Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Eva Kraus

Das Deutsche Jugendherbergswerk 1909-1933. Programm - Personen - Gleichschaltung

Berlin 2013, Pro Business, 450 Seiten

Rezensiert von Jörn Retterath (München)      PDF-Datei


Mit der Entstehung der Jugendherbergsbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts, den ideologischen Vorstellungen ihrer wichtigsten Protagonisten in Kaiserreich und Weimarer Republik sowie der Gleichschaltung des Deutschen Jugendherbergswerks im Nationalsozialismus beschäftigt sich die Arbeit von Eva Kraus. Auf 450 Seiten nähert sich Kraus in ihrer Paderborner Dissertation dem DJH, das sich angesichts der schnell wachsenden Zahl an Mitgliedern, Sektionen und Herbergen, der guten politischen Vernetzung des Vorstandes und der die Verbandspolitik prägenden Ideologie als überaus lohnenswerter Gegenstand entpuppt. Knapp 30 Archive hat die Autorin dafür besucht - allen voran das Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein - sowie zahlreiche Druckschriften und Periodika ausgewertet.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage nach dem Verhältnis der Jugendherbergsbewegung zum Nationalsozialismus. In drei Hauptkapiteln befasst sich Kraus mit den Entscheidungsträgern im DJH, der Verbandspolitik sowie der Eingliederung des Verbandes in die Hitlerjugend 1933/34. Der Fokus liegt auf dem Reichsverband, einzelne Gaue oder Ortsgruppen sind quellenmäßig schwer zu fassen, finden aber schlaglichtartig Beachtung. Insgesamt gelingt es der Autorin dank stupenden Recherchefleißes, anhand der Biografien der Verbandsfunktionäre ein dichtes Bild von der Geschichte und den weltanschaulichen Vorstellungen innerhalb des Jugendherbergswerks zu skizzieren.
Mit seinem Gründer Richard Schirrmann stand dem DJH bis 1933 eine schillernde und jugendbewegte Persönlichkeit vor. Der im sauerländischen Altena lebende Volksschullehrer war begeisterter Wanderer. Seit 1909 verfolgte er die Idee, einfache und kostengünstige Herbergen für Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Schichten zu errichten. Ab 1912 errichtete er auf Burg Altena die erste ständige Jugendherberge der Welt. Die historische Entwicklung der Jugendherbergsbewegung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war geprägt von Schirrmanns unablässigen Engagement, seinem Ideenreichtum und seinem Begeisterungsvermögen. So entstand schon bis 1914 ein weite Teile des Reiches abdeckendes Netz aus über 500 Herbergen. Mit seiner Idee hatte Schirrmann "den Nerv der Zeit" (S. 119) getroffen. Die Gründung des Hauptausschusses für Deutsche Jugendherbergen im November 1919 markierte die Professionalisierung und Institutionalisierung seiner Arbeit. In der Weimarer Republik setzte sich die Expansion bruchlos fort.
Das Wandern wie die Gründung von Jugendherbergen waren für Schirrmann ein Gegenmodell zu den viel kritisierten Zuständen in den Großstädten. Die Festigung von Körper und Geist sollte nicht nur die Gesundheit des Einzelnen, sondern auch die Volksgesundheit und Volkskraft stärken helfen. In der Begegnung von Jugendlichen aus verschiedenen Schichten in den Herbergen erblickte Schirrmann einen Beitrag "zur Volksgemeinschaft und Volksbefriedung". Zu seinen geistigen Vorbildern zählte er nationalliberale, aber auch nationalistische, kulturkritische, lebensreformerische und völkisch-rassistische Denker wie Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, Johann Gottfried Fichte, Ernst Moritz Arndt, Friedrich Nietzsche, Paul de Lagarde, Julius Langbehn, Houston Stewart Chamberlain und Adolf Damaschke. Trotz Sympathien für die völkische Ideologie und eines gemäßigt antisemitischen und rassistischen Weltbildes gehörte Schirrmann der DDP an - zog sich 1924 aber aus der Partei- und Kommunalpolitik zurück.
Von den 30 übrigen Angehörigen des DJH-Reichsvorstandes während der Weimarer Republik verortet Eva Kraus 18 im "nationalistischen Lager", während nur vier "ausgewiesene Sozialdemokraten" gewesen seien (S. 141). Hierbei fasst die Autorin ein sehr breites politisches Spektrum unter der Kategorie "nationalistisch". Zwischen völkischen, konservativen und liberalen Haltungen differenziert sie nicht. Das verwischt Binnendifferenzen und rückt etwa die DDP und ihre Mitglieder unbesehen in Nachbarschaft zu Anhängern der völkischen Ideologie. Ungeachtet dessen sticht die bürgerliche, protestantische und nationalistisch-gesinnte Dominanz im Vorstand eines Verbandes ins Auge, der sich die Realisierung einer "Volksgemeinschaft aller Schichten" auf die Fahnen geschrieben hatte. Sozialdemokraten oder Juden fanden sich jedenfalls nur selten in führenden Positionen des DJH; letztere hatten vielmehr unter antisemitischen Anfeindungen zu leiden. Internationale Zusammenarbeit und Deutschtumspflege vor allem in den östlichen Grenzgebieten schlossen sich für das DJH jedoch nicht aus.
Durch geschickte Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit gewann der Jugendherbergsverband in der Weimarer Republik politischen Einfluss und wurde seitens des Staates massiv finanziell unterstützt. Bis Ende der Weimarer Republik wuchs die Zahl seiner Herbergen auf 2100, die 1932 fast 4,3 Millionen Übernachtungen verzeichneten. In der Endphase der Weimarer Republik stand der Verband den politischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten, die auch an der Herbergspforte nicht Halt machten, mit der von ihm propagierten Idee der "Überparteilichkeit" weitgehend hilflos gegenüber. Auf die nationalsozialistische "Machtergreifung" reagierte das Jugendherbergswerk auf allen Verbandsebenen mit Maßnahmen zur Selbstgleichschaltung. Führende Funktionäre machten geltend, sie seien innerlich längst nationalsozialistisch gesinnt gewesen, hätten sich in der Vergangenheit nach außen aber politisch neutral verhalten müssen. Gleichwohl gaben sich die Nationalsozialisten mit der Entfernung von Sozialdemokraten und Juden aus dem Verband nicht zufrieden. Im April 1933 übernahm Reichsjugendführer Baldur von Schirach die Führung des DJH. Schirrmann wurde als Ehrenvorsitzender zunehmend marginalisiert. Mit Johannes Rodatz - Schirachs Beauftragtem für das Jugendherbergswerk - an der Spitze, verdrängten HJ-Mitglieder auch die verbliebenen alten DJH-Funktionäre aus ihren Positionen. Auf der Jahresversammlung des Jugendherbergswerks wurde am 21. Januar 1934 schließlich die bisherige Satzung aufgehoben und damit die Gleichschaltung durch die Hitlerjugend auch formell bestätigt.
Um die Spezifika der Entwicklung des DJH in der frühen NS-Zeit besser analysieren zu können, wäre der Vergleich mit dem Prozess der Gleichschaltung in anderen Jugendverbänden lohnenswert gewesen. Trotz seines Fehlens bleibt der geschichtswissenschaftliche Erkenntniswert der gut geschriebenen Studie indes hoch. Eva Kraus gelingt es, ein detailliertes Bild des Deutschen Jugendherbergswerks und seiner Funktionäre in der Weimarer Republik und zu Beginn der NS-Zeit zu zeichnen. Ein umfangreicher Anhang mit Vorstandslisten, Mitglieder- und Einnahmestatistiken sowie Informationen zur Gleichschaltung in den einzelnen Gauen und Kurzbiografien der Vorstandsmitglieder runden die Arbeit ab. Kraus ist ein echtes Standardwerk gelungen. Für die dringend erwünschte Untersuchung des Jugendherbergswerks in den Jahren 1934 bis 1945 sowie für regionalhistorische Forschungen zu seinen einzelnen Gauen stellt die vorgelegte Dissertation Grundstein und Einladung dar.

Erschienen am 10.04.2014

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