Konstanz 2006, UVK Verlagsgesellschaft, 378 Seiten
Rezensiert von Enno Bünz (Leipzig) PDF-Datei
Mit dem Titel der Festschrift ist das erkenntnisleitende Interesse von Rolf Kießling, der von 1994 bis 2006 den Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg innehatte, recht genau umschrieben. Das Themenspektrum des Bandes ist weniger präzise, steckt aber mit zwei Beiträgen zur Geschichte der Juden in Schwaben, sieben Aufsätzen zu Stadt-Land-Beziehungen, fünf zum Themenfeld Religion und Kultur sowie drei Beiträgen zu allgemeinen Fragen der Landesgeschichte die Arbeitsfelder und Interessenschwerpunkte des Landeshistorikers einigermaßen präzise ab.
Im Einzelnen handelt es sich um die folgenden Beiträge. I. Juden in Schwaben: Herbert Immenkötter, Zur sog. Reichskristallnacht in Augsburg (S. 13-21), verfolgt die Nachwirkungen des Ereignisses auf das christlich-jüdische Verhältnis und die strafrechtliche Bewältigung in der Nachkriegszeit. Johannes Mordstein, Die 'gläsernen Judengemeinden' - Die statistische Beschreibung der Judenschaft in der Grafschaft Oettingen-Spielberg 1757 (S. 23-47), macht auf einen 155 Blätter umfassenden Bericht der Oberämter aufmerksam und wertet sie hinsichtlich Demographie und Sozialstruktur aus. - II. Stadt und Land: Peter Blickle, Pfalbürger schwäbischer Reichsstädte. Ein Beitrag zur Konstruktion der Leibeigenschaft (S. 51-71), ordnet das Rechtsinstitut in den spätmittelalterlichen "Eigenschaftsdiskurs" ein und erörtert die Motive, die Bauern diesen Status zwischen Stadt und Land anstreben ließ. Etienne Fran‡ois, Augsburger Freiheit und preußische Tyrannei. Montesquieus Reisetagebuch durch Deutschland 1729 (S. 73-83), wertet in Deutschland bislang noch kaum rezipierte Aufzeichnungen des Philosophen über eine zweimonatige Reise von Tirol über München, Augsburg, Ludwigsburg, Städte am Mittel- und Niederrhein bis hin nach Hannover, Wolfenbüttel und Braunschweig punktuell aus. Carl A. Hoffmann, Die pfalz-neuburgischen Städte und Märkte 1505-1808. Aspekte ihrer Entwicklung und Forschungsstand zu einer Städtelandschaft (S. 85-111), bietet eine anregende Modellstudie über die herrschaftlichen, strukturellen und religiösen Rahmenbedingungen und Wechselwirkungen einer kleinstädtisch geprägten und doch vielgestaltigen Region. Dae-Hyeon Hwang, Die Söldner als Motor sozialen Wandels in den Agrargesellschaften Ostschwabens im 17. und 18. Jahrhundert (S. 111-134) verdeutlicht, dass sich die Stellung der Söldner, d.h. Kleinbauern allein besitzgeschichtlich-ökonomisch nicht erklären läßt, sondern weitere Kriterien wie Alter und Familienbeziehungen bei der Schichtenzuweisung zu berücksichtigen sind. Anke Sczesny, '... bitte ich um die milde Gabe und den Genuss der Aufnahm in die Fuggerey ...'. Bittschriften bedürftiger Leute im Augsburg des 19. Jahrhunderts (S. 135-154), wertet Fragebögen aus, die zwecks Aufnahme in die Augsburger Sozialstiftung zu beantworten waren. Wilhelm Störmer, Eine besondere Städtelandschaft in Franken. Die Kleinstädte am Mainviereck (S. 155-175), behandelt Amorbach, Klingenberg, Obernburg, Wörth und Stadtprozelten in strukturgeschichtlicher Analyse im Wandel vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit. Sabine Ullmann, Im Dienst des Kaisers - reichsgeschichtliche Aspekte der Memminger Stadtgeschichte (S. 177-196), wertet die Überlieferung des Wiener Reichshofrates aus dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts für die Stadtgeschichte aus und würdigt in diesem Zusammenhang den Memminger Bürgersohn Johann Baptist Weber, der 1559 bis 1584 als Reichsvizekanzler in Wien fungierte. - III. Religion und Kultur: Helmut Flachenecker, '... vnser wesen vnd wonunge an der stat ein nuwekeit ist'. Zu den Begarden und Beginen im mittelalterlichen Bistum Würzburg (S. 199-224), konzentriert sich auf die Bischofsstadt und wertet neue Quellen für eine Würzburger Begardengemeinschaft im 14. und 15. Jahrhundert aus. Mark Häberlein, 'Mehrerlay Secten vnnd Religionen'. Der Augsburger Arzt Leonhard Rauwolf und die Erfahrung religiöser Vielfalt im 16. Jahrhundert (S. 225-240), stützt sich vor allem auf Reisebeschreibungen seines Protagonisten, der neben Frankreich und Oberösterreich auch das Osmanische Reich kennenlernte. Thomas Max Safley, Konfessionalisierung der Kinder? Routine und Rituale im Alltag in der Augsburger Armenfürsorge und -disziplinierung der Frühen Neuzeit (S. 241-259), zeigt an einem Fallbeispiel, dass ein Heimaufenthalt schon in der Frühen Neuzeit eine verstörende Erfahrung sein konnte. Alois Schmid, P. Matthäus Rader SJ und Justus Lipsius. Aus ihrem Briefwechsel (S. 261-277), stützt sich auf die von ihm herausgegebene Korrespondenz des Jesuitenpaters Rader, der 1581 bis 1612 im Augsburger Kolleg wirkte, und zeigt anhand des Briefwechsels mit dem Späthumanisten Lipsius, dass wissenschaftliches Interesse mehr zählte als konfessionelle Widersprüche. Lee Palmer Wandel, Religion, Raum und Ort (S. 279-292), verdeutlicht in einer essayistischen Skizze anhand Augsburger Beispiele die Auswirkungen der Konfessionalisierung auf sakrale Räume (Kirchen, Kapellen, Friedhöfe). - IV. Debatten der Landesgeschichte: Dietmar Schiersner, Überblick von unten - oder: ein kleines Reich. Was hat die Regionalgeschichte der Reichsgeschichte zu sagen? (S. 295-322), beantwortet diese Frage am Beispiel der Markgrafschaft Burgau als einem "Modell" für das Reich und konzentriert sich dabei auf die Diskussionsfelder "Kohärenz" und "Modernisierung". Wolfgang E. J. Weber, Kulturhistorische Perspektiven der Landesgeschichte (S. 323-344), eröffnet aus frühneuzeitlicher Perspektive interessante Perspektiven auf ein grundsätzlich allerdings grenzenloses Thema. Andreas Wirsching, Große Fragen - kleine Antworten? Proto-Industrialisierung zwischen Theorie und Empirie (S. 345-369) macht anschaulich deutlich, dass forschungsgeschichtliche Großkonzepte immer der Gefahr ausgesetzt sind, durch landesgeschichtliche Forschung hinterfragt, differenziert und falsifiziert zu werden. Was hier kompliziert und etwas umständlich dargelegt wird, hat der Göttinger Landeshistoriker Ernst Schubert einmal auf die griffige Formel gebracht, Landesgeschichte sei eben dazu da, die Allgemeinhistoriker zu ärgern ...
Der facettenreiche Band, dessen chronologischer Schwerpunkt in der Frühen Neuzeit liegt und der geographisch mit Ausnahme weniger Beiträge auf Bayerisch-Schwaben ausgerichtet ist, wird leider nicht durch ein Register erschlossen. Noch bedauerlicher ist es, dass die Herausgeber weder ein Schriftenverzeichnis des Jubilars noch ein Verzeichnis der von ihm betreuten Qualifikationsarbeiten zusammengestellt haben, obschon dies doch gewissermaßen zum Grundrepertoire jeder Festschrift gehört. In Zeiten des Internets, mehr oder minder wohlgepflegter Homepages und elektronischer Bibliographien kann man sich zwar vieles zusammensuchen, aber es ist doch immer etwas Besonderes, die produktive Leistung eines Gelehrten auf einen Blick vor Augen zu haben, auch wenn es sich im Falle Rolf Kießlings wohl nur um eine Zwischenbilanz gehandelt hätte, wird er doch als im Mittelalter und in der Neuzeit gleichermaßen ausgewiesener Landeshistoriker in Bayerisch Schwaben mehr denn je gebraucht.
Erschienen am 20.05.2010
| [KBL-Startseite] | [ZBLG-ONLINE] | [Impressum] |