Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Johannes Sander

Kirchenbau im Umbruch. Sakralarchitektur in Bayern unter Max I. Joseph und Ludwig I.

Regensburg 2013, Schnell & Steiner, 614 Seiten, 427 Abbildungen

Rezensiert von Erich Schneider (Schweinfurt)      PDF-Datei


Die Säkularisation von 1803 hat in Bayern zahlreiche Klöster aufgelöst, und manche prachtvolle Abteikirche wurde einschließlich wandfester Ausstattung abgebrochen und zu Straßenschotter zerschlagen. Gerade Franken hat mit Maria Bildhausen, Theres oder Münsterschwarzach, um nur drei Beispiele anzuführen, große Opfer bringen müssen. "Teutschen Vandalismus" beklagte angesichts dieses Zerstörungswerks 1805 der Würzburger Domvikar Franz Nikolaus Baur in der "National-Zeitung der Teutschen". Wer allerdings, wie jener anonyme Andechser Mönch, aus diesem Tun von "Gotteshassern" ein "ganz verkomm'nes Vaterland" ableiten wollte, den klärt Johannes Sander in seiner bemerkenswerten, bei Stefan Kummer an der Universität Würzburg entstandenen Dissertation darüber auf, dass in Bayern zwischen 1800 und 1840 die respektable Zahl von rund 250 Kirchen neu gebaut worden ist.
Der Autor hat seine umfangreiche, wie er es selbst formuliert, "Studie" in vier Hauptabschnitte gegliedert: Im ersten Teil behandelt er die "Grundlagen" vom Forschungsstand zum Thema über die allgemeine Geschichte Bayerns bis zu Fragen der Bauverwaltung, die "Reformtätigkeit Ludwigs I." und den Kirchenbau in der Praxis. Hervorzuheben sind in diesem Kapitel wie für alle anderen Teile die umfangreichen Archivstudien Sanders, die seinem Buch eine besondere Qualität verleihen. Kaum eine frühere Arbeit zum Thema dürfte so in die Tiefe der Organisation des Kirchenbaus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingedrungen sein, wie die Sanders.
Der zweite Teil ist mit "Darstellung" betitelt. Er widmet sich dem Kirchenbau nach den einzelnen Landesteilen gegliedert, wobei München als "Haupt- und Residenzstadt" ein eigener Abschnitt gewidmet ist. Auffällig ist, dass Franken - und hier insbesondere Unterfranken - gegenüber den anderen bayerischen Bezirken mit rund 150 Seiten viel Platz eingeräumt wurde. Neben Fragen der stilistischen Einordnung der entstandenen Bauwerke gelingt dem Autor vor allem die Herausarbeitung zahlreicher bisher nur wenig fassbarer Baumeister und sonstiger in der Organisation des Kirchenbauwesens Handelnder.
Im dritten Teil fasst der Autor die "Erträge" seiner Studie zusammen. Er zeigt auf, dass der Kirchenbau unter Max I. Joseph vor allem unter dem Aspekt der "Zweckbestimmung" betrieben wurde, während Ludwig I. diese Aufgabe "als kunstgeschichtliches Projekt" ansah, mit dem er an "das künstlerische und handwerkliche Niveau früherer Zeiten" anknüpfen konnte, ohne freilich ein "einheitliches und festes Programm" dabei zu verfolgen. Dennoch wirkten die von diesem König angerufenen "historistischen Geister" das ganze 19. Jahrhundert nach.
Für die praktische Arbeit wertvoll ist der umfangreiche, alphabetische Katalog der Kirchenbauten im vierten Teil. Obwohl stichwortartig aufgebaut, fasst er die wesentlichen Kenndaten der einzelnen Werke zusammen. Aus Gründen der Benutzbarkeit des Werks hätte man sich gerade hier zu den jeweiligen Katalogbeiträgen Abbildungen oder Grundrisse und Schnitte gewünscht, die sonst reichlich vorhanden sind.
Verzeichnisse der Quellen, der Literatur und ein Bildnachweis sowie Orts- und Personenregister beschließen die Publikation angemessen.
Wie eingangs angedeutet, hat Johannes Sander eine bemerkenswerte Arbeit vorgelegt, die geeignet ist, das Bild vom Kirchenbau in Bayern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch und gerade außerhalb der großen Städte neu zu zeichnen. Sie strahlt zugleich auf die Kunstgeschichte der zweiten Jahrhunderthälfte aus. Wenn der Autor seine Publikation "Studie" genannt hat, dann vielleicht in dem Bewusstsein, dass auf der Basis dieser Arbeit noch mancher Weg neu zu beschreiten ist. Wie das gehen könnte, hat zum Beispiel Johannes Sanders akademischer Lehrer Stefan Kummer mit seiner Monographie über die Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt in Bad Neustadt an der Saale unlängst eindrucksvoll aufgezeigt.

Erschienen am 18.10.2013

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