Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Roland Berbig

Am Rande der Welt. Günter Eich in Geisenhausen 1944-1954

Göttingen 2013, Wallstein, 536 Seiten, 103 Abbildungen

Rezensiert von Stephan Deutinger (München)      PDF-Datei


Wer mit dem Namen Geisenhausen etwas anfangen kann, ohne daß ihn etwa biographische Bezüge mit dem Marktflecken im oberen Vilstal verbinden, der darf sich getrost zu den besonderen Bayern-Kennern rechnen. Der kleine Ort wird durch die vorliegende Neuerscheinung zum Schauplatz eines ebenso dicken wie bemerkenswerten Buches. Der Berliner Literaturwissenschaftler Roland Berbig schildert darin die wohl entscheidenden Jahre in der Schriftstellerbiographie des Lyrikers und Hörspielautors Günter Eich (1907-1972).
Eich hatte es in der Spätphase des Krieges als Soldat erstmals nach Geisenhausen verschlagen. Mit dem Kriegsende war der aus dem äußersten Osten Brandenburgs Stammende heimatlos geworden und kehrte deshalb nach Geisenhausen zu der Handwerkerfamilie zurück, die ihm 1944 gastfreundlich Quartier gegeben hatte. In bescheidener Untermiete in einer Dachkammer der Spenglerei Schmid formte sich vor dem Hintergrund bedrückender privater Umstände die Schriftstellerpersönlichkeit Günter Eich. Dessen nicht umfängliches Oevre, neu ansetzend mit einem Gedichtband unter dem bezeichnenden Titel "Abgelegene Gehöfte" (1948), wurde in den 1950er Jahren mit vielfachen hochkarätigen Auszeichnungen, vom Preis der Gruppe 47 bis hin zum Georg-Büchner-Preis, bedacht und bald in den Lektürekanon des gymnasialen Deutschunterrichts einbezogen. In die Geisenhausener Zeit fällt auch Eichs Bekanntschaft mit Ilse Aichinger, die Berbig in ihrer behutsam sich steigernden Intensität fesselnd darzustellen versteht. Die Eheschließung 1953 bildete freilich auch den Anlaß für den Abschied Eichs von Geisenhausen, das ihm durch den engen Anschluß an die Familie Schmid Heimat und geistige Anlaufstelle noch weit in die Zukunft hinein geworden war.
Mit seiner atmosphärisch dicht gewobenen Teilbiographie ist Roland Berbig ohne Zweifel ein gewichtiger Beitrag zur Literaturgeschichte der frühen Bundesrepublik gelungen. Diese Leistung wird man historiographisch um so höher bewerten, wenn man bedenkt, wie abhold der Mensch Günter Eich jeder außerliterarischen Selbstdokumentation war, so daß die Darstellung im Grunde auf lakonischen Kalendernotizen und wenigen Briefen aufgebaut werden mußte. Die Sicherung der mündlichen Überlieferung der Familie Schmid stellt ein nicht gering zu veranschlagendes weiteres Verdienst des Buches dar. Es liefert einen entscheidenden Schlüssel für die Interpretation von Eichs Nachkriegswerk, das ohne dessen Eindrücke vom Geisenhausener "Rande der Welt", wie Berbig plausibel zeigt, nicht zu verstehen ist.
Einen Wermutstropfen stellt lediglich der etwas sorglose Umgang des Verfassers mit den Namen der von Eich aufgesuchten niederbayerischen Orte dar. Schreibungen wie "Eggerfelden" oder "Dingolfingen" tun weh. Auch ist es ein großer Unterschied, ob man von "Weimichl" (richtig: Weihmichl) nach "Fürth" (etwa gar in Franken?) oder doch nur nach Furth bei Landshut wandert (vgl. S. 190 u. 227); in Passau gibt es keine "Oderburg" zu besichtigen (S. 229, gemeint ist wohl Oberhaus?). Diese Beobachtung befremdet um so mehr, als die Notizen über seine rastlosen Fuß- und Autowanderungen doch wohl einen Kernbestand der wenigen von Eich hinterlassenen biographischen Aufzeichnungen ausmachen.
Ansonsten jedoch bedeutet Berbigs Buch auch aus landeshistorischer Sicht einen wissenschaftlichen Gewinn. Am Beispiel der lesenden, schreibenden, musizierenden, reisenden, auch betenden Familie Schmid beschreibt es das sonst kaum je beleuchtete ländliche katholische Milieu Altbayerns vor dem Kulturbruch der 1960er Jahre, mithin ein - so Berbig - "kulturelles Klima, das ohne diesen Begriff auskam" (S. 99) und ob seiner lebensweltlichen Selbstverständlichkeit sogar den konfessionell indifferenten Eich tief beeindruckte. Den offiziösen Kulturbetrieb Bayerns jener Jahre dagegen verfolgte Eich, dessen wachsender Erfolg ihm Aufnahme in den Kreis der "Kulturschaffenden" bescherte, mit eher distanziertem Unbehagen. Eine Busfahrt der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Jahr 1952 nach Paris, wo Wilhelm Hausenstein mittlerweile als deutscher Generalkonsul amtierte, erschien Eich jedenfalls als "Vorgeschmack der Hölle"; die Auswahl der Mitreisenden kommentierte er für Ilse Aichinger sarkastisch so: "Die bayrische Kultur besteht aus Journalisten, Bibliothekaren und Geistlichen" (S. 277).

Erschienen am 01.04.2014

[KBL-Startseite] [ZBLG-ONLINE] [Impressum]