Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Walter Cupperi / Martin Hirsch / Annette Kranz (Hg.)

Wettstreit in Erz. Porträtmedaillen der deutschen Renaissance

Berlin/München 2013, Deutscher Kunstverlag, 376 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Alois Schmid (München)      PDF-Datei


In seinem epochemachenden Buch über "Die Kultur der Renaissance in Italien" (1860) hat Jacob Burckhardt über ein zentrales Kapitel die gekonnte Überrschrift gesetzt: "Der moderne Ruhm". Darin deckte er ein neues Verständnis der "memoria" auf: War diese im Mittelalter ausschließlich auf Kirche und Religion konzentriert, so wurde sie nun auf das ehrenvolle Gedenken der Mitmenschen und der Nachwelt ausgerichtet. Sie wurde aus dem Jenseits ins Diesseits verlagert. Als entscheidendes Hilfsmittel zur Erlangung der angrestrebten Erinnerung wurden die unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst eingesetzt. In erster Linie wurde Nachruhm aber als verschriftlichter Nachruhm verstanden. In diesem Sinne erfuhren Historiographie, Biographie und auch Hagiogrphie im 16. Jahrhundert einen bemerkenswerten Aufschwung: Wer schreibt, der bleibt! Dementsprechend faßte Burckhardt seine Sicht des "modernen Ruhmes" in folgender Feststellung zusammen: "Der Poet-Philolog in Italien hat (...) das stärkste Bewußtsein davon, daß er der Austeiler des Ruhmes, ja der Unsterblichkeit sei; und ebenso der Vergessenheit". In der Nachfolge von Burckhardt konzentrierte die historische Forschung bei der Beschreibung des Kulturschaffens der Renaissance den Blick stark auf die Historiographie, die als der aussagekräftigste Schlüssel zum Verständnis der Epoche betrachtet wird.
Auf diesem Wege gerieten die anderen Bereiche des Kulturschaffens sehr in den Hintergrund. Das gilt auch für die Gedenkmünzen und Medaillen, auf die in den Jahren 2013, 2014 und 2015 eine hochrangige Ausstellung aufmerksam macht. Sie ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Staatlichen Münzsammlung München, des Münzkabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sowie des Münzkabinetts des Kunsthistorischen Museums Wien und wird in eben diesen drei Städten gezeigt. Gedenkmünzen und Medaillen werden mehr der Kleinkunst zugerechnet, die keine vergleichbaren literarischen Höhenflüge ermöglicht wie die Historiographie. Dennoch sind sie Ergebnisse der nämlichen Bestrebungen, die sich freilich eines anderen Mediums bedienen. Es wurde während der gesamten frühen Neuzeit in allen Ländern Europas gepflegt. Wegweisende Impulse gingen vom Habsburgerkönig Maximilian I. aus. In seiner Nachfolge erlebte das Porträtmedaillon geradezu als Leitmedium seinen Höhepunkt im 16. Jahrhundert. Sogar Kapazitäten wie Albrecht Dürer, Peter Vischer d.J., Lucas Cranach oder Hans Burgkmair befaßten sich damit. Rasch gewannen die Porträtmedaillen Bedeutung über den höfischen Bereich hinaus und drangen in weitere Gesellschaftsschichten ein. Als persönliche und private Erinnerungsstücke wurden sie auch von einfachen Leuten verschenkt und vererbt. Die systematische Sammlung dieses weit verbreiteten Kulturartikels wurde als obrigkeitliche Aufgabe erkannt. Bereits im 16. Jahrhundert wurden staatliche Münzsammlungen eingerichtet, die an mehreren Orten bis in die Gegenwart Bestand haben. Dieser Tradition sind sich auch die drei Veranstalter der Ausstellung, als die bedeutendsten Einrichtungen dieser Art in Europa, bewußt.
Aus ihren reichhaltigen Beständen stellen sie eine Auswahl von mehr als 200 Glanzstücken der Fachwelt und interessierten Öffentlichkeit vor. Sie konzentrieren sich gattungsmäßig auf die Medaillen, mit denen herausragende Persönlichkeiten im Porträt geehrt werden. Zeitlich wird nur die Renaissanceepoche erfaßt. Räumlich wird allein der deutsche Kulturraum abgedeckt. Entsprechend seiner großen Bedeutung für die Kultur der Renaissance findet in diesem Rahmen auch Bayern breite Berücksichtigung (S. 243-256). In der Liste der hier mit Porträtmedaillen Geehrten begegnen zum einen Große der Kulturwelt: Ludwig Senfl, Leonhard von Eck, Samuel Quiccheberg. Wichtiger ist freilich der Anteil der Akteure auf der politischen Bühne: Herzog Ludwig X., Ernst von Bayern, Anton von Ortenburg, Wilhelm V., Maximilian I., Albrecht VI. von Leuchtenberg. Vor allem am Hof Herzog Albrechts V. wurde die Medaillenkunst mit großem Einsatz gepflegt. Einzelne der hier gefertigten Prägungen haben bemerkenswerte historische Aussagekraft. Das gilt etwa für die Medaillen Albrechts V., die in der Umschrift in der Intitulatio mit unverkennbarem Selbstbewußtsein den Zusatz UTRIUSQUE BAVARIAE DUX (S. 248f. Nr. 158; S. 253f. Nr. 165) oder noch betonter den Titel MONARCHA (S. 252 Nr. 164) verwenden. Die Köpfe der Dargestellten sind bestimmt nach realistischen Vorgaben gestaltet, so daß die Medaillen durch ihre Porträttreue durchaus Rückschlüsse auf das tatsächliche Aussehen ermöglichen. Auch die Versoseiten bieten vereinzelt höchst bemerkenswerte Aussagen: Einmal wird der Wittelsbacherkaiser Ludwig IV. mit dem ungewöhnlichen Ehrentitel AUGUSTUS, PIUS, FELIX als Vorbild Albrechts V. vorgestellt (S. 252 Nr. 164). Die Porträtmedaillen bieten im Gesamtspektrum der Kunstgeschichte eher unscheinbare Bildquellen, die zweifellos in mehrfacher Hinsicht von Aussagekraft sind. Die Medaillen verdienen als Sachquellen oder "Überreste" im Sinne der Systematik Ernst Bernheims wesentlich höhere Beachtung, als ihnen bisher entgegen gebracht wird.
Der anzuzeigende Band ist das Begleitwerk zu dieser hochspezialisierten Ausstellung. In ihm bieten hochrangige Fachvertreter der Numismatik einerseits kompetente Einführungen in die Gesamtthematik und andererseits kompakte Beschreibungen der Exponate. Ihre Darlegungen müssen Anlaß sein, diese Quellengattung neben den unbestreitbar im Vordergrund stehenden Texten vor allem für die Renaissanceepoche keinesfalls aus dem Auge zu verlieren. Freilich sind zur sachgerechten Auswertung Spezialkenntnisse erforderlich, zu denen der anzuzeigende Band anhand herausragender Objekte vorzüglich verhilft. Er besticht außer durch die hochkompetenten Erläuterungen vor allem durch die hervorragenden Illustrationen. Er macht von einer sehr speziellen Seite her wesentliche Grundzüge der Epoche deutlich, die außer von Kommunikationsfreude auch von Rivalität und Konkurrenz geprägt war. Der Titel "Wettstreit in Erz" kennzeichnet dieses Leitthema kurz und sicherlich treffend. Das rundum bestens gestaltete Hochwertbuch macht einmal mehr eindrucksvoll die Bedeutung der historischen Grundwissenschaft der Numismatik deutlich, die bedauerlicherweise aus dem Fächerkanon der Universitäten fast völlig hinausgedrängt worden ist.

Erschienen am 13.06.2014

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