Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Klaus Bäumler / Hans-Ludwig Oertel (Hg.)

Kuno Fiedler: "Über Mauern hinweg". Die Geschichte einer Flucht

Dettelsbach 2013, Röll, 111 Seiten

Rezensiert von Waldemar Fromm (München)      PDF-Datei


Kuno Fiedler ist heute nur noch wenigen bekannt. Dazu dürften vor allem Thomas Mann-Experten zählen, die den Briefwechsel Manns mit Fiedler kennen, den beide seit 1915 kontinuierlich pflegten. Fiedler studierte Theologie und war zunächst Pfarrvikar in Planitz in Sachsen. 1918 führte er die Haustaufe von Elisabeth Mann durch; Thomas Mann berichtet darüber in Hexametern in "Gesang vom Kindlein". Neben dem Kirchenamt entfaltete Fiedler eine reiche publizistische Tätigkeit. Seine zunächst anonym erschienene Streitschrift "Luthertum oder Christentum?" führte 1922 allerdings zu seiner Entlassung aus dem Kirchendienst. Die an ein erneutes Studium sich anschließende Tätigkeit als Religionslehrer endete 1933, nachdem Fiedler sich weigerte, im Unterricht die von Fritz Sauckel, dem frisch ernannten nationalsozialistischen thüringischen Innenminister, verordnete Propaganda durchzuführen. Fiedler lebte danach als Journalist, bis er am 2. September 1936 ohne Angabe von Gründen verhaftet wurde. Die Begründung sollte, wie es in seinem Bericht heißt, aus dem beschlagnahmten Material nachträglich zusammengestellt werden. Erst später erfuhr Fiedler, dass die Gestapo ihn verhaftet hatte, weil sie einen Spionagering um Thomas Mann vermutete, dem Fiedler angehören sollte. Fiedler gelang in der dritten Haftwoche die Flucht aus der politischen Abteilung des Würzburger Landgerichtsgefängnisses in die Schweiz, wo er bald mit der Unterstützung Manns und der Europäischen Zentralstelle für kirchliche Hilfsaktionen eine Stelle als Pfarrer erhielt und 1947 eingebürgert wurde.
Der vorliegende Bericht umfasst die Zeit des Gefängnisaufenthaltes und der Flucht, also einen Zeitabschnitt von knapp drei Wochen. Er beruht auf Notizen, die zuerst 1937 geschrieben und später von Fiedler umgearbeitet und gekürzt wurden. Der Autor berichtet über das Leben im Gefängnis mit anderen politischen Gefangenen und portraitiert das bürgerliche Umfeld. Gleich zu Beginn des Berichts heißt es, man schäme sich, "nicht schon verhaftet zu sein. Und das hatte vielleicht wie Mut ausgesehen. Aber es war eher Verzweiflung gewesen." Fiedler berichtet von der Angst der Gefängnispfarrer vor Gestapo-Spitzeln in ihren Predigten, beschreibt einen ohnmächtigen Staatsanwalt, dessen konservativer Anstand unter der Angst vor der Gestapo zu zerbröseln beginnt, und erzählt von der Haltung willkürlich verhafteter Menschen.
Die Herausgeber Klaus Bäumler und Hans-Ludwig Oertel haben alle nötigen Informationen aus Archiven, aus publizierten und unpublizierten Quellen zusammengetragen, kommentiert und in mehreren Anhängen dargestellt. Klaus Bäumler hat darüber hinaus 2012 in Harvard eine weitere Version des ursprünglich umfangreicheren Manuskripts Fiedlers ausfindig machen können, die auf einen 1940 von der Universität ausgelobten Essaywettbewerb zum Thema "My life in Germany before and after Jan. 30, 1933" zurückgeht. Auch diese Fassung ist in die Kommentierung eingegangen und würde wie alle anderen damals eingereichten Essays innerhalb und außerhalb der Mann-Forschung Beachtung verdienen; insgesamt handelt es sich immerhin um mehr als 260 Manuskripte. Erika Mann hat beispielsweise, wie die Herausgeber aufzeigen, in dem 1940 zunächst auf amerikanisch erschienenen Band "Wenn die Lichter ausgehen" eine Geschichte Fiedlers über das Alltagsleben unter dem Hakenkreuz literarisch verarbeitet. Für die Untersuchung der Exilperspektive auf Deutschland wären sie mehr als nur hilfreich.

Erschienen am 08.07.2014

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