Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Reinhart Meyer

Schriften zur Theater- und Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Hg. von Matthias J. Pernerstorfer

(Don Juan Archiv Wien - Summa Summarum 1), Wien 2012, Hollwitzer, XIII, 896 Seiten

Rezensiert von Manfred Knedlik (Neumarkt)      PDF-Datei


In Fachkreisen allgemein bekannt ist Reinhart Meyer als Bibliograph. Seinen internationalen Ruhm hat vor allem die "Bibliographia Dramatica et Dramaticorum" begründet, ein chronologisch angelegtes Verzeichnis der im ehemaligen deutschen Reichsgebiet gedruckten und gespielten Dramen des 18. Jahrhunderts nebst Übersetzungen, Bearbeitungen und Rezeptionszeugnissen, das - in seiner 'empirischen Sättigung' - für die theater- wie auch für die literarhistorische Forschung neue Maßstäbe und Perspektiven gesetzt hat. Im Kontext der bibliographischen Erschließung der Theaterproduktion des 18. Jahrhunderts hat Meyer eine Vielzahl von Studien publiziert, die Wege zur Interpretation dieses reichen Quellenbestandes aufzeigen und einen zentralen Beitrag zum Verständnis des "saeculum theatralicum" leisten.
Mit einem repräsentativen Querschnitt durch Meyers Schriften hat das Don Juan Archiv Wien, wo seit Anfang 2012 an einer digitalen Aufbereitung und inhaltlichen Erschließung der Bibliographie gearbeitet wird, seine Reihe "Summa Summarum" eröffnet. Versammelt sind 27, zum Teil durchaus polemisch formulierte, Studien aus drei Jahrzehnten, die sich erneut zur Diskussion stellen und erneut den Fokus auf die Dramen- und Theaterlandschaft des 18. Jahrhunderts lenken, die in mancher Hinsicht immer noch als Terra incognita gelten muss. Das gewichtige Werk vermittelt einen guten Eindruck von dem weiten Interessenspektrum dieses produktiven Wissenschaftlers, der seine eigene Arbeit immer wieder reflektiert, der wissenschaftsgeschichtlich aufschlussreiche Einblicke in seine Werkstatt gibt ("Wie hinderlich Wissen sein kann, oder: Über die Dialektik von Irrtum und fortschreitender Erkenntnis", 2004) oder wissenschaftliche Lernerfahrungen und -prozesse überdenkt ("Über die produktive Unkenntnis des Lehrers", 1991). Der Bogen reicht von quantitativen Analysen, was etwa den Anteil des Singspiels und der Oper am Repertoire der deutschen Bühnen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts betrifft, über die Untersuchung von Rezeptionshorizonten und -typologien bis zu theaterhistorischen, sozialgeschichtlichen und poetologischen Fragestellungen ("Theorie des Deutschen Singspiels von Gottsched bis Reichardt", 2003). Meyer diskutiert die Definition des 'deutschen' Theaters als 'deutschsprachig', wendet sich gegen das Konstrukt vom Nationaltheater als bürgerlicher Institution ("Das Nationaltheater in Deutschland als höfisches Institut", 1983) und hinterfragt die Tauglichkeit von 'Aufklärung' als einer die theatrale Wirklichkeit abbildenden Epochenbezeichnung. Zwei Kapitel zeigen seine intensive Beschäftigung mit der Hamburger Oper und dem Werk des italienisch schreibenden Librettodichters Metastasio, der zu einem der meistgedruckten, -vertonten und -gespielten Autoren des 18. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum zählte.
Ein zentrales Anliegen Meyers war es stets, Aufmerksamkeit auf das reiche Bühnenleben des katholischen Südens zu lenken, dem - im Gegensatz zu dem oft prominenteren norddeutsch-protestantischen Theater - weit weniger Interesse entgegengebracht wurde und wird. Als lohnende Paradigmen hat er zum Beispiel das Hof- und Nationaltheater in München, die Hofbühne der Fürsten von Thurn und Taxis (siehe dazu neuerdings auch: Christoph Meixner, Musiktheater in Regensburg im Zeitalter des Immerwährenden Reichstages, 2008) oder das Schulspiel der (Ex-)Jesuiten in Regensburg eingeführt und interpretiert. Der vorgelegte Sammelband, durch Register zu Orten, Personen und Stücktiteln mustergültig erschlossen, mag so auch einen Anstoß dazu geben, die Theaterkultur süddeutsch-katholischer Gegenden (neu) zu entdecken.

Erschienen am 28.02.2014

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