Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Stefanie Waske

"Nach Lektüre vernichten!". Der geheime Nachrichtendienst von CDU und CSU im Kalten Krieg

München 2013, Hanser, 303 Seiten

Rezensiert von Rudolf Himpsl (München)      PDF-Datei


Dem Bemühen von Geheimdiensten, im Verborgenen zu wirken, scheint der Mangel an ernsthaften und aktenbasierten, institutionsgeschichtlichen Arbeiten über einzelne Dienste zu entsprechen. Die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes und seiner Vorgängerorganisationen bis 1968 wird bekanntermaßen erst jetzt durch eine unabhängige Historikerkommission erforscht. Sogenannte private Dienste, wie etwa diejenigen der während der NS-Zeit in Deutschland verbotenen Parteien, standen bislang so gut wie gar nicht im Blickpunkt der historischen Forschung. Bei Recherchen für ihre Dissertation, die sich mit der Kontrolle des BND durch Bundestag und Bundesregierung auseinandersetzte, ist nun allerdings die Politikwissenschaftlerin Stefanie Waske im Nachlass des ehemaligen CSU-Bundestagsabgeordneten Karl Theodor zu Guttenberg, des Großvaters des späteren Bundesverteidigungsministers, auf einen bislang von der Geschichtswissenschaft nicht behandelten, privaten geheimen Nachrichtendienst gestoßen. Zu dessen maßgeblichen Initiatoren gehörten neben Guttenberg der ehemalige Kanzleramtschef Adenauers, Hans Globke, der zu diesem Zeitpunkt das Amt des CDU-Schatzmeisters ausübte, sowie die beiden ehemaligen BND-Mitarbeiter Hans-Christoph von Stauffenberg, ein Vetter zweiten Grades des Hitler-Attentäters, und der Gehlen-Vertraute Wolfgang Langkau. Nachdem die Union 1969 das Kanzleramt verloren hatte, befürchteten sie, dass die neue Regierung wichtige Informationen aus Geheimdienstkreisen den Unionsparteien vorenthalten würde. Zudem hielten sie die Parole der sozial-liberalen Koalition vom "Wandel durch Annäherung" schlicht für grob fahrlässig. Der neue Dienst sollte somit sowohl Unions-Politikern als auch konservativen Journalisten wie dem ZDF-Mann Gerhard Löwenthal oder nahestehenden Wirtschaftslenkern Informationen über die "wahren" Absichten des Ostens und der sozial-liberalen Koalition liefern. Leiter dieses privaten Dienstes wurde Stauffenberg, der 1970 auf eigenen Wunsch den BND verlassen und dank der Hilfe von Franz Josef Strauß mit zwei Sekretärinnen Anstellung in der Bayerischen Staatskanzlei finden konnte. Dies ermöglichte es ihm schließlich, sich nach Feierabend ganz der Organisation des Dienstes widmen zu können.
Auf der Basis des erstmals vom Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung freigegebenen Bestandes zum Stauffenberg-Dienst rekonstruiert Waske das konspirative Netzwerk aus Unterstützern, Empfängern und Informanten. Deren Berichte stammten überwiegend aus Frankreich, Italien und den USA, wo man über Verbindungen in Regierungsstellen wie dem National Security Council oder dem Verteidigungsministerium verfügte. Aber auch von jenseits des "Eisernen Vorhangs" bezog der Dienst seine Informationen. Jedoch bereitete insbesondere in den ersten Jahren dessen Finanzierung große Schwierigkeiten: Den nur langsam anlaufenden Einnahmen in Form zugesicherter Spenden von CDU und CSU sowie aus Kreisen der deutschen Wirtschaft standen die immensen Ausgaben für die Informationsgewinnung gegenüber.
Eng angelehnt an die Entwicklung der Ostpolitik, deren wichtigste Schritte die Autorin ebenso wie die Ereignisse der Guillaume-Affäre oder die des "Deutschen Herbstes" kurz und prägnant nachzeichnet, schildert Waske die Tätigkeit des Dienstes: Seine Position innerhalb der Unionsparteien festigte sich erst nach der Ratifizierung der Ostverträge, als er sich zu einem Informationssammeldienst über die allgemeinen Strategien des Ostens wandelte, der zu Beginn der 1980er Jahre sogar Verbindungen in die SED-Parteileitung sowie einen Informanten in regierungsnahen polnischen Kreisen besaß. Auf diese Weise gelangten Stauffenberg und seine Mitstreiter an vertrauliche Informationen, etwa zu sowjetischen Überlegungen, die ein militärisches Eingreifen während der Polenkrise 1981 in Erwägung zogen. Waske hält fest, dass Stauffenbergs Quellen im Osten zumindest zu diesem Zeitpunkt recht verlässliche und zeitnahe Informationen lieferten. Leider fehlt dagegen ein die Darstellung abschließendes Fazit mit einem differenzierenden Gesamturteil über den tatsächlichen Nutzen des Stauffenberg-Dienstes, der 1982, als CDU und CSU wieder an die Macht zurückkehrten, eingestellt wurde. Ein solches Urteil wäre gerade angesichts der dargestellten Fehlinformationen und Fehlschlüsse vor allem in der Anfangsphase sowie aufgrund der häufig wegen der problematischen Überlieferung nicht aufzulösenden Fragen nach den tatsächlichen Konsequenzen seiner Tätigkeit hilfreich gewesen. Mehr als einmal stellt sich die Frage, ob die den Organisatoren des Dienstes zugespielten Informationen nicht einfach das von ihnen und ihren Auftraggebern Befürchtete oder Gewünschte widerspiegelten und somit die Angst vor einer Aufhebung der bundesrepublikanischen Westbindung durch die sozial-liberale Koalition verstärkten.

Erschienen am 18.02.2014

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