Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Wolf-Armin Frhr. von Reitzenstein

Lexikon schwäbischer Ortsnamen. Herkunft und Bedeutung. Bayerisch-Schwaben

München 2013, C.H. Beck, 475 Seiten, 12 Karten

Rezensiert von Heinrich Löffler (Basel)      PDF-Datei


Als vor bald dreißig Jahren (1986) das Lexikon bayerischer Ortsnamen von Wolf Armin von Reitzenstein zum ersten Mal erschien mit 1200 historischen Namen-Artikeln der Gemeinden, Städte, Märkte und Dörfer Bayerns samt einigen Gewässernamen, musste bald eine Neubearbeitung ins Auge gefasst werden, nicht nur weil die Nachfrage sehr gross war, sondern auch, weil sich die Quellenlage von Jahr zu Jahr durch neue Archivalien und Quelleneditionen verbessert hatte. Wie schon die erste so musste sich auch die zweite Auflage von 1991 aus Platzgründen auf eine Auswahl von knapp 3 Prozent aller vorhandenen Siedlungsnamen beschränken.
Eine vollständige Darstellung und Deutung der Namen aller Siedlungen und Wohnplätze, Ortschaften und Gehöfte in Bayern boten die zahlreichen Bände der Reihe "Historisches Ortsnamenbuch von Bayern", die zu jener Zeit schon recht fortgeschritten war.
Der Wunsch nach einer Ausweitung der monographischen Darstellung bayerischer Ortsnamen mit einem dichteren Ortsnetz blieb weiterhin bestehen. Dies war aber nicht mehr in einem einzigen Band zu bewältigen. Der Autor hat deshalb - ausgehend von dem vorliegenden einbändigen Ortsnamen-Lexikon und den Einzelbänden des Historischen Ortsnamenbuches - die Menge der Ortsnamen Bayerns auf drei Einzelbände aufgeteilt, die sich nach den drei grossen im Freistaat aufgegangenen historischen Landschaften gliedern: Bayern, Franken und den hier zu besprechenden Band Schwaben.
Für die Abgrenzung der Regierungsbezirke und die Zuweisung der Ortschaften im Grenzgebiet wurde der Zustand nach der Gebietsreform von 1964 zugrunde gelegt. Während die beiden Bände Bayern und Franken jeweils mehrere Regierungsbezirke umfassen, betrifft der dritte Band mit den Ortsnamen Schwabens nur den einen Regierungsbezirk, wo "Schwäbisch" gesprochen wird, ein Dialekt, der zum weiteren Verbreitungsgebiet des Alemannischen gehört.
Mit der Aufteilung des Namenbestandes auf drei Bände konnte die Auswahl und Darstellung etwas großzügiger erfolgen. Die Beschränkung auf die Namen der Gemeinden, Marktflecken, grösseren Ortschaften und Gewässer war dabei ein vernünftiges und nachprüfbares Kriterium. Jetzt enthält jeder Regional-Band mehr Namen als das einbändige Vorgängerwerk mit seinen 1200 Namen von Gesamt-Bayern.
Das alphabetische Namenlexikon wird eingeleitet durch ein kurzes Vorwort und eine zehnseitige "Anleitung zur Benutzung." Ein zwanzigseitiges Quellen- und Literaturverzeichnis und zwölf Übersichtskarten mit den im Lexikon enthaltenen Ortsnamen beschliessen den Band. Die Seiten sind nach Lexikonart zweispaltig angelegt. Die einzelnen Namenartikel sind - nach Vorbild der beiden bereits erschienenen Bände - einheitlich gegliedert: Der offizielle Name steht als "Lemma" am Anfang jedes Artikels. Es folgen die Siedlungsart (Dorf, Markt etc.), Gemeinde- und Kreiszugehörigkeit. Auf weitere Angaben zum Ort wie Grösse, Einwohnerzahl, Kurzcharakteristik wird verzichtet.
Der historische Teil besteht aus einer nahezu vollständigen Auflistung der urkundlich-archivalisch bezeugten Formen des Namens mit Jahreszahl und genauem Wortlaut. Hin und wieder wird nach den alten Formen des Namens auch die heutige Aussprache (Mundartform) erwähnt, sofern sich diese in der Literatur finden ließ. Eine vollständige Erhebung der örtlichen Aussprache war nicht vorgesehen. Sie wäre wohl mit zu grossem Aufwand verbunden gewesen.
Es folgt die Namendeutung, die wieder nach bewährtem Schema zuerst das "Grundwort" (-ach, -bach, -hof, -dorf, -hausen, -stetten u. a.) und danach das "Bestimmungswort" historisch erklärt: das heißt, es wird die vermutete oder gesicherte Bedeutung der einzelnen Namenteile vermerkt.
Während die Grundwörter kaum Anlass zu Zweifeln geben, sind die Bestimmungswörter im Laufe der Zeit abgeschliffen oder volksetymologisch umgebogen worden, so dass nur der Rückgriff auf die historischen Belege, sofern diese "echt" sind, eine gesicherte Deutung zulässt. Dabei kann sich der Autor in den meisten Fällen auf die Fachliteratur und andere Namenbücher stützen. Jede Deutung eines Namens geht bekanntlich von der Annahme aus, dass zum Zeitpunkt der Namenentstehung oder Namengebung der Name und seine Teile etwas Bekanntes gewesen sein müssen. Deshalb gilt im Zweifel die älteste bezeugte Form als diejenige, die der wahren Bedeutung am nächsten kommt. Margertshausen (Erstbeleg 1150 Madelgereshusen) hiess also zum Zeitpunkt der Benennung: "bei den Häusern des Madelger" (S. 238), oder Huisheim (1197 Huiesheim) wird als "Haus oder Heimat eines Huni" gedeutet (S. 185).
Für Laien wie für Fachleute immer wieder interessant sind Deutungen, auf die man ohne historische Belege, nur auf Grund der heutigen Namenform niemals kommen würde. Kellmünz a. d. Iller hat weder mit Kelle noch mit Münze etwas zu tun, sondern geht auf den lateinischen Namen aus der Römerzeit Celio Monte zurück, das sich zusammen mit der deutschen Sprache über Chelminzo (1110) zu Kelminz (1291) und von 1460 bis heute zu Kellmünz entwickelt hat (S. 200f.). Überhaupt sind es die alten keltischen und später lateinischen oder latinisierten Namen, welche die ehemals römische Provinz Raetia bis heute prägen wie zum Beispiel Kempten (Campodunum, aus kelt -dunum = "hochgelegener Ort"; und cambo = "krumm") (S. 202f.), oder Kemnat (1180 Chemenathum aus: caminata, keminata = "heizbarer Raum") (S. 201f.). Augsburg hatte neben dem erstbelegten Namen (122-200 n. Chr. Augusta Vindelicum = "Stadt des Augustus im Gebiet der Vindeliker") im Laufe der Jahrhunderte noch eine Reihe anderer Namen (S. 39-42). Bei Gestratz (1290 Gastreiz) entscheidet sich der Autor für eine, auch von anderen vorgeschlagene deutsche Erklärung (gaehe straze = "steile Straße"). Es wäre aber durchaus auch eine lateinische denkbar (< castris = "bei dem römischen Lager"), zumal dort gemäß einer antiken Strassenkarte, der sogenannten "Tabula Peutingeriana", eine Römerstraße vorbeigeführt haben könnte (vgl. H. Löffler, Sprachliche Zeugen aus römischer Zeit am nördlichen Bodensee, in: Alemannisches Jahrbuch 1971/72, 217-228).
In einigen Fällen findet man weder in den Wörterbüchern, noch bei den historisch belegten Personennamen eine direkte Entsprechung, oder, wie das bei den Gewässernamen der Fall ist, muss man die ursprüngliche Form aus dem Vergleich mit anderen keltischen Sprachen erschliessen. Der Name Günz, Fluss rechts der Donau: (ca. 200: Gontiae sacr(um) = "der Gontia geweiht") wird zur indogermanischen Wurzel *gheu = "gießen" gestellt (S. 150), was sich nur über Analogieformen beweisen lässt. So muss manche Deutungen mit dem Makel der blossen Annahme oder wahrscheinlichen Plausiblilität auskommen. Das ist aber das Schicksal vieler historischer Namendeutungen.
Die Quellennachweise zu jeder Namensform werden mittels Anmerkungsziffer in einem gesonderten Abschnitt in abgekürzter, jedoch nicht codierter Form geboten, so dass man Art, Zeit und Ort der Quelle leicht erkennen kann, ohne im Quellenverzeichnis nachschlagen zu müssen. Dabei wird bei den Jahreszahlen exakt darauf verwiesen, wenn es sich nur um eine spätere Kopie, eine gelehrte Latinisierung oder gar um eine Fälschung handelt. Der Fachmann kann sich also ein genaues Bild über die Qualität der historischen Belege machen.
Das Buch ist auch für Laien ein interessantes Nachschlagewerk, wenn jemand wissen will, was der Name (s)eines Ortes ursprünglich bedeutet. Die im Anhang beigefügten Karten verzeichnen alle im Lexikon enthaltenen Namen. So findet man schnell heraus, ob der gesuchte Name im Buch vorkommt oder nicht. Dass die drei Bände des Namen-Lexikons Gesamtbayerns aus der Feder ein und desselben, in der Fachwelt bekannten und hochangesehenen Autors stammen, darf dabei hervorgehoben werden.

Erschienen am 18.02.2014

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