Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Josef Pöppel

Weißenohe. Zur Geschichte von Kloster und Pfarrei

Norderstedt 2013, Books on Demand, 445 Seiten

Rezensiert von Klaus Unterburger (Regensburg)      PDF-Datei


Der vorliegende Band ediert wichtige Quellen zum im 11. Jahrhundert gegründeten Oberpfälzer Benediktinerkloster Weißenohe am Rand der Fränkischen Schweiz. Er geht zurück auf die Sammel- und Forschungstätigkeit des dortigen Braumeisters Josef Pöppel (1929-2006), der die Arbeit selbst nicht mehr zum Abschluss bringen konnte, so dass seine Familie diese für ihn fertig stellte und veröffentlichte. Der Band versammelt die transkribierte, um 1900 entstandene Kloster- und Pfarrgeschichte aus der Feder des von 1880 an in Weißenohe wirkenden Pfarrers Georg Adam Huber (1843-1918), die bis zur Gegenwart fortgeschriebene, nach den Äbten bzw. Pfarrern gegliederte Geschichte von Kloster und Pfarrei durch Josef Pöppel selbst, schließlich auch die Edition des ersten Teils der Tagebücher des späteren Bibliothekars an der heutigen Bayerischen Staatsbibliothek, Martin (Ordensname: Willibald) Schrettinger (1772-1851), der dessen Zeit als Konventuale in Weißenohe umfasst, ergänzt um jene Abschnitte, in denen er in späteren Jahren noch einmal mit dem aufgehobenen Kloster in Beziehung trat. Weder eine wissenschaftliche Edition mit Kommentar war angestrebt, noch eine wissenschaftlichen Kriterien genügende Darstellung der Klostergeschichte. So sind auch einige kleinere Transkriptionsfehler stehen geblieben. Für künftige Forschungen zu Weißenohe sind aber so nun leicht zugänglich wichtige Quellen und Vorarbeiten aufbereitet worden, wofür man den Herausgebern dankbar sein muss.
Besonderes Gewicht haben dabei natürlich die Tagebuchaufzeichnungen Schrettingers, die bislang zwar häufig, aber ausgesprochen selektiv zitiert wurden. Sie bieten nicht nur Einblick in die geistige Entwicklungsgeschichte eines der Begründer der modernen Bibliothekswissenschaften. Ihr besonderer Wert liegt im Einblick in den Klosteralltag Weißenohes im letzten Jahrzehnt vor der Säkularisation, näherhin wie eine traditionelle barocke Sinnbestimmung der Frömmigkeit und der klösterlichen Strukturen mit der aufgeklärten Grundausrichtung Schrettingers und einiger anderer jüngerer Konventualen gerungen hat. Das Tagebuch hatte bereits Pfarrer Huber in der streng-ultramontanen antimodernen Frontstellung seiner Zeit verwendet; er sah, gestützt auf dieses, in den letzten Klosterjahren die Anzeichen eines schweren Verfalls, nicht nur, weil der alte Abt nur aufs Geld erpicht gewesen sei (eine Wertung der Aufklärer, die er übernimmt), sondern vor allem, weil er anachronistisch in Schrettinger und seinen Mitstreitern die "Pest des Liberalismus" und eine damit verbundene Staatsdienerei am Werke sah (S. 55f.). Diese und ähnliche Wertungen haben abgemildert auch spätere Geschichtsschreiber geprägt, obwohl doch, gerade was die Gelehrsamkeit angeht, das 18. Jahrhundert als Höhepunkt der Weißenoher Klostergeschichte gelten darf. Die Spannungen im Weißenoher Konvent lassen aber nunmehr ein ernsthaftes Ringen um den eigentlichen Sinn mönchischen Lebens erkennen; wie hoch sind Regelgehorsam, Vollzug des opus operatum, der Gebetsverpflichtungen und anderer Aufträge aus dem Stifterwillen, dazu asketische Leistungen, zu veranschlagen im Gegensatz zu innerer Gesinnung, reiner Gottes- und Nächstenliebe? War die Treue des Abtes formalistischer Pharisäismus, waren die Reformbestrebungen der Jungen Zeichen des Verfalls oder der Verinnerlichung? Dazu rangen Weltbilder miteinander: Nach dem einen griff Gott immer wieder durch Wunder und Vorzeichen ein, die es zu deuten galt und die durch mönchisches Gebet und asketische Übungen wirkmächtig beeinflussbar waren; nach dem anderen Weltbild erklärte sich die äußere Welt mittels kausaler Naturgesetze. Frömmigkeit war nur dort echt und zeitgemäß, wo sie von einer inneren, moralischen Gesinnung getragen wurde. Eine andere Konfliktlinie hatte zudem viel ältere Wurzeln, nämlich die Frage, inwieweit der Abt durch Entscheidungen an den Rat und die Zustimmung der Konventualen gebunden war.
All diese Spannungen lassen sich in Schrettingers Tagebuch aufschlussreich und recht detailliert nachvollziehen; sie als Zeichen des Verfalls zu deuten, greift doch zu kurz, auch wenn es zu Klosteraustritten kam und Schrettinger die Säkularisation schließlich befürwortete. Er selbst wirkte und zelebrierte in München nach 1803 durchaus als Weltpriester weiter. Die Klöster des 18. Jahrhunderts haben aus ihrem Verständnis ihres zivilisatorischen Auftrags und auch zur Legitimation ihrer Existenz bedeutende Leistungen auf den Gebieten des Wissens und des Kunstschaffens hervorgebracht; wo daraus Versuche einer Reform und zeitgemäßen Neukonzeption erwachsen sind, werden diese eher als Zeichen der Lebendigkeit und der geistigen Sensibilität zu verstehen sein.

Erschienen am 11.06.2014

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