neubewertung von Hölderlins Übersetzungen wurde später in den Studien Beißners, Reinhardts und Schadewaldts fortgesetzt". Wie hier schon angedeutet, war der Einfluss Georges auf den Bereich der klassischen Philologie nicht unbedeutend. Diesen zeichnet Christoph Hartmann (S. 1083-1090) nach. Es waren gerade die besten Schüler des vom George-Kreis scharf angegriffen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf, also Paul Friedländer, Karl Reinhardt und Werner Jaeger, die sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg vom Wissenschaftsideal des Kreises inspiriert zeigten. So schreibt Friedländer am 4. Juli 1921 an Wilamowitz: "Viel von dem besten, was ich habe, habe ich durch Sie. Aber was ich jetzt geworden bin - und das ist nun die Kehrseite - bin ich seit vielen Jahren im Kampf gegen Sie oder vielleicht besser gegen den Wilamowitz in mir geworden. (...) Und in den letzten Jahren ist es George der die größte Erschütterung und die stärkste Umlagerung aller Kräfte gebracht hat" (S. 1086). Geringer als gelegentlich angenommen war der Einfluss Georges auf die klassische Archäologie (E. Grünewald, Archäologie S. 1096-1098).
Der vierte Teil des Handbuchs (Band 3) bietet einen konzentrierten "Überblick über Leben und Werk aller Personen (...), die zum engeren und weiteren Kreis um St(efan) G(eorge) gehörten bzw. für dessen Lebensweg eine Rolle spielte" (S. 1249). Versammelt sind fast 170 Personenartikel von Friedrich Andreae, einem dem Kreis mit einer gewissen Distanz gegenüberstehender Historiker für osteuropäische Geschichte bis Alexander Zschokke, einem Künstler, der zahlreiche Porträts Georges geschaffen hat. Die einzelnen Artikel sind alle nach einem einheitlichen Schema aufgebaut: Eingangs findet sich (wenn möglich) ein Photo der betreffenden Person. Der erste Teil gibt dann Auskunft über Person und Werk, der zweite Teil über die Verbindung zu Stefan George und seinem Kreis. Am Ende eines jeden Eintrags finden sich Angaben zu den einschlägigen Nachlassbeständen. Engere oder weitere Verbindung zu George und seinem Kreis unterhielten so herausragende Künstler, Gelehrte und Persönlichkeiten wie Ernst Robert Curtius (S. 1325-1329), Max Dauthendey (S. 1333-1334), Gabriele D'Annunzio (S. 1329-1332), Ludwig von Hofmann (S. 1441-1445), Hugo von Hofmannsthal (S. 1445-1455), Georg Simmel (S. 1647-1650), Claus von Stauffenberg (S. 1671-1677) oder Max Weber (S. 1753-1757). Zum Abschluss dieser Besprechung sei exemplarisch der von Eckhart Grünewald verfasste Artikel zu dem jüdischen Mediävisten Ernst Kantorowicz herausgegriffen (S. 1471-1477).
Kantorowicz wurde am 3. Mai 1895 in Posen als Sohn des Kaufmanns und Mitbesitzers einer Likör- und Spirituosenfirma geboren und starb am 9. September 1963 in Princeton. Seine Mutter Clara kam am 10. Februar 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben. Kantorowicz legte am humanistischen Auguste-Victoria-Gymnasium sein Abitur ab (4. März 1913), trat anschließend eine kaufmännische Lehre an, um sich am 8. August 1914 in Posen als Freiwilliger beim 1. Posenschen Feldartillerie-Regiment zu melden. Als Artilleriebeobachter erhielt er im Juni 1915 das Eiserne Kreuz II. Klasse. Verwundung bei Verdun. 1917/18 war Kantorowicz in der Türkei und erlebte das Kriegsende in Berlin, wohin er zur Dolmetscherschule abkommandiert worden war. Er immatrikulierte sich an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin, kämpfte im Januar 1919 gegen die Spartakisten und nahm im Mai an der Niederschlagung der Münchener Räterepublik teil. Ab Sommersemester 1919 studierte Kantorowicz zunächst in München, dann in Heidelberg, wo er von dem Nationalökonom und Kulturhistoriker Eberhard Gothein (zu diesem, seiner Frau und ihrem Sohn Percy, vgl. Bd. III, S. 1382-1390) mit einer Arbeit über "Das Wesen der muslimischen Handwerkerverbände" magna cum laude promoviert wurde. Durch das väterliche Vermögen abgesichert konnte er sich ganz seinen Studien zu dem Stauferkaiser Friedrich II. widmen (s. u.). Das Buch erschien im Frühjahr 1927, der Ergänzungsband mit dem wissenschaftlichen Apparat im Sommer 1931. Die Arbeit löste eine kontrovers geführte Methodendiskussion aus. 1930 wurde Kantorowicz an der Universität Frankfurt zum Honorarprofessor, 1932 (ohne Habilitation) zum ordentlichen Professor für Mittlere und Neuere Geschichte ernannt. Wie E. Grünewald ausführt, war Kantorowicz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung als ehemaliger Front- und Freikorpskämpfer zunächst nicht ummittelbar von Entlassung bedroht. Doch bat er in einem eindrucksvollen, die Diskriminierung von Juden scharf verurteilenden Schreiben an das Wissenschaftsministerium für das Sommersemester 1933 um Beurlaubung. Zwar nahm Kantorowicz zum Wintersemester 1933/34 seine Lehrtätigkeit wieder auf, doch zwangen ihn die Boykottmaßnahmen der NS-Studentenschaft zur Aufgabe. Darauf hin nahm er eine Einladung des New College in Oxford an und blieb bis 1934 in England. Nach seiner Rückkehr bat er das Ministerium um seine Emeritierung, wie Grünewald betont, um sich die Demütigung einer Amtsenthebung oder Entlassung zu ersparen. Von 1935 bis 1938 lebte Kantorowicz in Berlin und arbeitete zeitweise als Gast bei den Monumenta. Mit einigem Glück konnte er im Dezember 1938 ausreisen. Nach verschiedenen Lehrtätigkeiten erhielt er eine Stelle an der angesehenen Universität Berkeley in Kalifornien, wo er aber erst 1945 eine volle Professur erlangte. In der Hochzeit des Kalten Krieges weigerte sich Kantorowicz, den Antikommunisten-Eid zu leisten und wurde mit 30 anderen "non-signers" entlassen. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky, auch er ein Emigrant, holte den Gelehrten nach Princeton an das renommierte Institute for Advanced Study. Im Jahr 1957 erschien Kantorowicz' Hauptwerk, "das seinen internationalen Ruhm als Mediävist und Theoretiker des abendländischen Königtums begründete, The King's Two Bodies" (S. 1474).
Die Verbindung zu Stefan George und seinem Kreis ergab sich durch seinen Schwager Arthur Salz, Friedrich Gundolf und den späteren Althistoriker Woldemar Graf von Uxkull-Gyllenband, mit dem mehr als Freundschaft bestand. Ende November 1920 kam es zur entscheidenden Begegnung mit dem 'Meister' (der im Handbuch selbstverständlich immer ohne gnomische Häkchen geschrieben wird). Der Anstoß zur Abfassung der Friedrich II.-Biographie scheint vom Dichter ausgegangen zu sein. In den Jahren der Arbeit am Friedrich-Buch wurde Kantorowicz, wie Grünewald schreibt, "zu einer der 'Staatsstützen' des Kreises" (S. 1475). Einen Kreisnamen erhielt er von George nicht, doch soll dieser "von ihm ... gesagt haben, er ,sei, was die Franzosen einen Chevalier genannt hätten, und er sei so ganz Chevalier, wie man ihn nicht mehr sehe'". Nach der aus Anlass von Stefan Georges 65. Geburtstag am 12. Juli 1933 vor der Studentenschaft der Universität Tübingen gehaltenen, höchst unerquicklichen Rede W. von Uxkull-Gyllenbands über "Das revolutionäre Ethos bei Stefan George" (in dem das 'Dritte Reich' mit dem 'Neuen Reich' Georges gleichgesetzt wurde) kam es zum Zerwürfnis zwischen Kantorowicz und Uxkull-Gyllenband. Dennoch behielt er die Widmung an seinen Freund bei, als das Friedrich-Buch 1963 neu aufgelegt wurde. Kantorowicz starb 1963 und wurde in einer Bucht der Karibikinsel St. John seebestattet.
Das monumentale, sage und schreibe 1868 Seiten starke, von den Spezialisten des Faches verfasste Handbuch bietet einen exzellenten Überblick zu Biographie und Werk des mit Rainer Maria Rilke bedeutendsten deutschen Lyrikers in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Wenn U. Raulff in seinem George-Buch nicht zu Unrecht die provokante These vertritt, dass das vielleicht größte Kunstwerk, das der Dichter hervorgebracht hat, der Zerfall seines Kreises war, dann lassen sich die Persönlichkeiten dieses Zerfallsprozesses nun bestens greifen. Das Handbuch wird auf diese Weise zum Ausgangspunkt jeder weiteren Beschäftigung mit Dichter und Kreis, deren Selbstinszenierung und vielfältigen Wirkungen.

Erschienen am 13.06.2014

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