Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Mario Tamme

"Ich bin so traurig". Das Schicksal der jüdischen Landshuter 1933-1942

(Schriftenreihe des Stadtarchivs Landshut zur Zeitgeschichte), Landshut 2013, Stadtarchiv, 101 Seiten

Rezensiert von Bernhard Glasauer (München)      PDF-Datei


Wer sich mit der jüdischen Geschichte des 20. Jahrhunderts in Deutschland beschäftigt, wird unweigerlich mit dem Schicksal der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus konfrontiert. Stand lange Zeit vor allem die Täterseite des Holocaust - hier vor allem seine Organisatoren und die kalte bürokratische Umsetzung - im Fokus, setzte im letzten Jahrzehnt ein verstärkter Wandel der Perspektiven ein. Was Steven Spielberg mit seinem Spielfilm "Schindlers Liste" auf der Leinwand gelang, nämlich den Opfern ein Gesicht zu geben, findet auch in der Forschung verstärkt seinen Niederschlag. Es mag auch daran liegen, dass die großen Fragen des Holocaust zumindest zum Teil beantwortet sind, die Quellen besser erschlossen sind, dass man nun die Menschen - bewusst nicht nur die Opfer - verstärkt in den Fokus rückt, und ihre Schicksale dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Genau dies versucht die vorliegende Arbeit über das Schicksal der Landshuter Juden in den Jahren 1933 bis 1942 zu leisten.
Obwohl die Arbeit schon länger geplant war, entstand sie vor dem Hintergrund der Aufdeckung der NSU-Morde und der damit einhergehenden verstärkten Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, dem Holocaust und der jüdischen Geschichte in Landshut. Sie richtet sich daher gezielt an historisch interessierte Laien und bietet dabei neben einer kurzen Zusammenfassung der nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik kurze Biographien der Einzelschicksale der jüdischen Familien in Landshut. Der Titel "Ich bin so traurig" ist dabei bewusst gewählt, er stammt aus dem Abschiedsbrief einer jungen Jüdin an ihre Arbeitgeberin noch während der Deportation. Die Kurzbiographien konzentrieren sich auf den Zeitraum zwischen der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten 1933 und der Deportation der Landshuter Juden 1942, liefern aber darüber hinaus auch Informationen über das weitere Schicksal - soweit bekannt.
Die Fokussierung auf die verhältnismäßig kleine jüdische Gemeinde in Landshut bietet den Vorteil, dass dabei ein vielfältiges, lebendiges Bild der Landshuter Juden, aber auch der Landshuter Bevölkerung entsteht. Einigen jüdischen Familien gelang es tatsächlich rechtzeitig zu flüchten, anderen wiederum wurde von mutigen Bürgern geholfen, für einige dagegen führten Denunziationen auf direktem Wege in die Konzentrationslager.
Ob bewusst oder unbewusst, orientiert sich die vorliegende Arbeit am Gedenkbuch der Münchener Juden, bereitet aber die einzelnen Schicksale noch zusätzlich auf. Dabei stützt sie sich vor allem auf die Daten der überlieferten städtischen Einwohnermeldekarteien sowie die Einträge des vom Bundesarchiv herausgegebenen Gedenkbuchs für die Opfer des Holocausts. Ergänzend kommen noch Dokumente aus den Staatsarchiven, dem Stadtarchiv sowie Beiträge von Zeitzeugen und Überlebenden hinzu. So gelingt es dem Verfasser, die einzelnen Lebenswege weitgehend nachzuzeichnen und ein intensives und teilweise beklemmendes Stimmungsbild der damaligen Zeit zu skizzieren.
Insgesamt ist festzuhalten, dass die Publikation ein lebendiges Bild der Schicksale der Landshuter Juden in der Zeit des Nationalsozialismus entwirft. Die Bebilderung mit den Porträtfotos der einzelnen Personen trägt dazu nicht unwesentlich bei. Der Leser kann daher ganz persönlich Anteil an deren Schicksal nehmen. Freilich verzichtet der Autor dafür auf eine tiefgreifendere wissenschaftliche Diskussion. Dies ist so gewollt, ist die Publikation doch bewusst für eine breite Leserschaft geschrieben, die in sehr authentischen Porträts die Vorgänge und das Verhalten Einzelner in einer typischen deutschen Kleinstadt in der Zeit des Nationalsozialismus erfährt. Somit eignet sich das Buch auch hervorragend für den Einsatz an Schulen oder in Gedenkprojekten.

Erschienen am 27.02.2014

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